Boxenstop #2


Da war doch noch was?

Im Moment beiße ich mir die Zähne aus, nämlich an Stella By Starlight. Also erst einmal etwas Anderes, was ich an dieser Stelle noch brauche, nämlich einige Hinweise zu Abschnitt 5 der Walking Bass Lines: chromatische Durchgangstöne. Hatte Adam Nitti auch schon am Beispiel Autumn Leaves behandelt, möchte ich jetzt aber noch einmal generalisieren. Warum 5? Schauen wir noch einmal zurück im Zorn.

Rekapitulieren wir

Haben wir ein Leadsheet/Chordchart vor der Nase und blicken wir auf die verzeichneten Akkorde, hatten wir bisher vier Methoden betrachtet, eine Basslinie dazu zu spielen.

Grundtonspiel Wir spielen einfach nur die Grundnoten der Akkorde. Dieses eignet sich vor allen Dingen, wenn ein Stück völlig neu ist und man sich die Akkordfolge einprägen möchte.
Quintenspiel Man nimmt neben den Grundnoten noch die (beiden) Quinten dazu, die höhere und die tiefere. Aufpassen beim m7b5, da ist eine verminderte Quinte aktiv.
Akkordnoten Man nehme die Akkordnoten, z.B. beim x7 Grundton, Durterz, Quinte und kleine Septime. Auch einfach zu merken und in vielen Fällen sogar schon gänzlich ausreichend. Weiterhin geht das denn auch von oben nach unten, sogenannte Akkordbrechungen oder Arpeggios. Oder querfeldein, 1 - 5 - 3 - b7. Das ist ja schon was.
Diatonik Bisherige Eskalationsstufe, alle Noten der jeweils zugehörigen Leiter der Stufe, bei 2-5-1 in Dur z.B. Dorisch - Mixolydisch - Ionisch. Aufpassen bei Alterationen, Dominant-Substitutionen und all den kleineren und größeren Stolpersteinen.

Das können wir ja auch nach Belieben mixen, also in einem Takt Grundnoten, im nächsten Akkordnoten, dann Teile einer Leiter, wieder Arpeggio usw. usf. Und die oben angedeutete Variante #5 nehmen wir nun noch dazu. Dann haben wir spieltechnisch erst einmal alles an Möglichkeiten in der Tasche.

Chromatik

Was Chromatik ist, fand sich schon in einem anderen Artikel: eine erweiterte Diatonik, indem eine Leiter durch leiterfremde Noten ergänzt wird. Chromatisch deshalb, weil theoretisch auf alle Noten der chromatischen Leiter zurückgegriffen werden kann. Beim Blues als Blue Notes bezeichnet. Im Grunde alles nix Neues. Vielleicht noch mal lesen. Dieses Verfahren ist nun im Jazz im Prinzip genauso zu verwerten, jedoch sollten wir ein paar Regeln beachten, die ein wenig strenger und doch weitgreifender sind als mit den paar Blue Notes in der pentatonischen Leiter. Wir müssen ja dieses Mal nicht nur die Pentatonik betrachten, sondern im Prinzip alle möglichen Leitern, von Ionisch bis zu Harmonisch-Moll.

Verhaltenregeln

Wenn wir eine beliebige Leiter mit chromatischen Noten ergänzen, sollten trotzdem einige der Regeln beachtet werden, die aber nicht nur in der Chromatik gelten, sondern eigentlich generell bei allen Walking Bass Lines, wenn nicht sogar allen Bass Lines überhaupt. Man merke:

1. Metrum 4/4 vorausgesetzt, kommt auf den Beat 1 immer der Grundton. Ausnahmen sind für Niels Henning Ørsted Peddersen, Dave Holland und Eberhard Weber reserviert.
2. Auf Beat 4 kommt niemals die gleiche Note wie auf Beat 1 des nachfolgenden Taktes. Dann lieber zurück zum Grundton oder zur Quinte, auch wenn die schon mal dran waren.
3. Die schwachen Zählzeiten (wo ist eigentlich mein Englisch geblieben?) 2 und 4 sind gute Kandidaten für chromatische Durchgangsnoten.
4. Walking heißt auch, dass es sich um eine fließende, möglichst gleichförmige Bewegung handeln sollte.

Eine weitere Regel, die sich aber in der Verwendung von Chromatik nicht immer durchhalten lässt:

5. Auf die starke Zählzeit 3 sollte möglichst ein Akkordton positioniert werden. Im Falle chromatischer Durchgangsnoten wenigstens eine leitereigene Note.

Das sollte relativ klar, wenn nicht sogar plausibel sein. Aber: was sind denn nun die geeigneten, universellen, unfehlbaren Durchgangsnoten für z.B. Dorisch, Mixolydisch, Phrygisch, Lydisch#2, Flamenco und Enigmatisch? Getroffen, versenkt. Wo man am Ende chromatische Noten positioniert, ist in 90% der Fälle nämlich Erfahrung, Geschmack, genialer Einfall oder Zufall. Und auch unsere obigen Regeln sind dann in einigen Fällen schwer durchzuhalten.

Sagen wir mal so, es gibt für fast alle Leiterarten ein paar Kandidaten, mit denen man richtig liegt, und die die Jazz-Polizei nicht beim Biertrinken stören. Und ganz interessant ist, dass die unkritischen Bereich der Leiter für Chromatik der Anfang und das Ende der Leiter sind. Das hängt mit den obigen Regeln zusammen. Wenn wir im Beat 1 auf der Grundnote liegen, führt der Weg entweder aufsteigend oder absteigend weiter, je nachdem, wo wir hin wollen. Daher ist die Chromatik an diesen Stellen gut nutzbar. Gruppieren wir ein paar Leitern in ihre Grundbereiche Dur und Moll, und schauen uns die Möglichkeiten jeweils an. Aber nur für die Modi von Dur, sonst würde das unübersichtlich und ausufernd.

Dur-Leitern
   
Ionisch
Lydisch
Mixolydisch
   
Moll-Leitern
   
Dorisch
Phrygisch
Äolisch
Lokrisch

Wir könnten sogar so weit gehen, für alle Leitern das gleiche Pattern zu verwenden. Sind die Noten diatonisch, sind sie es eben; sind sie es nicht, sind es chromatische Durchgänge. Nehmen wir die Akkordfolge Am7 - D7:

Wenden wir dies für ein bereits bekanntes Stück an, nämlich Autumn Leaves, könnte das in etwas wie folgt aussehen. Bitte beachten, dass die Linie komplett in der ersten Lage gespielt ist. Eine gute Übung für's Vier-Finger-Spiel, und auch Griffbrett-Trekking findet wieder statt:

Autumn Leaves Chromatisch eingefärbt

Was ist hier verwendet? Grundton, Chromatik und Arpeggios. Bei den Arpeggios stehen uns ja auch mehrere Varianten zur Verfügung, nämlich beliebige Abfolgen der Noten, sowie aufsteigend und absteigend. Die Wahl, welche Noten man als Durchgangsnoten verwendet, ist und bleibt Geschmackssache. Es kann vorkommen, dass der eine Basser die Note als passend empfindet (sprich: hört), ein anderer Bassist das aber nie so spielen würde. In jedem Falle zu berücksichtigen sind dabei Dissonanzen, die zusammen mit Akkorden der Gitarre oder des Pianos auftreten können. Was aber nur beweist, dass die letztendliche Instanz eben das musikalische Gehör ist, denn eine wirkliche harmonische Analyse ist doch immer mit Auswand verbunden. Also ob sich zum Beispiel dieser oder jener Basston mit einer Extension des vollen Akkordes beißt.

Zurück zum Programm

Einen Kommentar will ich mir an dieser Stelle nicht verkneifen. Was ist denn nun, wenn ich auf den ersten Beat eines Taktes nicht den Grundton lege, sondern vielleicht einen 'starken' Akkordton wie die Quinte oder die Terz? Klar geht das. Wir würden aber dann die Position des Harmoniestützers wenigstens zum Teil verlassen, was nicht der Lebensinhalt einer Rhythm Section ist, oder sein sollte. Die Gelegenheit, wo dieses Abweichen aber geradezu notwendig ist, ist das Solo. Dort sind wir als Bassist zu einem Teil von der doch einschränkenden Regel 1-auf-1 entbunden. Da mich jedoch der Jazz auch erst kurze Zeit wirklich beschäftigt, möchte ich hier ein Solo über Autumn Leaves nicht wagen.

Mit diesem Arsenal kann ich mich nun weiter an Stella By Starlight wagen. Und daher melde ich mich erst in einiger Zeit zurück, denn SBS fordert schon etwas Aufmerksamkeit.

 
©Rainer Böttchers, 1998-2006      Impressum/Credits & Maintainer