The Bass Collection


Chromatik, Chromatics

Der Wortstamm dieser Begriffe stammt aus dem Griechichen, chroma: die Farbe. Langenscheidt's Fremdwörter-Lexikon sagt uns dazu:

Chromatik die; -, kMz. 1. (mus.) Musik, die durch Erhöhung und Erniedrigung der Stammtöne einer Tonleiter um Halbtöne gekennzeichnet ist, Ggs. Diatonik (2) 2. (phys.) Farbenlehre

Somit ist also Chromatik das Einfärben von Tonleitern mittels Verwendung von Halbton-Schritten. Was könnte uns das sagen? Chromatik wird angewendet um Bass-Linien einzufärben, zu beleben und Abwechselung hinein zu bringen. Wenn aber Halbtonschritte, kollidiert dies doch offensichtlich mit der Konstruktionsweise der Leitern, wo Halb- und Ganzton-Schritte, oft im Wechsel, strengstens angesagt waren. Geht das überhaupt, so irgendwo zwischendrin, wo doch das Bildungsprinzip der Tonleitern so stark eingehalten werden musste, dass daraus die Modi entstanden? Oh Wunder, ja, die Mucke als Tummelplatz für Halbwahrheiten und Ausnahmeregelungen bietet die Möglichkeiten individueller Freiheit in der Gestaltung und Ausführung. Wird man also wieder mittig im Verse vom Ketarristen blöd zweifelnd angegrinst, hat man Chromatik eingesetzt, nicht etwa sich einfach nur verspielt.

Doch gemach, so billig kommen wir nicht an eine Ausrede, nicht überall kann man nun mal ein Bündchen verrutschen und unschuldig dreinblicken, einige Regelungen müssen wir uns schon gefallen lassen.

Chromatik, Aufzucht und Pflege

Tatsächlich ist Chromatik nur an bestimmten Stellen einsetzbar, nämlich beispielsweise in Übergängen zwischen Grundnoten pro Taktwechsel oder in Achtelnoten. Eine Stelle, wo Chromatik bereits auftauchte, waren die Passing Notes in der pentatonischen Blues Scale. Betrachten wir also die folgenden Zeilen als eine Erweiterung dieses Konzeptes auf andere als pentatonische Leitern.

Tun wir dies an einer angenommen Akkord-Folge und schauen wir mal, wo Chromatik klingt. So kommen wir dann an effektive Grundregeln. Zuerst also unsere Akkordfolge. Ich habe es mir wie üblich einfach gemacht und auf einen alten Chantie zurück gegriffen.

Basslos: Die Ausgangs-Akkordfolge

Erkannt? Schön. Der Vorteil dieser Sequenz ist auch, dass wir Dur-Akkorde und einen Moll-Akkord haben, Tonika ist G-Dur, Akkorde: G = I, D = V, C = IV und A-Moll = ii (nach Stufen). Also eine simple I - IV - V-Kadenz mit einer Mollparallelen-Substitution. Huch, das war ja jetzt Theorie ...

Also erst einmal Root Notes, Root Notes dazu ...

Root Notes: die simple Form

Darauf wäre selbst der Basser von Spinal Tap gekommen. Aber wir wollten ja Chromatik. Die fügen wir jetzt stufenweise ein.

Stufe #1: Septimen

Und zwar nicht irgendwelche Septimen, sondern jeweils Septime als Vorläufer zum nächsten Grundton. Und da chromatisch, immer die Große Septime zu der Zielnote, die nun relevant wird.

Septime vorlaufend:

Eigentich kein großer Sprung, aber schon erhebliche Wirkung. Tasten wir uns zu weiteren Intervallen vor ...

Stufe #2: Sekunden

Und da ja chromatisch, nur kleine Sekunden ...

Sekunde vorlaufend:

Prinzip wird damit sichtbar: Aufwärts-vorlaufend grosse Septime, abwärts-vorlaufend kleine Sekunde. Nun beides zusammen:

Sekunde/Septime vorlaufend:    .. und konstante Root
           Notes aufbrechend
:

Und warum funktioniert das? Auf der Stufe I und IV wäre das noch verständlich, denn dort ist wenigstens die 7 Bestandteil des zugehörigen Modus. Spätestens mit der ii und der V aber nicht, denn die zugehörigen Modi enthalten nur eine b7. Es funktioniert nur deshalb, weil diese chromatischen Septimen und Sekunden nicht auf einem betonten Beat liegen, und immer nur ungerade als Achtel zwischen den vier Beats in's Spiel kommen. Würde man die Septimen oder kleinen Sekunden auf einen der vier Beats legen, möglichst noch auf einen stark betonten, würde es gar schröchlichst knirschen, und der böse Blick des Gitarristen wäre gerechtfertigt.

Doppelt gemoppelt

Begrenzt sich nun die Chromatik auf die Halbton-Schritte allein, oder ist da nicht noch etwas mehr mit anzufangen? Natürlich gibt es noch eine Erweiterung des chromatischen Ansatzes. Unsere Freunde jenseits des großen Teiches nennen dieses Vorgehen double chromatic approach. Und wie üblich ist dies Marketing und etwas unverständlich: wie färbt man zweimal chromatisch? So:

Double chromatic

Ah ha! Es geht von den kleinen Septimen über die großen zum Ziel, bzw. von der großen Sekunde über die kleine. Das ist double chromatic approach. Na da sind ja zum Schluss einige Noten zusammen gekommen, verglichen mit dem root note-Beginn.

Man bemerke übrigens, dass bei der doppelten Chromatik die chromatischen Noten ganz kurz werden, bis zu 16tel. Nur darum geht das ohne offene Wunden.

Nun unsere Blue Notes dazu

Jo, die hatten wir ja schon im Petto, die hatten wir im Blues ausprobiert. Allerdings an dieser Stelle noch etwas hinzugefügt.

In der historischen Blues-Form waren die Blue Notes tatsächlich keine Halbtonschritte, sondern, oh Graus, sie waren Vierteltonschritte, zum Beispiel zwischen kleiner und großer Terz. Zu hören sind dieses Blues-spezifischen Noten jenseits unserer Halbton-orientierten Systems noch in dem wunderbaren Spiel der harp, der Mundharmonika, wo durch Überblasen diese Viertel-Blue Notes einfach produzierbar sind. In der modernen Blues-Form treten diese echten Blue Notes nicht mehr auf, sondern sind der Chromatik gewichen.

Daher die moderne Blue Note-Form, etwas ausgewalzt, als Beispiel für eine extensive Anwendung, für Dur und Moll, in der Übersicht.

A-Moll mit passing notes
A-Dur mit passing notes

Schon fast Jazz.

Aaaaaaaaalsoooooo ....

  1. Mit Chromatik kann man Bass-Linien schön einfärben. Entweder in den Akkord-Wechseln, oder auch innerhalb einer Tonart.
  2. Gängige Chromatik bewegt sich je einen Halbton von oben oder unten zur Zielnote, doppelte Chromatik in zwei Halbton-Schritten auf die Zielnote zu.
  3. Chromatische Einfärbungen auf betonte Schläge zu legen (4/4: 1, 3   3/4: 1) kann kritisch sein. Daher am besten die Chromatik auf Nicht-Viertel legen.
  4. Je mehr Chromatik, desto kürzer die chromatischen Noten.
  5. Chromatische Einfärbungen innerhalb einer Tonart sind die Septimen, Sekunden, die verminderte Quinte und eventuell die große Terz in den Moll-Tonarten.
  6. Chromatische Einfärbungen muss man erst ausprobieren (Aua!)

Nun denn ...

 
©Rainer Böttchers, 1998-2006      Impressum/Credits & Maintainer