The Carol Kaye Collection


Dieser Text ist die Umsetzung eines Postings von Carol Kaye in The Bottom Line, eine Mailinglist für Bassisten. Ich habe den Text übersetzt, illustriert und mit Carol's freundlicher Genehmigung hier fürJust Chords verwendet. Für weitere Information zu Carol siehe ihre Homepage. Das Original-Posting ist im TBL-Archiv zu finden.  

Wie man gute Walking Lines aufbaut

von Carol Kaye


Meine Erfahrung als Lehrer ist es, dass Rock- und Pop-Bassisten einige Probleme haben, wenn sie sich zuerst in Walking Basslines einarbeiten, sei es für Pop oder Jazz.

Für gewöhnlich ist ein Schüler schon auf dem Weg zum Berufsmusiker, oder es ist jemand, der schon eine Weile gespielt hat und nun bei mir Stunden nehmen will (ich unterrichte grundsätzlich keine Anfänger). Meistens beginnen wir damit, dass wir uns durch verschiedene Musikstile durcharbeiten, ich an der Gitarre, so dass ich den Schüler beobachten kann und mitbekomme, 'wo er herkommt', welche Hand- und Fingerstellungen er pflegt, welche Noten und Akkord-Strukturen gern benutzt werden und um ein Gefühl zu bekommen, was er weiss und nicht weiss. Das hat nichts mit einem Beurteilen oder Richten zu tun, sondern dient dazu, die Sache erst einmal zu erleichtern.

Dann fangen wir an zu arbeiten (die Schüler bringen eine leere Cassette mit zu den Stunden und in den Zwischenräumen mit Pausen schalten wir den Rekorder aus), und da sich die gleichen Abläufe schon oft wiederholt haben, dachte ich mir, ich gehe mal näher auf diese wiederkehrenden Prozesse ein.

Wenn wir dann zusammensitzen und eine recht gerade Blues-Linie oder irgendeinen Standard spielen, bemerke ich oft, dass sie reichlich leiterorientierte Linien spielen, oder Rock'n'Roll-Riffs, oder eben andere Tonleiter-Sachen, die entweder stinklangweilig sind (aben wie Tonleitern) oder die ganz einfach nicht 'funktionieren'. Daher sollte man sich merken:

Wenn man die ganze Zeit Tonleitern übt,
spielt man auch sonst überall Tonleitern.

Man spielt, was man hört und die Finger tun das, was sie eben gewohnt sind. Tonleitern zu üben geht in Ordnung, aber aus dieser Richtung bekommt man nicht einfach gute Walking Lines zusammen.

Was man wissen sollte ...

Es ist unumgänglich, dass man Akkord-Strukturen beherrscht, und diese auch eingehend übt, in allen Formen. Zuerst in Triaden:

Grundnote, Terz, Quinte =
1 - 3 - 5

plus die Sekunde:

Grundnote, Sekunde, Terz, Quinte =
1 - 2 - 3 - 5

... denn die meisten Sequenzen und Kadenzen kommen aus dieser Serie in üblichen Stücken. Aber zurück zu den Akkord-Strukturen und -Noten.

Während ich über Funk, Pop, Motown, Latin Soul, Gospel etc.geschrieben habe, kamen hauptsächlich das 1-5-6-Muster für Dur zum Einsatz, oder 1-5-b7 für Moll- und Dominant-Akkorde. Diese Theorie kann man jedoch getrost zum Fenster hinauswerfen für Pop- und Jazz-Walking Basslines. Dazu sollte man Arpeggios über die Akkordstrukturen üben, vor allem zu Beginn 1-3-5 oder 1-b3-5 komplett übers ganze Griffbrett, immer mit Blick auf die zugrundeliegende Akkord-Skala an Noten (nicht die Tonleiter, wo man sich dauernd zwischen sieben Noten entscheiden muss statt den wenigen, die man tatsächlich braucht).

.0....1....2....3....4....5....6....7....8....9....10...11...12
1|----|----|-b3-|----|----|----|-5--|----|----|----|----|-1--|----|
5|----|----|----|----|-
1
--|----|----|-b3-|----|----|----|-5--|----|
.|-b3-|----|----|----|-5--|----|----|----|----|-
1
--|----|----|----|
.|----|----|-
1--|----|----|-b3-|----|----|----|-5--|----|----|----|

Diese Akkord-Theorie ist auch in einigen Unterrichtsmaterialien gezeigt, z.B. im Jaco Pastorius-Video, und braucht noch ein wenig weitere Erläuterung. Die Stufenakkorde für G sind:

I

ii

iii

IV

V7

vi

vii7b5

I

G

Am

Bm

C

D7

Em

F#m7b5

G

Diese Formel ist immer gleich. Beachtet, dass die Moll-Akkorde mit kleinen Buchstaben in der Stufe bezeichnet sind. Dieses Numerierungssystem nennt sich auch das Solfeggio-System, die Numerierung mit römischen Ziffern bei den Nashville-Musikern ist vergleichbar, und es funktioniert für alle Leitern in der gleichen Weise.

Nun spielt die Stufenakkorde der G-Leiter in 10er-Noten:

Tiefes G, hohes B für G:
.0....1....2....3....4....5....6....7....8....9....10...11...12
G|----|----|----|-B--|----|----|----|----|----|----|----|----|----|
D|----|----|----|----|----|----|----|----|----|----|----|----|----|
A|----|----|----|----|----|----|----|----|----|----|----|----|----|
E|----|----|-G--|----|----|----|----|----|----|----|----|----|----|
Tiefes A, hohes C für Am:
.0....1....2....3....4....5....6....7....8....9....10...11...12
G|----|----|----|----|-C--|----|----|----|----|----|----|----|----|
D|----|----|----|----|----|----|----|----|----|----|----|----|----|
A|----|----|----|----|----|----|----|----|----|----|----|----|----|
E|----|----|----|----|-A--|----|----|----|----|----|----|----|----|
Tiefes B, hohes D für Bm:
.0....1....2....3....4....5....6....7....8....9....10...11...12
G|----|----|----|----|----|----|-D--|----|----|----|----|----|----|
D|----|----|----|----|----|----|----|----|----|----|----|----|----|
A|----|----|----|----|----|----|----|----|----|----|----|----|----|
E|----|----|----|----|----|----|-B--|----|----|----|----|----|----|

und so weiter.

Gewöhnt Euer Gehör an den Klang der grossen Intervalle der Akkorde das Griffbrett hinauf und wieder herunter. Die weiten Akkorde sind etwas, was Pianisten und, Entschuldigung, Gitarristen oft tun, nämlich sie zu den einzelnen Leiternoten hinzufügen. Und, diese Noten sind allein aus der G-Leiter genommen um die Akkorde zu formen. Daher auch die unterschiedlichen Akkordformen, manche Dur (wie C und D), manche Moll (wie Am, Bm, Em und F#m7b5. Und weiter:

Um nun ein G-Arpeggio zu spielen, spiele die Akkord-Noten über die gesamte Griffbrett-Breite (ohne den Daumen zu verlagern und ihn immer als Stütze benutzend): Grundnote, Terz, Quinte, Oktave, die 10 und zurück. Dies sind Eure Grund-Akkordnoten und Ihr werdet feststellen , dass kaum jemand diese Noten im ersten Versuch sauber spielen kann.

Dies ist traurig (insbesondere im Hinblick auf die Verfügbarkeit wundervoller Lehrbücher mit tollen Hochglanzeinbänden), denn wie kann man gute Walking Basslines spielen, wenn man nicht diese Akkordnoten auf Anhieb spielen kann?

Und für Am gibt es drei Fingersätze mit den gleichen Akkordnoten zu trainieren: 1-b3-5-8-b10 und wieder zurück. Die drei Fingersätze sind (spielt alle drei für jeden Moll-Akkord ausser F#m7b5, der hat nur einen, und den Daumen schon statisch halten, ausser für Lagenwechsel):

4-2-1-1-4 und zurück,
2-1-4-3-1 und zurück,
1-4-2-3-1 und zurück.

Leute mit grossen Händen können den Ringfinger statt den Mittelfinger benutzen. Geht hoch zu Bm, wiederholt die drei Fingersätze, weiter zu C, mit dem Fingersatz für G-Akkord. Dann zum D7, 1-3-5-b7-8-10, und zurück.

Für F#m7b5 spielt 1-b3-b5-b7, Fingersatz (3)-(1)-(3 oder 4)-(2 oder 3)-(2 oder 3), zurück. Zum Schluss kommt der Double Stop auf G: 1-10.

Ihr könnt die gleichen Noten auch mit der hohen Sekunde spielen (hier wäre es die 9, aber für tiefe Bass-Noten halte ich 2 für angebrachter), z.B. 1-2-3-5. Der Rest sind die üblichen 3-4-#4-5-Linien, und das jeweils aufwärts und abwärts bewegend.

Einige Tips ...

Um interessantere Linie zu erzeugen, sollte man durch entsprechende Verläufe 'Berge' und 'Täler' schaffen. Man muss nicht auf jeden Beat dauernd andere, unterschiedliche Noten spielen. Schafft kurze Atem-Pausen und 'Pit Stops', z.B., indem Ihr die gleiche Note spielt, aber in Oktav-Mustern: 1-1-8-1, oder in abgewandelten Akkord-Mustern: 1-5-3-1, doppelt Noten gelegentlich, beginnt auf der Terz oder meidet die Grundnote komplett.

Iht könnt die Linie auch dadurch variieren, dass Ihr die Note auf dem Beat doppelt (punktierte Achtel oder Sechzehntel), oder als gelegentliche Triole (8-b7-5), oder durch andere rhythmische Methoden. Übertreibt es aber nicht so, dass Ihr wie ein durchgehender Shuffle klingt, statt wie eine coole Jazz-Linie.

Weiter

... übt die Akkordnoten-Leiter in C, diesmal aber das nächste chordale Mitglied einführend, die Septime.

7 für die Dur-Akkorde,
b7 für die Moll-Akkorde:

I

ii

iii

IV

V7

vi

viim7b5

I

Cmaj7

Dm7

Em7

Fmaj7

G7

Am7

Bm7b5

Cmaj7

Also:

Cmaj7 = 1-3-5-7 auf- und abwärts,
Dm7 = b7-5-b3-1,
weiter zu Em7 = 1-b3-5-b7, zurück,
Fmaj7 als 7-5-3-1,
dann G7 = 1-3-5-b7,
Am7 rückwärts = b7-5-b3-1,
Bm7b5 = 1-b3-5-b7,
Cmaj7 rückwärts mit B beginnend = 7-5-3-1.

Jetzt mal genau umgekehrt, beginnend auf dem hohen Cmaj7:

Cmaj7 = 1-3-5-7,
Bm7b5 = b7-b5-b3-1
und so weiter ...

Dies ist der Weg chordal zu denken und es ist meine Erfahrung (27 Jahre bass-spielend und unterrichtend seit 1949), dass Schüler zu sehr notengebunden denken anstatt hauptsächlich in Akkord-Strukturen, ohne Einschränkung der Kreativität. Grundnote, Terzen, Quinten etc. statt der Unmengen Einzelnoten, die einen aus dem Konzept bringen und verwirren.

Um einfachst in diesem Numerierungssystem der Akkordnoten zu denken, prägt Euch die grundsätzlichen Terzschichtungen ein: Grundnote-Terz-Quinte, und wiederholt dies so oft, bis es sitzt und Ihr diese Lektion abheftet. Es gibt immer noch eine Menge blöder Bücher, die sich auch noch gut verkaufen, weil es so viele verwirrte Musik-Schüler gibt, die in Gegenden leben, wo es keine Musik-Lehrer gibt. Und es gibt ja noch Anfänger, die immer ein oder zwei Bücher in Unkenntnis kaufen. Nur weil ein Buch gut verkauft wird und es in jeder Buchhandlung steht, muss noch heissen, dass es auch gut ist.

Viele Leute haben es aufgegeben, etwas über Musik zu lernen, weil sie durch schlechte Lehrer versaut wurden (und eine Menge Geld ausgegeben haben), oder wegen ihrer Erfahrungen mit tollen, teuren Büchern, oder weil die Bücher von Star-Musikern geschrieben wurden. Die meisten Profi-Musiker unterrichten nicht (ausser vielleicht in einigen Workshops oder Seminaren, was kein Kriterium für einen guten Lehrer ist), aber bei den wenigen, die es über die Jahre tun, solltet Ihr Eure Stunden nehmen. Ihr könnt euch eine regionale Musikschule oder -Hochschule anrufen und nach Empfehlungen für einen guten Lehrer fragen.

Haltet Euch an diese Basis-Übungen, bringt Euren Fingern und Händen bei, sie quasi automatisch zu spielen und Ihr werdet sehr schnell zu guten Walking Lines kommen. Es ist mehr drin, z.B. chromatische Linien, aber bevor Ihr dies angeht, solltet Ihr Euch zuerst die Grundlagen schaffen. Ich habe nicht einen Musiker bei mir gehabt, der zu Stunden zu mir kam und diese Grundlagen wirklich draufhatte. Und sie waren erfreut zu sehen, wie fein dieser Ansatz zu Walking Basslines im Grunde ist, die niemals überflüssigen Muster zu lernen, diese Akkord-Arpeggios, die man im Walking nutzen kann. Und es ist nicht schwierig, braucht nur etwas Zeit und Geduld, und Ihr habt etwas für den Rest Eures (Bassisten-) Lebens.

 
©Rainer Böttchers, 1998-2006      Impressum/Credits & Maintainer