The Bass Collection


Artikulation, das unbekannte Wesen

Also, ...

Jetzt fange ich dieses Kapitel schon zum dritten Male an. Irgendwie muss ich jetzt die Kurve kriegen. Oder mache ich doch lieber was über Intervalle, oder Transistor-/Röhren-Verstärker, oder gegen Ketarristen und Keyboarder hetzen? Am Schluss war das Kapitel dann sowieso nicht genau das, was ich mir vorgestellt hatte. Selbstüberschätzung? Kann nich' sein, bin kein Guitarrero.

Morgens um halb sieben in Paderborn

Wenn ich mich morgens aus dem Bett gearbeitet habe und in die Küche gehe, um meinen Tee zu brauen, gilt der erste Griff meinem Radio. Ich höre morgens gern WDR2, und mein absoluter Lieblingsmoderator ist: Manni Breuckmann. Ich könnte auch ganz anders anfangen, z.B. dass die Stimmen von Greg Lake und Ian Anderson mir runtergehen wie Öl, oder wenn Stanley Clarke ein Solo spielt. Aber ich nehme absichtlich Manni, weil das eine ganz andere Baustelle ist. Also, zu Manni:

Für mich ist Manni Breuckmann aus verschiedenen Gründen der beste Moderator im WDR. Erstens ist das sicher seine für mich symphatische Stimme (sein Sound), die humorvolle und entspannte Art wie er Gespräche führt (seine Technik), und auch die Weise, wie er Inhalte rüberbringt (sein Stil). Und schon wird sichtbar, was ich damit sagen wollte. Der Unterschied zwischen einem Langweiler (keine Namen bitte) und einem Entertainer a'la Manni Breuckmann liegt in einer Kombination von Stil und Technik, beides persönlich und unnachahmlich. So bei einem Radio-Moderator, und so auch bei einem Musiker. Und so auch beim Bass.

Arti-was?

Wozu gehört das ganze Thema? Es gehört in den Bereich Artikulation. Und Artikulation ist das, was ein Instrument lebendig und farbig klingen lässt. Und man braucht keine 28 unterschiedlichen Noten pro Takt und Slapping und Tapping und Popping, um farbig und variantenreich zu klingen.

MIDI-Songs über eine einfache Soundkarte offenbaren das Fehlen dieser Aspekte gnadenlos: es klingt flach und eintönig, seelenlos. Artikulation ist das Schlüsselwort, und es ist harte Arbeit und viel Üben (Ja, Herr Lehrer, viel Arbeit, ..., viel Üben, ...).

Die Varianten der Artikulation im Allgemeinen und Besonderen

Die Dinge der Anschlagshand und Greifhand hattten wir in je einem Kapitel schon bearbeitet. Der individuelle Klang entstammt sicher auch dem was man spielt, aber noch viel mehr, wie man es spielt. Nein, es ist nicht so, dass die Greif- und Anschlagshand nur ihrem spezifischen Zweck dienen, sie ergänzen und ersetzen sich gegenseitig. Hammer-Ons/Pull-Offs zeigen dies, ebenso Flageolettes und der grosse Einfluss, an welcher Stelle man die Saiten anschlägt. Und ich kann mir nicht helfen, das Bass-Spiel mit dem Plektrum verhindert in meinen Augen und Ohren ein dynamisches Spiel, denn es verhindert die körperliche Interaktion mit dem Instrument.

Nächster Aspekt ist das Timing. Neben Punktlandungen auf dem Beat und Offbeat-Phrasierungen und Synkopie gibt es noch Zwischenstufen. So gerade kurz nach oder vor dem Beat ist da auch noch Raum, sein Instrument bewusst in den Vordergrund zu schieben. Zum Timing gehört auch, die Takte nicht voll auszunutzen. Wo eine Viertelnote gegeben erscheint, kann eine Achtelnote oder ein Satz Triolen viel helfen.

Letzter Betrachtungspunkt: Direkte und indirekte Pausen und Lagenwechsel. Oh je, was hab' ich mir mit diesem Kapitel nur angetan. Na ja, gehen wir es langsam an und spare ich mir mein ausholendes Geschwafel.

Ich versuche einmal, diese Dinge in ein paar gezielte Sätze zusammenzufassen.
Farbe, Leben und Bewegung in einer Basslinie entstehen zu, sagen wir, 40% aus dem Notenmaterial und dem Aufbau der Basslinie. Dies sind die Anwendungen von Intervallen und deren Qualitäten sowie der tonalen Interaktionen mit den anderen Instrumenten.
Weitere 20 % entstehen aus den rhythmischen Formen der Linie. Entweder strenge Viertel, oder triolisch, oder Mixtur plus Offbeat und Timingvarianten.
Nochmal ca. 15% gönne ich dem Instrument und dem Equipment. Für den einen oder anderen Fall mögen sich die Zahlen auch verschieben.
Die verbleibenden 25% schlage ich auf die Seite der Artikulation. Aber diese 25% lassen die anderen Anteile erst wirklich wirksam werden.
Artikulation bildet sich im Wesentlichen aus der Anwendung von Spieltechniken (HammerOn/PullOffs, Slides, Fingering/Thumping/Picking, Tapping, Flageolettes, Slapping) und der Koordination der Techniken zwischen Greifhand und Anschlagshand.
Um diese Techniken sinnvoll einsetzen zu können, ist eine gute Entwicklung der Kraft und Präzision beider Hände notwenig.
Das Ergebnis einer guten Artikulation ist, mit dem Instrument SPRECHEN zu können wie mit einer Stimme und so unserem Spiel Leben einzuhauchen.

Der vorletzte Satz musste natürlich wieder kommen.

Damit wir auch wissen, wovon wir im Detail reden, habe ich vier Hörbeispiele zusammengestellt, die aus meiner Sicht diese Fähigkeiten gut darstellen.

Beispiel 1: Stanley Clarke's Schooldays und Silly Putty, Solo und Intro

Diese beiden Ausschnitte, ein Solo und ein Intro, bringen eigentlich alles auf den Punkt, was Stanley Clarke's Spiel to unverwechselbar und typisch macht: die Kombination unterschiedlicher Spieltechniken gepaart damit, dass er viel offbeat spielt und viel phrasiert. Diese Basslinien entstehen aus einer ganz eigenen Art, Intervalle und unvollständige Akkorde einzusetzen. Zusammen mit den Clarke'schen Bendings offener (!) Saiten und der tollen Abstimmung zwischen Anschlagstechniken entsteht sein unverwechselbarer Stil. Allerdings hat Stanley Clarke auch eher Klauen als Hände, und das hört man in seinem Spiel. Aber dafür ist er King der Harmonierung.
Beispiel 2: Geddy Lee's The Body Electric Intro
Auch Geddy schert sich in diesem Intro nicht sehr viel um den Basisrhythmus in seiner strengen Grundform. Stattdessen spricht er geradezu, indem er streckenweise jenseits des binären Grundtaktes frei formuliert. Er setzt viel auf Einzelnoten und Passing Notes. Man beachte auch die geschmackvollen Slides, mit denen er lange Noten aufbricht sowie den Wechsel zwischen Onbeat und Offbeat. Was daraus entsteht, ist nicht so sehr eine Unverwechselbarkeit wie bei Stanley Clarke, dafür ist Geddy der puren Rolle eines Bassisten und Supporters viel näher, aber schliesslich darf er auch singen, was Neil Peart ihm an Text vor die Nase gestellt hat.
Beispiel 3: Jerry Peek's Cruise Missile Solo
Jerry Peek ist nicht so bekannt wie seine beiden Vorturner, aber trotzdem ein glänzender Bassist und Solist. Der Ausschnitt seines Solos hat aber mit Geddy und Stanley gemeinsam, dass rhythmisch stark variiert wird und er ein hervorragender Techniker ist. Und auch er brilliert durch die perfekte Koordination und Wechsel zwischen Onbeat und Offbeat. Jerry's Stärken sind hier String Skipping und Auswahl aus Notenmaterial über weite Bereiche.

Nimmt man die drei Leute nun ernst, könnte man schon recht einfach ableiten, worum man sich bei dem Thema Artikulation kümmern muss: Rhythmik, Spieltechniken und Koordination. Aber das ist am Ende nicht alles, denn alle vier Beispiele entstehen aus einem guten Feeling für die Notenauswahl und für präzises, phantasievolles Phrasieren. Was man aber, entweder GottseiDank oder leider, nicht lernen kann. Das muss man für sich selbst auf die Rille bringen.

Basser, halt Dein Brett sauber

Es erscheint angebracht, an dieser Stelle ein Fazit zu ziehen: artikuliertes, koordiniertes Spiel setzt die Beherrschung des Instruments in seiner Gesamtheit voraus. Was heisst: Saiten in Bewegung zu setzen ist eine Seite der Medaille, die andere ist es, dies so tun zu können, wie beabsichtigt. Heisst auch: Kontrolle.

ABS für Basser

Dämpfen, string damping, string control

Eine Saite am Schwingen zu hindern, kann mit beiden Händen geschehen, und das auch noch in vielfältigster Weise, abhängig von der Spielsituation.

  1. Anschlagshand: Wenn man von einer tieferen Saite auf eine höhere wechselt, geschieht eine Dämpfung meistens automatisch oder sie bietet sich an, da der anschlagende Finger ja eh auf der tieferen Saite landet. Die Dämpfung kann aber auch bewusst und saitenunabhängig erfolgen.
  2. Greifhand: Entweder 'automatisch' beim Abheben des jeweils greifenden Fingers oder bewusst durch Dämpfen der Saite mit einem Finger oberhalb des aktuell greifenden. Weitere Möglichkeit: gezieltes Dämpfen einer Saite mit einem freien Finger.

Die Mannigfaltigkeit der Saitendämpfungen. Aber ein gezieltes, genaues Däpfen der Saiten ist enorm wichtig für ein fliessendes Spiel. In den Übungen kommt noch etwas dazu.

Effektivität

Durch extensives Arbeiten beim Spiel werden nicht nur unnütz Kalorien verbraucht, sondern man verliert einen erheblichen Anteil an Geschwindigkeit und Zielgenauigkeit. Für die Greifhand ist es wesentlich, nur die Bewegungen zu machen, die für's Greifen auch wirklich notwendig sind. Für die Anschlagshand gilt das Gleiche. Die Anschlagshand sollte sich im Idealfall nur senkrecht zu den Saiten verschieben und der Arm relativ statisch bleiben.

Wer nun den Profis und Könnern genauer auf die Hand schaut, wird wahrscheinlich wie ich feststellen, dass der Fluss und die Präzision nicht aus der Greifhand kommt (die ist eher für's Energiesparen zuständig), sondern aus der Anschlagshand.

Reichweite

Last but not least. Entwicklung der Greifhand ist auch eine Frage von Kraft und Zielgenauigkeit. Aber wenn man die Finger nicht auseinander kriegt oder nur zwei der vier benutzen kann (weil die letzten beiden unterentwickelt sind), ist das ein Handicap erster Güte.

Daher auch die dezente Hinweis auf Übungen, die die Spreizfäfigkeit entwickeln.

Übungen wiederum finden sich im Practice Book. Mechanik vor Rhetorik.

Der Weg in's Leben

Das Finden seiner eigenen Spielweise ist persönlich und individuell. Aber Übungen gibt es schon, die zuerst diese Koordination verbessern helfen. Grösste Hürde ist dabei ein ökonomisches, möglichst effektives Arbeiten der Greifhand.

Ein ganz wichtiger Anteil zum Lernerfolg im Phrasieren ist das Improvisieren. Aus diesem Grund halte ich Improvisationübungen mit dem Drumcomputer, oder besser noch einem realen Drummer, für enorm weichtig, sobald man die grundlegenden technischen Anteile hinter sich hat. Improvisieren-können setzt auch voraus, dass Muster und Intervall-Funktionen durch intensives Hören der Meister bereits weitgehend verinnerlicht ist. Wenn mir also jemand erzählt, er würde ganz toll spielen, aber sehr selten andere Musik als seine eigene hören, hat das für mich schon einen schlechten Nachgeschmack.

Artikulation ist die Fähigkeit, Gedanken und Assoziationen, bewusst und unbewusst, in verständliche und verstehbare Sprache umzusetzen. Konstantes, effektives und langweiliges Üben ist die Voraussetzung dazu. So wie Rhetorik und Dialektik erlernbar und übbar sind, so ist das Bass-Spiel übbar. Und mehr, ist erst die Beherrschung der Sprache und des Instruments ein Weg zu artikulieren.

Die Idee, den Funken, die Kreativität ersetzt es nicht. Das ist das Potential und die Genialität des Einzelnen. Leider und auch glücklicherweise, sonst würden Tausende von Jacos, Stanleys und Daves durch die Welt laufen.

 
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