Boxenstop #3


Nieder mit den Vierteln! Etwas Jazz-Rhythmik

Muss man immer walken?

Nein, muss man nicht. Bisher haben wir nur Walking Bass Lines betrachtet, was auch gut war, weil wir uns primär mit Harmonik beschäftigt haben. Es werden ja auch viel WBLs gespielt, aber sobald man sich etwas mehr in den modernen Jazz bewegt, bekommt die Rhythmik eine andere Bedeutung, aber eben nicht nur im modernen Jazz.

Blättert man durch eines der vielen verfügbaren Realbooks, stößt man an irgendeiner Stelle auf ein magisches Zeichen, sozusagen eine Rune im Jazz:

oder auch

Was sollen uns diese Symbole sagen? Achtelnoten sind gleich mit Achtel-Triolen? Oder zwei Achtel sind das Gleiche wie drei Triolen? Wäre doch barer Unsinn hinsichtlich der zu interpretierenden Bedeutung. Nein, es ist ein Hinweis auf eine Notationsform, besonders, aber nicht nur im Jazz. Und es führt dahin, dass im Jazz ternäre Rhythmik eine wesentliche Rolle spielt. Mit diesem Notationshinweis beginnt eine wunderbare Geschichte, die uns momentan von Lokrisch, Doppeldominanten und Akkordbrechungen erlöst. Vorübergehend. Dafür kommen Noten in's Spiel, richtige Noten ...

Binäre und ternäre Rhythmik

Hatten wir schon, nämlich in diesem Kapitel, gehe ich nicht mehr drauf ein. Die Vermutung, dass das obige Symbol auf ternäre Rhythmik hinweist, ist richtig, und es ist ein Notationssymbol, das heißt:

Zwei notierte Achtelnoten sind als drei Triolen zu spielen,
bei denen die ersten beiden Triolen gebunden sind.

Aha! Jazzer sind also stinkfaul, nämlich anstatt das auszuschreiben, was sie da tatsächlich spielen, fummeln sie was Einfacheres hin und der Leser muss dann umdenken. Genau so ist es. Im Jazz wird nämlich nämlich gerne ternäre Rhythmik verwendet, neben den Viertel-orientierten Walking Bass Lines. Das ist auch gut so, sonst wären schon eine Menge Basser an Langeweile eingegangen, wärend sie nur Viertel oder halbe Noten spielen. Noch etwas bedeutet das: komplexere Rhythmen sind in Tabulatur nur schwer darzustellen, so dass man an gewissen Stellen um Standard-Notation nicht umhin kommt. Und selbst dann würde das genaue Ausnotieren dieser ternären Noten 'ne Menge Zeit kosten. Wie oft im Leben, wenn etwas mehr oder minder Praxis ist, schafft man dann Abkürzungen, und das ist dieses Symbol auch.

Gehen wir aber nun darauf ein, was die Notation mit der Rhythmik und dem Feel zu tun hat. Die Triolen brechen aus dem üblichen binären Feel aus, der Rhythmus bekommt etwas Swingendes, mehr Lebendigkeit. Das tut in der Musik oft Not. Und deshalb werden auch im Jazz Bass-Linien gerne in ternärer Rhythmik gespielt, nicht nur bei The Police. Prinzipiell hatten wir das Thema der gebundenen Achteltriolen ja auch schon, nämlich genau in obigem Kapitel. Beim Blues war das auch noch drin. Lassen wir unseren Elektro-Drummer zu Wort kommen und diesen Shuffle-Feel vorspielen.

Ach ja, Moment mal. Noch einen Aspekt hatte ich vergessen: die Geschwindigkeit. Drei Noten (Triolen) statt einer (Viertel) heißen auch mehr Raum für Verzierungen, Passing und Dead Notes. Jetzt aber zum E-Drummer:

Gebundene Triolen = Shuffle

Für uns Basser ist das auch nicht schwer.

Gebundene Triolen = Shuffle

Es ist nicht wirklich Shuffle, denn im Shuffle ist die mittlere Triole eine Pause, hier ist sie an die erste Triole gebunden. War bisher auch nix wirklich Neues. Neu wird es erst, wenn wir nun binäre und ternäre Notenwerte zusammen bringen. Und dann fängt es an, kniffelig zu werden. Jazz ist, was Notation und Interpretation angeht, oft kniffelig. Wenigstens auf den ersten Blick. Das Symbol vom Anfang sagt uns also, dass zwei so notierte Achtelnoten als Shuffle-Triolen gespielt werden sollen. Aber was ist dann mit 'richigen' Achteln, wie notiert man das? Man bleibt ja im Grunde bei der binären Notation, denkt sich jedoch im Hintergrund immer einen durchlaufenden Triolensatz. Wir denken triolisch. Kommen aber normale binäre Noten, so bleiben diese auch als solche erhalten. Vielleicht übersichtlicher in einer Tabelle.

Note 'Triolischer' Wert Gespielter Wert

4 Triolen-Sätze

Als ganze Note
Je 2 Triolen-Sätze Als halbe Note
Je 1 Triolen-Satz Als Viertel-Note
Ein gebundener Triolen-Satz Als Shuffle-Triole
Ein voller Triolen-Satz Als volle Triole

Aber wo ist denn nun unsere 'normale' Achtel-Note geblieben? Ausradiert! Vernichtet! Brutal ersetzt durch das Konstrukt vom Beginn der Seite. Warum nur? Um den rein binären Aufbau einer Linie durch den rhythmisch wirkungsvolleren Shuffle-Feel zu ersetzen. Gut, akzeptieren wir das erst einmal so.

Was die Auswirkungen sind

Das hat zur Konsequenz, dass wir nun auftretende Achtel-Noten anders interpretieren müssen. Besonders dann, wenn wir zusätzliche Notationen hinzu bekommen: Punktierungen und gebundene Noten. Während z.B. im Blues der Shuffle-Feel oft durch gespielt wird, ist dem im Jazz eben nicht so, und es werden ternäre und binäre Notation zusammen gebracht, um komplexere Linien zu notieren. Alles dient dem Groove. Um Groove geht es, und um nix Anderes.

Machen wir uns noch einmal bewusst:

  • Alle nun auftretenden notierten Achtel-Noten stehen im Doppelpack für eine Shuffle-Triole
  • Ganze bleiben ganze, halbe Noten halbe
  • Komplette Triolen-Sätze werden wieder konventionell notiert

Wofür könnte dann eine einzelne notierte Achtel-Note stehen? Wer drauf kommt, kriegt einen Keks.

  • Die erste Achtel-Note repräsentiert die erste und die gebundene Triole des Dreier-Tupels*
  • Die zweite Achtel-Note repräsentiert die letzte Triole des Dreier-Tupels

* Ein Tupel ist eine geschlossene definierte
Anzahl von Elementen, hier Noten.

Zugegeben, ist das nicht ganz einfach zu verstehen. Übersichtlicher wird es, wenn man sich diese triolische Einteilung als Bildchen resp. als Tabelle macht. Jeder Downbeat wir ein Triolen-Tuplet:

Eins
und
dann
Zwei
und
dann
Drei
und
dann
Vier
und
dann
X
 
 
 X
 
 
X
 
  
X
 
 

Da in impliziter Notation () die mittlere Triole an die erste angebunden ist, wäre 'und' immer leer. Nur wenn explizit drei gespielte Triolen notiert sind, wäre das 'und' belegt. Kämen also keine Triolen in einem Takt vor, wäre nur möglich:

Eins
und
dann
Zwei
und
dann
Drei
und
dann
Vier
und
dann
X
-
 
 X
-
 
X
-
  
X
-
 

Als Erstes ein einfaches Beispiel. Nehmen wir an, wir finden in einer Notation diese Notenfolge (der Drummer spielt im Background die laufenden Triolen auf dem Snare-Rim und die Downbeats = |1|2|3|4| auf dem Hihat):

Notation Linie  

Hinter der beginnende Viertel-Note steht ein Triolen-Satz, gespielt bleibt es eine Viertel-Note = Downbeat #1.

Auf Downbeat #2 folgt ein Shuffle-Triolen-Satz.

Die halbe Note ist zwei Triolensätze, gespielt bleibt es eine halbe Note, gespielt auf Downbeat #3 (und natürlich #4 mit).

Machen wir es ein büschen komplexer.

Notation Linie  

Hinter der Viertel-Note steht ein Triolen-Satz, gespielt bleibt es eine Viertel-Note = Downbeat #1.

Auf Downbeat #2 folgt ein Shuffle-Triolen-Satz, auf Downbeat #3 ebenso.

Die letzte Viertel-Note ist ein Triolensatz, gespielt bleubt es eine Viertel-Note.

Ich denke, dass das erst einmal nicht wirklich schwierig ist. Zum praktischen Spielen macht der Fuß die Downbeats (1, 2, 3, 4, ...), man zählt dazu 'Eins-und-dann-Zwei-und-dann-Drei-und-dann-...', und passt gut auf. Neckisch ist es aber, wenn uns eben nicht solche Sachen vorliegen, dass es immer auf den Downbeat los geht, sondern dazwischen, also off-beat. Verschärfte Bedingungen, so to speak.

The core of triolic rythm

Was braucht man, um off-beat zu spielen? Punktierungen und Bindungen. Auch das war im Rhythmus-Kapitel der Theory Collection schon beschrieben. Grundsätzlich jedenfalls. Und jetzt mischen wir noch binäre und ternäre Noten. Ich gestehe, dass das nicht mehr ganz so simpel ist. Also gehen wir es langsam an.

Pünktchen und Anton

Aus der Standard-Notation kennen wir die einfache Punktierung als 'Der Notenwert verlängert um die Hälfte seines unpunktierten Wertes'. Also dauert eine punktierte halbe Note nun 1/2 + 1/4 Beats. Eine punktierte Viertel-Note dann 1/4 + 1/8 Beat ... uups, da kommt unser Symbol auf dem Notenblatt doch wieder zum Tragen. Aber jetzt verlängern wir nicht mehr binär, sondern ternär. Nehmen wir das Schritt für Schritt auseinander.

Notation Linie  

Es beginnt mit einer punktierten Viertel-Note. Downbeat #1 wird also gespielt. In rein binärer Notation würde die zweite Viertel in zwei Achtel geteilt, die erste Achtel käme zur ersten Note dazu, die zweite Achtel würde gespielt. Nun haben wir aber hier aus zwei Achtel eine Shuffle-Triole gemacht. Also: auf dem Downbeat #2 würde als Achtel die erste Triole des Tupels stehen, die mit der zweiten Triole gebunden ist.

Demnach wird die erste (gebundene) Triole nicht gespielt, die letzte Triole des Tupels aber wieder.

Danach folgen auf Downbeat #3 und #4 wieder normale Viertel-Noten. Zählen wir das durch:

Eins
und
dann
Zwei
und
dann
Drei
und
dann
Vier
und
dann
X
 
 
 
 
X
X
 
 
X
 
 

Ersetzen wir nun die zweite Viertel-Note durch eine weitere Achtel-Doppelnote.

Notation Linie  

Zählen wir uns wieder durch:

Eins
und
dann
Zwei
und
dann
Drei
und
dann
Vier
und
dann
X
 
 
 
 
X
X
 
X
X
 
 

Und noch ein letztes Beispiel.

Notation Linie  

Count on me ...

Eins
und
dann
Zwei
und
dann
Drei
und
dann
Vier
und
dann
X
 
X
X
X
X
 
 
X
X
 
 

 

Fazit

Warum nun der dieser ganze Huddel?

Ich hatte den Artikel zu There Will Never Be Another You schon fertig, aber mir hingen diese Viertel-orientierten Walking Bass Lines langsam zum Hals raus. Beim Spielen die Sache geringfügig peppiger zu gestalten war noch recht einfach, es zu notieren aber um so schwieriger. Zum Glück brachte mich mein Jazz-Teacher aber auf die richtige Spur. Nur mit dem Notieren und Lesen musste ich mich doch erst heftiger auseinandersetzen, was dann diesen Artikel hervorbrachte. Es brachte mich auch an den Punkt, dass es für den eigenen Lerneffekt einen Schub bringt Bass-Linien auszunotieren, daran zu feilen und zu arbeiten. Somit werde ich das Grauen der Standard-Notation nicht mehr lange umschiffen können. Jazz ist halt ein bisserl ernster. C'est la vie.

Eine Frage ist offen geblieben: was ist denn nun, wenn ich tatsächlich richtige Achtel notieren will? Ist eher unwahrscheinlich, aber vielleicht in einem Zwischenpart denkbar. Die Antwort ist simpel. Will man trotz der Jazz-Rune echte Achtel notieren, schreibt man das über die Noten, als 'straight-eight', oder auch einfach als '(8)'.

So, jetzt können wir uns nämlich auch an andere Bass-Linien als in 'straight fours' wagen. Zurück zu There Will Never Be Another You, das kommt dann als nächster Beitrag. Muss ich aber noch etwas dran stricken.

 
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