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Per Anhalter durch das Real Book
oder .... Jazz für Rockbassisten
Nein, das wird kein Workshop für Jazz-Spezialisten,
dafür hab ich viel zu wenig Ahnung von der Materie. Es
soll auch niemand auf die Idee kommen, dass das, was ich hier
schreibe, bis auf das i-Tüpfelchen korrekt mit der Jazz-Harmonielehre
in Einklang steht. Es geht mir eher darum, den Bassisten die
Scheu vorm Einstieg zu nehmen, die gerne mal Jazz spielen
würden, aber fürchten, das wäre nur was für
Leute, die sehr ausgiebig die Theorie gelernt haben.
Bei meinen ersten Jazz-Gehversuchen hatte ich genau diesen
Eindruck, denn einige der Jazzer, die ich damals kennengelernt
habe, machten aus ihrem Fach gerne etwas Geheimnisvolles bzw.
Elitäres. Nach ein paar Takten Jammen kamen schon einmal
mitleidige Blicke und gutgemeinte Kommentare der Art über
diesen Akkord muß man aber phrygisch" spielen,
sag bloß du kennst die Modes nicht?". Man bekommt,
wenn man auf dieser Art mit dem Jazz Bekanntschaft macht,
schnell das Gefühl, daß das etwas ganz Kompliziertes
und Schwieriges ist.
Die Unsicherheit wird noch größer wenn man zum
erstenmal in das berüchtigte Realbook" schaut.
Beim Realbook handelt es sich um eine Sammlung von Transkriptionen
von Jazzstandards. Es sind dabei jeweils die Melodiestimmen
ausnotiert, die Begleitung ergibt sich aus Akkordsymbolen,
die über dem jeweiligen Takt erscheinen. Falsch - die
Begleitung ergibt sich nicht, wir müssen uns anhand der
Akkordsymbole eine passende Bassbegleitung ausdenken. Zu allem
Übel bleibt es im Jazz nicht bei den gängigen Akkorden,
sondern es erscheinen Akkordsymbole mit den wildesten Erweiterungen
- teilweise halbtaktig - die einem tiefe Falten auf die Stirn
zaubern, wenn man es nicht gewohnt ist (wer zufällig
ein Realbook zur Hand hat und mal durchblättert, weiß
was ich meine).
Als ich zum erstenmal Jazz-Bassisten sah, die solche Stücke
wie selbstverständlich begleiten können - und das
auch noch aus dem Stegreif - klappte meine Kinnlade runter.
Wieviel Arbeit ist es wohl, so weit zu kommen? An diesem Punkt
ist man als Anfänger häufig genug geneigt, das Projekt
Jazz" sausenzulassen.
Wir lassen uns so schnell noch nicht ins Boxhorn jagen. Anhand
eines Beispiels werden wir lernen, daß es keine höhere
Wissenschaft ist, Jazz-Standards mit dem Bass zu begleiten.
Mit einem Minimum an Theorie als Grundlage mogeln"
wir uns gleich durch ein häufig gespieltes Stück
und greifen dabei lediglich auf eine Maj-Skala (einschließlich
der parallelen Mollskala) zu und auf das Wissen wie man auf
dem Bass vom derzeitigen Grundton aus eine Quinte abwärts
bzw. eine Quarte aufwärts kommt. Das schafft man auch
ohne Musikstudium. Wir werden auch erkennen, daß sich
die auf den ersten Blick kompliziert erscheinenden Akkordverbindungen
in der Regel auf wenige, relativ einfache Grundschemen zurückführen
lassen.
Bei diesem Beispiel lernen wir ganz nebenbei sogar noch etwas
über im Jazz übliche Kompositionstechniken und üben
gleichzeitig Walking-Bass (obwohl im Jazz auch häufig
Latin-Basslinien zum Einsatz kommen, wollen wir hier walken",
denn damit erhält man ein gutes Gefühl dafür,
wie man Harmonien hörbar macht, ohne Akkorde zu spielen
- eine Fähigkeit, die wir auch in anderen Stilrichtungen
gut gebrauchen können).
Legen wir also los.
Kochrezept für einen Jazz-Standard
- Teil 1
Man nehme .... wie ich schon sagte, eine einzige Skala. In
diesem Fall soll es die G-Major-Skala sein (das hat keinen
besonderen Grund, es kommt dann nur ein ganz bestimmter Jazz-Standard
raus, und zwar in der Tonart, in der er häufig gespielt
wird). Die sieht auf dem Griffbrett so aus:

(Bild 1: Griffdiagramm G-Major-Skala)
und auf dem Notenblatt, bzw. in der Tabulatur so ....
| G-Major-Skala: |
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Das sollten wir uns einprägen. Gleichzeitig sollten
wir uns bei Rainer nochmal das Kapitel Harmonisation"
anschauen. Das Nachschauen sparen wir uns, wenn wir wissen,
daß über jedem Ton dieser Skala , wenn man darauf
mit Skalentönen Terz auf Terz schichtet, ein Akkord entsteht.
In diesem Fall sind es folgende Akkorde: Gmaj7, Am7, Bm7,
Cmaj7, D7, Em7, F#m7b5.
Unser Standard ist, was den Ablauf betrifft, recht simpel.
Er besteht aus einem A- und einem B-Teil mit jeweils 16 Takten.
Nehmen wir uns zunächst die ersten 4 Takte des A-Teils
vor: Nehmen wir an (das ist sehr häufig der Fall), das
Stück beginne auf der 2. Stufe, und das ist ... richtig,
Am7. Der klingt als Arpeggio gespielt so:
| Am7-Arpeggio: |
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Nun bewegen wir uns von Takt zu Takt jeweils (wie ich das
schon angekündigt habe) in Quinten abwärts bzw.
- das kommt bekanntlich auf's Gleiche raus - in Quarten aufwärts.
Von Am7 aus heißt das für den 2. Takt: D7:
| D7-Arpeggio: |
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für den 3. Takt ... ganz genau: Gmaj7:
| Gmaj7-Arpeggio: |
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der vierte Streich trägt - man ahnt es schon - die Überschrift
Cmaj7:
| Cmaj7-Arpeggio: |
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So weit so gut. Man hört, wenn man diese Arpeggios hintereinander
spielt, schon mal wie unsere Kadenz klingt (kommt es schon
jemandem bekannt vor?). Das ist jetzt natürlich noch
keine interessante Walking-Bass-Line, aber das bekommen wir
auch schnell hin. Dafür gibt es (wir erinnern uns an
das einschlägige Just Chords - Kapitel) mehrere Möglichkeiten
(there's more than one way home):
1. Wir verwenden Akkordtöne
Das haben wir mit unseren Arpeggios oben auch getan, aber
so klingt es doch interessanter:
| Akkord-Walking
Bassline: |
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Keiner kann uns beim Walken verbieten, die Reihenfolge der
Akkordtöne mal umzudrehen, bzw. Töne zu wiederholen.
Man sollte nur darauf achten, daß wir den Grundton auf
die erste Taktzeit setzen (man kann unter bestimmten Voraussetzungen
auch einen anderen Akkordton für die 1 nehmen, aber für
den Anfang machen wir es uns einfach und bleiben bei den Grundtönen
- das funktioniert immer).
2. Wir verwenden Töne aus der Skala
Das könnte dann z.B. so aussehen:
| Skalen-Walking
Bassline: |
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Hier gilt wie bei Möglichkeit 1: Grundton auf Taktzeit
1 paßt immer. Auf die starke Taktzeit 3 sollte man einen
Akkordton setzen. Auf Taktzeit 4 gehört ein Ton, der
elegant zum nächsten Grundton überleitet. Das ist
immer dann der Fall, wenn er vom nächsten Grundton nicht
weiter entfernt ist als eine große Sekunde (bzw. nicht
weiter weg als 3 Bundstäbchen).
Diese Überleitung
| Überleitung
Version I: |
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hört sich z.B nicht so elegant an wie diese:
| Überleitung
Version II: |
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3. Wir verwenden chromatische Durchgangstöne
Z.B. so:
| Chromatisch-gefärbte
WBL: |
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Diese Durchgangstöne möglichst nicht auf starke
Zählzeiten, dann paßt es schon.
Im Prinzip sind wir jetzt schon am Ziel. Durch diese vier
Takte kommen wir durch, und zwar mit wenig Grundwissen. Wir
könnten es uns sogar besonders leicht machen, uns um
maj7 oder 7-Akkorde einen feuchten Kehricht scheren und uns
für diese (im Jazz sehr häufige) Akkordsequenz folgende
Eselsbrücke merken:
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Vom Grundton aus
walken" wir (wie auch immer - am besten
in einer Linie aufwärts oder abwärts)
so rauf oder runter, daß wir beim nächsten
Takt eine Saite höher auf dem gleichen Bund
ankommen (die Quarte aufwärts) oder eine Saite
und 2 Bünde tiefer (die Quinte abwärts).
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Den jeweils letzten Ton auf der Taktzeit 4 setzen wir nicht
weiter als 3 Bundstäbchen vom nächsten Grundton
entfernt.
Und diese Eselsbrücke funktioniert. Probiert es aus.
Wir können im Prinzip jegliches theoretische Grundwissen
komplett ausblenden und uns nur anhand der Positionen auf
dem Griffbrett durch diese Akkordfolge hangeln. Auf den Punkt
gebracht: Jeder, der gerade mal das berüchtigte Smoke
On The Water"-Riff spielen kann, kommt durch die ersten
vier Takte dieses Jazzstandards, und zwar ohne daß die
Jazz-Polizei einschreiten wird (beim Walken einen Gesichtsausdruck
aufsetzen als wäre es das Selbstverständlichste
der Welt, und die Jazz-Polizisten am Tresen werden anerkennend
nicken).
Und wenn wir halbwegs elegant durch diese vier Takte kommen,
kommen wir auch schon durch das halbe Real Book, denn wir
haben es mit der weitaus häufigsten Kadenz zu tun - mit
dem VW Golf der Jazz-Literatur. Das Ding heißt Quintfallsequenz".
Die häufigste Sonderform dieser Quintfallsequenz sehen
wir in den ersten drei Takten: Am7-D7-Gmaj7. In Stufen ausgedrückt:
ii-V-I in Dur.
Jeder Bassist tut gut daran, gerade diese ii - V - I Verbindung
in Dur zu üben und sich alle möglichen Walking-Basslines
(oder auch andere Basslines) auszudenken, mit denen man durch
diese Kadenz kommt. Von jeder Minute die wir uns damit beschäftigen,
werden wir enorm profitieren. Denn nicht nur im Jazz, sondern
auch im Rock oder Pop haben wir damit einen Knaller im Repertoire
(weder Carlos Santana noch Gary Moore wollen bei ihren Gitarrenballaden
auf ii-V-I in Dur verzichten). Manchmal (falsch Bernd - sehr
oft) spart man sich die Aulösung zur I und man spielt
ii-V, ii-V, ii-V, ii-V bis zum Abwinken. Allein damit kann
man mehrstündige Jam-Sessions bestreiten).
Zu den Möglichkeiten, elegante WBLs zu entwickeln, gibt
es eine ganze Menge Stoff. Im einschlägigen Artikel von
Adam Nitti ist das sehr schön
beschrieben. Deshalb belassen wir es hier bei den einfachsten
Grundlagen und gehen nicht weiter darauf ein.
Pause ...
An dieser Stelle wird es Zeit kurz zu verschnaufen und nochmal
in zusammenzufassen, was wir jetzt bereits wissen:
- Eine der häufigsten Akkordfolgen im Jazz ist die
Quintfallsequenz mit ihrer Sonderform, der ii-V-I-Verbindung
in Dur.
- Eine elegante Walking-Basslinie für diese Kadenz
ergibt sich fast wie von selbst, wenn wir so aufwärts,
respektive abwärts walken, daß wir auf der 1
des folgenden Taktes (ohne großen Intervallsprung
von Taktzeit 4 auf Taktzeit 1) eine Saite höher auf
dem gleichen Bund ankommen, bzw. eine Saite und 2 Bünde
tiefer.
Das Kochrezept - Teil 2
Alles klar soweit? Dann können wir weitermachen. In
den ersten vier Takten unseres Jazz-Standards hatten wir den
VW Golf der Jazz-Literatur - jetzt kommt der Ford Fiesta (von
mir aus auch der Opel Vectra).
Wo waren wir im Takt vier angekommen? A-Saite, 3. Bund. Das
C also. Der passende Akkord darüber (Terz auf Terz) ist
der Cmaj7. Versuchen wir nun mal mit unserer Eselsbrücken-Quinten-Methode
weiterzumachen, also zwei Bünde und eine Saite
tiefer" ... und jetzt stellen wir fest, daß Eselsbrücken
ihre Grenzen haben. Wir landen nämlich auf dem F, und
das hört sich, insbesondere mit dem passenden Akkord
darüber absolut bescheiden an (die Jazzpolizisten im
Publikum holen jetzt ihr Handy raus und klingeln den diensthabenden
Jazz-Staatsanwalt aus dem Wochenende). Hier ist was faul -
aber was?
Ganz einfach. Wir sind ja in der Gmaj-Skala und die hat nun
mal kein F, sondern ein Fis. Und der passende Akkord auf diesem
Fis hört sich nun wieder sehr interessant an. Das Arpeggio
lautet (Terz auf Terz): Fis - A - C - E.
| F# - A - C -
E Version: |
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Der besondere Klang dieses Akkords entsteht dadurch, daß
die Quinte um einen Halbton vermindert ist. Es ist der Akkord
auf der 7. Stufe der Gmaj Skala, und das Akkordsymbol lautet
F#m7b5.
Wir fangen also im 5. Takt mit F#m7b5 an. Ab hier funktioniert
auch wieder unsere Quintenmethode. Es kommt nur etwas Raffinesse
in die Sache, d.h. auf die ganz einfache Tour klappt es nicht
mehr. Warum? Schauen wir mal. Vom Fis aus eine Quinte abwärts
landen wir für den 6. Takt auf dem B (mit Bm7 als Akkord),
und für den 7. Takt auf dem E (mit Em7).
Hören wir uns die Sequenz mal an:
| Noch'ne Sequenz
... : |
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Nicht schlecht, aber wie wäre es damit:
| F#m7b5 - B7
- Em7 Sequenz: |
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Das klingt um einiges besser, oder etwa nicht? Was ist anders?
Ganz einfach, wir haben aus dem D ein Dis gemacht und damit
aus dem Bm7 einen B7. Einen Akkord mit Dominantsept-Charakter,
der förmlich danach schreit, zum Em7 hin aufgelöst
zu werden. Wir haben nun nicht mehr Gmaj7 als harmonische
Basis, sondern Em7, die Mollparallele. Die passende Skala
ist, da wir das Dis eingefügt haben, harmonisch Moll,
die hier deshalb so gut klingt, weil wir auf ihrer 5. Stufe
diesen starken Dominantseptakkord erhalten.
Die Kadenz bezogen auf die Basis Gmaj 7 (F#m7b5-Bm7-Em7),
in Stufen ausgedrückt vii-iii-vi wird bezogen auf die
Basis Em7 (F#m7b5-B7-Em7) zu ... na? Richtig: ii-V-i
Kommt uns das irgendwie bekannt vor?
In den Takten 1 bis 3 hatten wir ii-V-I und Dur, jetzt haben
wir ii-V-i in Moll. Ebenfalls ein Klassiker in Jazz und Pop
(hört Euch die Kadenz mal auf eurem Bass an und wenn
die Ohren sich daran gewöhnt haben den Song Moon
Over Bourbon Street" von Sting).
Es gilt das gleiche wie bei ii-V-I in Dur. Wir sollten uns
für diese Kadenz ebenfalls alle möglichen Basslinien
ausdenken und üben, bis es wie im Schlaf sitzt, denn
ii-V-i in Moll wird uns beim Jazzen fast genauso häufig
begegnen wie die Variante in Dur.
Auf verschiedene Walking-Bass-Linien für diese Kadenz
verzichte ich hier mal. Denkt Euch bitte - um die Konstruktionsprinzipien
für WLBs zu üben - selber welche aus (Akkordtöne,
Skalentöne, chromatische Durchganstöne). Je mehr,
desto besser. Auch hier gilt - von jeder Minute Übungszeit
werdet ihr enorm profitieren.
Jetzt fehlt noch der 8. Takt unseres Jazz-Standards. Da Em7
so eine schöne Basis ist (was dem B7 zu verdanken ist),
machen wir diesmal nicht unseren Quintensprung, sondern bleiben
auf Em7. Wenn wir nun die Takte 1 bis 8 einfach wiederholen
ist der A-Teil unseres Jazz Standards schon fertig. Die Akkordfolge
im Ganzen lautet
||: Am7 | D7 | Gmaj7 | Cmaj 7 |
F#m7b5 | B7 | Em7 | % :||
Jetzt lasse ich auch mal die Katze aus dem Sack. Wer den
Walking-Bass-Artikel von Adam Nitti durchgearbeitet hat, ist
auch schon längst auf den Trichter gekommen. Unser Jazz-Standard
heißt Autumn Leaves". Ein absoluter Jam-Session-Klassiker.
Er eignet sich ideal für den Einstieg in den Jazz, denn
er ist ein Musterbeispiel für die Wirkung so häufigen
ii-V-I Kadenzen in Dur und Moll. Wir sehen das Kompositionsprinzip
Quintfallsequenz" in Reinform, und wir erkennen
auch eine anderes, für den Jazz ganz typisches Merkmal:
Im Gegensatz zu Pop oder Rock bleiben Jazz-Stücke selten
auf einer harmomischen Basis, sondern modulieren von einem
tonalen Zentrum zum anderen. Der A-Teil von Autumn Leaves
moduliert von Gmaj als als harmonischer Basis zur Mollparallele
Em (harmonisch). Das Stück gehört deshalb zu den
einfacheren Fällen, da wir immerhin jeweils vier Takte
auf einer Basis bleiben - andere Stücke treiben"
es bunter mit uns.
Bevor wir in den B-Teil einsteigen nochmal ein kurzes Zwischenfazit:
- Neben der ii-V-I Verbindung in Dur gibt es als weiteren
häufigen Sonderfall der Quintfallsequenz die ii-V-i
Verbindung in Moll.
- Die dazu passende Skala ist Harmonisch-Moll, denn diese
hat auf der Stufe vii einen ganz starken Leitton und damit
auf der Stufe V auch einen ganz starken Dominatseptakkord.
Kochrezept für einen Jazz-Standard
- Teil 3
Kommen wir also zum B-Teil. Ein B-Teil ist dazu da, Abwechslung
in die Sache zu bringen. Wie hat der Komponist von Autumn
Leaves das hinbekommen? Nun - Joseph Kosma hat sich die Sache
ganz einfach gemacht: Im A-Teil kam zuerst Dur und dann Moll.
Im B-Teil machen wir es doch einfach umgekehrt",
hat er sich wohl gedacht.
Es geht im B-Teil also los mit ii-V-i in Moll und dann kommt
ii-V-i in Dur. Die Takte 1 bis 4 lauten dann
| F#m7b5 | B7 | Em7 | % |
In den Takten 5 bis 8 kommt also die Modulation nach Gmaj
und es heißt
| Am7 | D 7 | Gmaj7 | Cmaj7 |
Und die erste Hälfte des B-Teils ist schon mal im Kasten.
Ich nehme mir an Joseph Kosma ein gutes Beispiel, mache es
mir einfach und erspare es mir hier, passende Basslinien zu
notieren. Ihr macht das bitte zur Übung selbst. Da ihr
ja schon die ii-V-I Verbindungen bis zum Abwinken geübt
habt, ist das für Euch auch gar kein Problem mehr.
Wir steigen in die Wiederholung ein und es heißt in
Takt 9, 10 und 11 des B-Teils
| F#m7b5 | B7 | E-7 ...
Hier muß der Komponist ein schlechtes Gewissen bekommen
haben und hat dann noch etwas Abwechslung reingebracht. Das
heißt für uns, daß wir mit unserer Quintfall-Methode
mal nicht weiterkommen, allerdings nur zwei Takte lang. In
Takt 9 und 10 wechselt es halbtaktig und zwar
| E-7 Eb7 | D-7 Db7 |
(Es gibt hier noch andere Varianten, z.B | E-7 A7 | D-7 G7
|)
Eine chromatische Abwärtsbewegung, die auf ein Cmaj
7 in Takt 13 führt. Was da nun harmonisch genau passiert,
soll uns in diesem Moment gar nicht interessieren. Es kann
uns immer wieder passieren, daß Harmoniewechsel auftauchen,
die uns nicht geläufig sind, und wir können an diesem
Beispiel sehr schön üben, wie wir uns in so einem
Fall aus der Affäre ziehen. Machen wir es hier ganz einfach
und spielen eine Viertel-Grundtonlinie.
Für diejenigen, die es gar nicht abwarten können:
Wir haben es mit einer Modulation in Verbindung mit Akkordsubstitutionen
zu tun. E-7 kann man nicht nur als Stufe i von Em ansehen,
sondern auch als Stufe ii einer ii-V-I Verbindung mit Dmaj7
als I. In diesem Fall wird die I unterschlagen, zusätzlich
der A7 (V) durch einen Eb7 ersetzt.
- Das ist eine sogenannte Tritonus-Substitution"
(was es damit auf sich hat, kommt in einem späteren
Beitrag dran).
Im 2. Takt dieser Sequenz kommt eine Modulation um zwei Halbtonschritte
nach unten, d.h. eine ii-V-I Verbindung mit auf Cmaj7 mit
den Akkorden D-7, G7, Cmaj7. Der G7 wird wieder durch die
Tritonus-Substitution zu Db7.
| Tritonus-Subst.
Sequenz: |
|
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Auch das kann man im Jazz durchaus mal machen, denn es bringt
- in diesem Fall für zwei Takte - etwas Ruhe in die Begleitung.
Laßt Euch aber nicht davon abhalten, andere Möglichkeiten
dafür zu suchen, wie man durch so eine chromatisch absteigende
Akkordsequenz walkt.
Nun sind wir also in Takt 13 mit Cmaj7. Es sind nur noch
drei Takte bis zum Ende. So viel sei verraten, das Stück
kommt auf E-7 raus. Mit welchem Akkord kommen wir elegant
dahin? Das hatten wir schon mal - richtig B7. Die Akkordfolge
in den letzten vier Takten lautet also:
| Cmaj 7 | B7 | E-7 | % |
Und hier nochmal die Akkordfolge des ganzen Stücks im
Zusammenhang:
| A: |
||: Am7 | D7 | Gmaj7 | Cmaj7 | F#m7b5
| B7 | E-7 | % :|| |
| B: |
| F#m7b5 | B7 | E-7 | % | A-7 | D7 |
Gmaj7 | Cmaj7 |
| F#m7b5 | B7 | E-7 Eb7 | D-7 | Db7 | Cmaj7 | B7 | E-7
| % | |
Wir haben also jetzt mit relativ geringem Grundwissen durch
einen häufig gespielten Jazz-Standard gearbeitet und
dabei schon einmal einige wenige, dafür sehr brauchbare
Dinge gelernt, die uns noch sehr häufig begegnen werden.
Die Mühe diesen Artikel durchzuarbeiten hat sich gelohnt,
wenn zumindest das hier hängenbleibt.
- Jazz-Stücke sind in aller Regel harmonisch komplizierter
als das in Rock oder Pop üblich ist. Die auf den ersten
Blick ungewöhnlich oder schwierig erscheinenden Akkordverbindungen
lassen sich aber fast immer auf einfache, häufig wiederkehrende
Grundmuster zurückführen.
- Die häufigsten Akkordverbindung sind die ii-V-I Verbindung
(Dur) und ii-V-i (Moll). Diese Verbindungen sollte man kennen
und ausgiebig üben. Wenn das einigermaßen sitzt,
ist das schonmal die halbe Miete um ohne größere
Probleme bei Jam-Sessions mithalten zu können.
- Trifft man auf Akkordverbindungen, die nicht geläufig
sind (das wird immer wieder vorkommen, auch dann, wenn wir
mehr Standard-Akkordverbindungen kennen als ii-V-I) heißt
es keine Panik" und weiterspielen. Oft sind es
nur wenige Takte, die Probleme machen. Man kann sich dann
z.B. mit einer Grundtonlinie aus der Affaire ziehen.
Als Übungsstoff empfiehlt es sich also, sich intensiv
mit ii-V-i und ii-V-I auseinanderzusetzen. Es bringt sehr
viel, wenn man sich für diese Verbindungen alle möglichen
WBLs ausdenkt und auch aufnotiert. Auf diese Art und Weise
entsteht ein Repertoire an passenden WBL-Licks. Wenn man das
auf diese Weise ausgiebig geübt hat, kommt irgendwann
wie von selbst die Fähigkeit, passende WLBs aus dem Stegreif
zu spielen.
[Aus dem Bayrischen
übersetzt vom ... Sätzer]
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