Blue Train


John Coltrane

Dass ich den noch nicht behandelt hatte, ist im Jazz eigentlich eine Sünde. Aber ... better late than never.

John Coltrane, *23. September 1926 in Hamlet/North Carolina, +16. Juli 1967 in New York (der 23.9. ist übrigens unser Hochzeitstag, Zufall?)

John Coltrane's Name steht in einer Reihe mit anderen wie Miles Davis, Thelonious Monk etc. etc. Neben seinem Beitrag zum Jazz in Form vieler heutiger Standards wird er scheinbar auch besonders von Saxophonisten verehrt, weil gerade er dem Sopransaxophon, und auch der Querflöte, im Jazz zu einer neuen Rolle verholfen hat. Sein Beitrag zum Stil des Jazz und auch zum modalen Spiel an sich ist unschätzbar.

Was Coltrane wo wie und warum gespielt hat, sprengt wie üblich den Rahmen dieser Seite. Da haben die Leute in Wikipedia mehr und Detaillierteres im Angebot. Coltrane spielte nebenbei auch Klarinette und anderes Zeugs.

Blue Train wurde 1957 für das Album Blue Train als Title Track aufgenommen, übrigens Coltrane's einziges Album für das Label Blue Note, aber auch eines seiner erfolgreichsten neben Giant Steps.

Coltrane's Verdienste gehen aber noch ein Stückchen weiter, denn er hat neue harmonische Wege eingeschlagen, die damals noch nicht üblich waren. Stichwort Coltrane Changes. Darauf gehe ich später noch ein wenig ein, denn dieses ist ein wichtiger Begriff, der einem nicht nur bei Coltrane begegnet. Noch ein kleiner Kommentar am Rande: das Stück wird auch gelegentlich als Blue Trane geführt; ein kleiner Scherz, denn Coltrane's Spitzname war 'Trane'.

Erstkontakt

Einmal ist uns Coltrane schon über den Weg gelaufen, nämlich bei dem Stück Aisha, das er auch interpretiert hat. Hier zwei Versionen von Blue Train, einmal ein kurzer Ausschnitt aus dem Original-Solo, und ein MIDI-File, dass für uns Arbeitsgrundlage ist und etwas mehr hergibt als das Solo-Schnippsel.

Blue Train John Coltrane (1957)
Blue Train MIDI

Blue Train wollen wir nun in einer Gesamtsicht angehen, also kurze Analyse, Vorgehen für die Bass-Linie und zu guter Letzt ... Auuuuuuufschreiben.

Vorbetrachtung

Natürlich das Leadsheet anbei. Das Stück ist so übersichlich wie der Hauptgang in einem guten französischem Restaurant (oder in einem Schnellimbiss am Piccadilly Circus). Coltrane begnügt sich mit einem 12-taktigen Schema. Tonika ist C-Moll, drei mal als Generalvorzeichen. Schreiben wir uns die Changes etwas anders auf als im Leadsheet wird es harmonisch übersichtlicher:

1 2 3 4
Cm7 Fm7 | Bb9 Cm7 Bbm7 | Eb9
5 6 7 8
Fm7 Fm7 | Bb9 Cm7 Am7b5 | D7
9 10 11 12
Gm7 Fm7 | Bb9 Cm7 Fm7 | Bb9

Analyse

Aha, ja, nee, Cm7 ist schon klar, das ist die 1. Alle anderen Akkordkombinationen sind ii-V (x9 beinhaltet ja immer den Dominantakkord x7), dann ist nicht mehr viel zu tun.

Takt  
1 Tonika-Akkord m7

Das Konstruktionsprinzip ist für uns etwas neu. Betrachten wir die Weite der Modulationen:

  • Vom C zum Eb: Kleine Terz aufwärts.
  • Vom Eb zum C: Und zurück.
  • Vom C zum G#: Große Terz abwärts.
  • Vom G# zum F: Kleine Terz abwärts.
  • Vom F zum Eb: Sekunden-Fall.
  • Vom Eb zum C: Kleine Terz abwärts.
  • Vom C zum G: Quinte.
  • Vom G zum Eb: Großer Terz-Fall.
  • Vom Eb zum C: Fall um eine kleine Terz.
  • Vom C zum Eb: Kleine Terz aufwärts
2 ii-V für Eb-Dur ohne Auflösung
3 Tonika-Akkord m7
4 ii-V für G#-Dur ohne Auflösung
5 Modulation zu F-Moll
6 ii-V für Eb-Dur
7 Tonika
8 ii-V für G-Dur
9 Modulation G-Dur zu G-Moll
10 ii-V für Eb-Dur
11 Tonika
12 ii-V für Eb-Dur

Die Modulation um eine große Sekunde sowie ein Quintfall oder eine Modulation zur Quinte hatten wir schon massenhaft, sie ist aus der klassischen Harmonik (und an dieser orientierte sich der Jazz damals auch noch überwiegend) altbekannt, z.B. so:

1 2 3 4
Gm7 | C7 Fm7 | Bb7 EbM7 ...

Aber Modulationen um Terzen ist neu. Und genau das hat Coltrane in seinem weiteren Album, Giant Steps, ausgebaut und verfeinert. So ist Blue Train also eine Art Vorläufer für das später noch erweiterte Konzept der ... Coltrane Changes. Die Bewegung in Terzen, speziell meint der Begriff in großen Terzen, aber hier sind es auch kleine Terzen.

Für uns als Bassisten ist dieses Stück sehr angenehm, wir brauchen nur ii-V-Verbindungen zu beachten, Dur und Moll sind auch gut machbar. Also sollten wir mit Ionisch, Äolisch, Lokrisch, Dorisch und noch Mixolydisch über die Runden kommen (Mutige nehmen noch GTHT für die Dominantakkorde). Zuerst einmal eine konservative WBL-Version, die schrabbeln wir doch zwischen Tagesschau und Wetterkarte zusammen. Unser guide track ist wieder eine vereinfachte Version nur mit den Akkorden auf die 1 bzw. auf die 1 und 3:

Blue Train Vocalized ohne Bass
Blue Train Vocalized mit Bass

Gut, das ist ein sehr simple, aber zum Üben ausreichende WBL, die können wir uns als Tabulatur aufschreiben, nehmen uns wieder unser Notenpapier und üben ein weiteres Mal Notation. Da das wieder stumpfsinnige Viertelnoten sind, fordert uns die Notierung nicht besonders heraus. Aber das soll sich gleich ändern.

Hört man sich gängige Versionen von Blue Train an, oder das Original, fällt auf, dass die Basslinie rhythmisch anders gestaltet ist. Die Erstversion gerade lehnte sich zwar an, aber auch nicht mehr. Und deshalb bauen wir unsere WBL mittels etwas Funk und witzigen Schlenkern jetzt noch aus und kommen auf diese Weise auch in etwas unruhigere Notations-Gefilde. Was an dieser Stelle gewollt ist.

Die explizite Notation spare ich mir an dieser Stelle, kommt ja sowieso gleich noch in erweiterter Form.

Rückgriff auf Boxenstopp #3

Es wäre natürlich hanebüchen, nun eine peppigere Basslinie zu entwickeln, und gleichzeitig im Hinterkopf zu behalten, was man denn nun zu notieren imstande ist. Anders herum wird ein Schuh draus, zu erforschen, welche doch vielleicht eher standardisierten Patterns hinter geläufigen Spiel stehen, so dass auch die Notation leichter wird. Im Boxenstopp #3 waren wir schon auf rhythmische Patterns eingestiegen; das wird uns gleich auch helfen.

Alles, was wir tun müssen, ist das Ersetzen von Vierteln aus der standardmäßigen WBL durch Swing-Triolen. Das Tempo habe ich mal von 145 auf 135bpm zurückgenommen, damit es besser hörbar und auch spielbar ist. Und schon bekommt die Linie einen anderen Feel:

Blue Train Vocalized Swing Bass

Das klingt schon mehr wie das Original, und wir wissen halt jetzt auch warum. Es ist der Anteil an Swing-Tupels, der doch sehr viel ausmacht im Feel und Sound.

Bitte beachten: ich habe mal ganz bewusst diese Swing-Triolen an unterschiedlichen Stellen positioniert, mal auf die Eins und mal auf die Drei. Und ich habe immer mindestens einen Takt in normalen Vierteln durchlaufen lassen, erst dann einen Tak mit Swing-Triolen 'verziert'. Oder, wie in Takt #4, die Eins und die Vier als Swing gesetzt. Die Wirkungen sind sehr unterschiedlich, wie weit man 'durchswingt', kommt auf das Stück an. Je peppiger, desto mehr Swing-Anteile werden auftreten. Eine Ballade wird mit Swing-Triolen dagegen eher weniger schön belebt.

So, nun kommen wir an den Kern dieser Geschichte, die Notation. Die Basslinie unterscheidet sich von der Plain-WBL-Version oben nur in Nuancen, also fällt das Einfügen der Swing-Triolen nicht sonderlich schwer.

 

Ist doch ganz übersichtlich, schließlich gibt es nur ein paar passing notes, nur die Am7b5|D7-Folge ist nicht diatonisch. Geht recht leicht von der Hand, ist aber eben noch als weitere Übung zum Bereich Standard-Notation gedacht. Vorteilhaft an der Basslinie: es sind einige Terz- und Quint-Sprünge drin, da sieht man schön, wie das in der Notation aussieht.

Fazit? Abschluss? Oder wie?

So, das war die weitere Übung zum Thema Notation.

Ich denke, wir schließen das Thema Jazz Bass hier mal für die weitere Zeit ab, auch wenn ich nun nach neuen Themen suchen muss. Schauen wir aber vorher noch mal zurück, was uns überhaupt das Thema Jazz so eingebracht hat.

  1. Wir wissen jetzt eine Menge über Harmonik, die Rolle der ii-V-i-Kadenz und wie
    wir sie bassistisch behandeln.
  2. Wir haben die Modes von C-Dur und auch andere Leitern benutzt und können sie
    auch den Stufen zuordnen.
  3. Wir haben nun Methoden und Hilfsmittel zur Hand, mit denen wir uns durch 80%
    des Realbooks hindurch fuddeln können, Stichworte Tonika-Quint-Linien, Akkordbrechungen.
  4. Auch sind wir noch zur Notation vorgestoßen, haben wesentliche, alltägliche Patterns
    der Rhythmik und auch der Harmonik gemacht.
  5. Plus: wir können jetzt mit Geheimbotschaften a'la Contrane Changes, Swing-Tupels und Doppel-/
    Zwischen-/Doppelsub-Dominanten etwas anfangen und lassen uns nicht mehr von der Jazz-Polizei
    erschrecken.

    Und zu guter Letzt:

  6. Wissen wir nun, dass Jazz keine abgehobene Wissenschaft ist, sondern seinen Einfluss
    in die Pop- und Rock-Musik hat, uns Fusion und Jazzrock beschehrt hat, und gar nicht so
    streng und abgedreht ist.

Und das ist doch schon eine ganze Menge.

In diesem Sinne: Just do it.

 
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