The Bass Collection


Praktische Harmonisierung

Erinnert Ihr Euch noch an das Thema Scale Harmonisation? War im Theorie-Teil und es ging um den Aufbau der Stufen-Akkorde auf den Noten einer Tonleiter. Hatten wir uns so auch gefragt, etwas entnervt: Wat soll der Quatsch eigentlich? Ich mache meine Drohung wahr, und hier ist eine mögliche praktische Anwendung.

Was dabei herauskommt, ist nicht ganz so auf begleitende Funktionen des Basses ausgerichtet, eher ein wenig in Richtung Solo-Spiel oder einfach Frickelei. Fangen wir erst einmal an.

Stufen-Akkorde

Wenn man auf den Noten einer Tonleiter diatonisch, also nur Noten dieser Tonleiter verwendend, mittels Terzschichtung Akkorde aufbaut, ergeben sich die Stufen-Akkorder der Leiter. Für eine Dur-Tonleiter war das:

I

IIm

IIIm

IV

V

VIm

VIIdim

VII

C

D

E

F

G

A

B

C

C major

D minor

E minor

F major

G major

A minor

B dim

C major

Hier das Ergebnis akustisch, als Arpeggios:

Scaling #1: Dur-Stufen-Akkorde MIDI TablEdit

Toll, und? Wenn wir nun eine Melodie oder einen Riff nehmen, können wir diese durch Noten der Akkorde ergänzen, die zu den entsprechenden Stufen-Akkorden gehören. Auf der Gitarre ist das ein ganz normaler Vorgang. Auf dem Bass müssen wir da ein wenig aufpassen, denn wir können aufgrund der Tonlage nicht so problemlos beliebige Noten kombinieren, wenn sie nahe zusammenliegen. Es klingt nämlich sonst etwas matschig.

Äh, wofür eigentlich?

'Tschuldigung, hatte ich ganz vergessen. Mittels Harmonisierung einer Basslinie wird aus der Ein-Noten-Linie eine Akkordfolge. Die klingt viel voluminöser, trägt gut, klingt gut. Und mit so etwas kann man auch Solo-Parts entwickeln, oder Duette mit Gitarren, Vokalisten oder sonst etwas.

Gut, und wie?

Welches Notenmaterial wir nun auswählen, also welche Noten wir aus den Akkord-Strukturen nehmen, hängt weitgehend vom Kontext ab. Daher ist es sinnvoll, den Begriff 'Harmonisierung' etwas weiter zu fassen, und die Akkordstrukturen als Komplett-Angebot zu werten, nicht als Regelwerk.

Die Basis-Linie

Die Basislinie zum Demonstrieren ist eine ganz einfache: A - G - F - E - C - D - A. Die Brauchbarkeit dieser Folge ist begrenzt, aber es soll ja auch nur ein Beispiel sein. Trotzdem mal hören?

Scaling #2: Basis-Linie MIDI TablEdit

Die Erweiterung durch Quinten und Oktaven wäre in diesem Brecher schon eine Erholung. Aber für weitere Noten brauchen wir schon den Rückgriff auf die Akkorde. Die Linie scheint auf A zu basieren, denn sie beginnt mit A und endet dort. (Geniale Erkenntnis! Der Setzer). Sie ist aber dann keine Dur-Linie, was man schon hört, aber auch daraus erkennen kann, dass von A nach G geht: das ist minor7th, und dass das C drin ist (minor3rd), aber kein C#, wie es sich für eine Dur-Linie gehören wird. Hmm, das hatten wir noch nicht ... Harmonisierung einer Natürlich-Moll- = Äolisch-Moll-Leiter = 6. Stufe der Dur-Leiter. Das können wir aber genauso tun wie bei der Dur-Leiter, Harmonisieren geht für alle Leitern! Immer schön diatonisch bleiben.

Damit sofort alles zusammen haben, machen wir die Harmonisierung direkt für drei Terzen und bekommen die Siebener-Stufenakkorde für die Moll-Leiter. Falls nicht mehr nachvollziehbar, zurück in den Theorie-Teil!

Im

IIdim

bIII

IVm

Vm

bVI

bVII

A

B

C

D

E

F

G

Am

Bdim

C

Dm

Em

F

G

Am7

Bm7b5

Cmaj7

Dm7

Em7

Fmaj7

G7

(Warum kommen in der A-Moll-Leiter nur die Grundtöne der C-Dur-Leiter vor?)

Sieht zuerst etwas seltsam aus, das Ergebnis dieser Harmonisierung. Aber tatsächlich kommt auf der zweiten Stufe ein dim-Akkord heraus. Falls übersehen: zur Unterscheidung von den Stufen-Akkorden der Dur-Leiter findet sich in den Stufen-Nummern nun für die Terz, die Sexte und Septime ein b vor der römischen Nummer, um den Intervall-Zusammenhang klar zu zeigen. Auch für die obige Dur-Leiter hatte ich schon die vollständige Stufen-Bezeichnungen verwendet. Gesehen? Damit werden auch die Kadenzen etwas klarer, bzw. die seltsamen Stufen am Ende in der Tabelle.

Und damit haben auch sofort die möglichen Akkord-Noten für unsere kleine Linie zusammen. Der Rest ist Anwendung und Auswahl, folgende Möglichkeiten fallen in's Auge:

Nur Terzen dazu:

Scaling #3: Grundtöne + Terzen MIDI TablEdit

Ich habe allerdings hier eine gute Regel wegen der besseren Sichtbarkeit nicht beachtet: Werden Akkordtöne als Parallelnoten verwendet, sollten sie mindestens eine Oktave auseinanderliegen, da sie sonst wegen der geringen Frequenzunterschiede nicht hörbar sind.

Oder wir nehmen die kompletten Stufen-Akkorde als Arpeggios:

Scaling #4: Stufen und Arpeggios MIDI TablEdit

Ich gebe es ja zu: ich habe ein wenig mehr getan. Nämlich ...

  • Ich lasse die Noten innerhalb eines Akkordes klingen und spiele sie nicht als Stops. So ergibt sich Volumen und Fläche. Heisst aber, dass man Quasi-Barre-Griffe braucht (mehrere Saiten mit dem Zeigefinger bundparallel aufliegend, ächz ...).
  • Bei einigen Akkordwechseln nehme ich kurz unsere Tonika, das 'A', mit in die Linie. Hat zwei Vorteile: einmal wird die starke Gradlinigkeit aufgebrochen, und zweitens gibt es mir etwas Zeit für einen sauberen Akkord- und Lagen-Wechsel.
  • Ich ziehe die Arpeggios nicht brutal durch, sondern wechsele etwas über die Takte. Auch dadurch wird die Linienhaftigkeit abgemildert.

Oder, fast schon ein bischen jazzig: die Siebener-Akkorde ohne die Terzen:

Scaling #5: Siebener ohne Terzen MIDI TablEdit

Na ja, hat sich was mit Praxis-Nähe. Aber es sollten ja auch nur Beispiele sein, die zu eigenen Experimenten ermutigen.

Wer gerne noch mehr zu diesem Thema haben möchte, der findet in Paul Westwood's Bass Bible ausreichend Material. In der Section Stanley Clarke, Chuck Rainey, aber auch in den hinteren Kapitel (#1002 ist herrlich, und beeindruckend).

So, und wenn wir diese Dinge zusammennehmen, noch einen kleinen chordal fake einbauen, hintereinander ketten und in der Mitte noch etwas aus den vorherigen Kapiteln einbauen, dann haben wir ihn schon zusammen, den 90 Sekunden langen Scaling Song:

Scaling #x: The Scaling Song MIDI TablEdit

Probleme mit dem Mittelteil, so von wegen Tempo und Anschlagsfolge? Nicht geübt, was? Dabei ist es ganz einfach: ich verwende Tirando-Anschlag, also Handhaltung wie beim Nylon-Eierschneider (auch akustische Gitarre genannt), der Daumen reisst die untere und der Zeigefinger die obere Saite an. Bisschen Üben hilft schon, aber ist wirklich nicht schwer.

Oder noch eine Anwendung von Terzen für eine Bass-Linie, aus der 'Effects'-Sektion:

MPEG3 'How Stanley would play it ...'

Oder von Quinten:

MPEG3 'How Rainer would play it ...'


Tja, ...

Was haben wir denn da noch so in unserem Themenvorrat? Ah ja, der Fretless Bass, das wär doch noch was. Mal sehen ...

 
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