Misty


Errol Garner (15.06.1921 - 02.01.1977)

Errol Garner, geboren in Pittsburgh, Pennsylvania, müsste uns Hobby-Musikern schon von seiner Laufbahn her sehr vertraut sein. Er hat sich das Klavierspielen nämlich als Autodidakt beigebracht und hat sein Leben lang mit Noten auf Kriegsfuß gestanden. Was ihn aber nicht hinderte, in den 50er Jahren einer der bedeutendsten Jazz-Pianisten und -Komponisten zu werden.

Garner hat einen ganz spezifischen, unverwechselbaren Stil, wie wahrscheinlich alle Musiker, die nicht durch die klassische Mühle gegangen sind, ist bei dem Stück dieses Beitrags auch noch zu hören. Misty, der Text stammt von Johnny Burke, war zwischen 1959 und 1975 für insgesamt fünf Künstler ein Top-Hit. Begründet liegt der Reiz dieses Stückes in Garners gutem Gefühl für Akkorde, aber auch Melodien.

Und wegen der nicht alltäglichen Akkordfolge, und Garners Unfähigkeit Noten zu lesen, ist Misty ein prima Kandidat für den vorläufig letzten Beitrag in der Jazz Bass Collection. More to read here.

Misty (excerpt) Errol Garner live

Was darf's denn heute sein?

Es soll diesmal nicht primär darum gehen, die richtigen Noten zu finden, oder weitschweifige Analysen zu exerzieren. Stattdessen ein Thema der etwas anderen Art. Ein sträflich vernachlässigtes Thema übrigens. Auch bei mir.

Wenn wir durch Gottes Hand in eine Jam-Session geworfen werden, ein Leadsheet vor der Nase, sollten wir nun, nach unseren Vorarbeiten, in etwa fähig und Willens sein, uns durch die Geschichte hindurch zu kämpfen. Nehmen wir aber mal an es wäre nichts Spontanes notwendig, sondern wir hätten Vorbereitung und Planung im Fokus, für eine Audition, für's Studio, für die kommende Weihnachtsfeier ... dann könnten wir unseren musikalischen Beitrag ja erarbeiten. Und jenseits aller Spontaneität eine richtig gute Sache konstruieren. Richtig, Arbeiten ist heute mal angesagt, so mit den Werkzeugen des Musikus. Als da wären: Ohren, Instrument, Schreiber und Notenpapier.

Wir wollen uns eine Basslinie zu Misty planen und entwerfen. Und nebenbei noch erste Ansätze der höchsten Weihe im musischen Leben an uns heran zu lassen, Noten schreiben, Standard-Notation. Ich habe mich auch lange genug um das Thema herum gedrückt, vielleicht ist aber nun der Moment gekommen, sich wenigstens in Ansätzen an das Thema heran zu wagen. Und ein paar Vorschläge, wie man das denn tun könnte.

Apage Satanas!

Die erste und beste Ausrede an dieser Stelle wäre, man hätte ja gar kein Notenpapier zur Hand, müsste erst mal welches bestellen, und das kann dauern. Nix da, gilt nicht, alles da, alles zur Hand, was wir brauchen:

Das Leadsheet ist wieder wie üblich, das
Notenpapier hat in der letzten Version
auch schon eine Unterteilung in vier Takte
pro Zeile.

Dieses letzte Format bietet sich an, weil es dann
prima zum Leadsheet passt.

Leadsheet zu Misty
Notenpapier Standard
Notenpapier 12/4bar
Notenpapier 8/4bar

Bevor wir nun tatsächlich in's Noten-Kritzeln einsteigen, und um uns zu einer Zeit auf eine Sache konzentrieren können, die Blick auf das Leadsheet, kurze Analyse, was so ansteht und das Notenmaterial ausgewählt. Das Stück steht in Eb-Dur, drei b sagen uns das, die auffallende Anhäufung von Eb-Dur-Akkorden auch, der letzte und erste Takt sowieso.

Hilfreich zu wissen ist, dass Misty eine 32-taktige Form mit der Struktur A1 – A2 – B – A2 hat. Der A-Teil könnte als Folge I – v7 – I7 – IV – iv – I– vi – ii7 – V7 beschrieben werden, in Takt 6 geht es mit ii7 – V7 weiter. Was sagt uns das? Recht wenig, denn Misty gehört zu den Jazz-Stücken, die zwar an einigen Stellen bekannte Strukten a'la ii-V-Ketten haben, das meiste entstammt wohl eher der Inspiration und Kreativität des Mr. Garner. Einer klassischen Analyse wie Autumn Leaves oder All The Things entzieht sich Misty zum großen Teil. Das kommt dabei raus, wenn man nicht Noten lesen kann und Jazz schreibt. Man beachte als Beispiel Takt 3 zu 4; das Ab6 ist Stufe IV für Eb-Dur, sollte/könnte sich vielleicht zur V bewegen, stattdessen Tonartwechsel zu Ab-Moll. Takte 13 - 14 - 15: 1-6-2-5 mit leichten Erweiterungen, klassisch geradezu. In Takt 21 - 22 reitet ihn wieder der Deibel, und der Turnaround des B-Teils zum A2-Teil ist schon ein harter Ritt. Klingt aber schön, oder? Und passt haargenau zur Melodie, das ist eben wichtig, nicht die harmonisch exakte Spur zu verfolgen.

Aus diesem Grunde wird die Bass-Begleitung von Misty auch meistens schmal gehalten, schon wegen der Balladenhaftigkeit. Hier ein MIDI-förmiges Beispiel einer möglichen Basslinie aus überwiegend halben Noten:

Misty (Halbnoten-Basslinie) 

Alldieweil es uns nicht so sehr um das Stück an sich geht, sondern um erste Ansätze von Notation und Komponieren einer Basslinie, wollen wir etwas mehr tun. Ein komplette Walking Bass Line ist eigentlich etwas über das Ziel hinaus, soll uns als Arbeitsgrundlage aber dienlich sein. Die Richtung gibt das obige MIDI-Beispiel schon vor.

Kurze Wiederholung der Grundlagen

Habe ich heute schon erzählt, dass ich hier meine eigenen Lernschritte dokumentiere? Nein? Gut. Also ...

Bei der Standard-Notation sind zwei Aspekte wichtig: die eigentlichen Noten, und die Rhythmik. Letztere ist so lange einfach, wo es nur um binäre Werte geht, kommen Triolen oder Swing-Achtel hinzu wird es schwieriger. Fangen wir mit den Noten an.

Ich positioniere Noten, indem ich mich an den Zwischenräumen orientiere und das Lösungswörtchen ACEG benutze. ACEG bezeichnet von unten die Noten in den Zwischenräumen der Notenlinien (für den Violinschlüssel wäre es FACE, noch einfacher), und es sind alles Vitamine. Meine Eselsbrücke. Damit habe ich schon 4/7 des Grundmaterials in der Tasche. Noch eine Eselsbrücke: der Bassschlüssel heißt auch F-Schlüssel, seine beiden Punkte markieren die Lage des F. Und so habe ich den dann den Notenbereich, in dem ich mich als Bassist überwiegend bewege.

So, nun noch zwei Noten dazu, deren Lage einfach zu merken ist.

Mit dem Bassschlüssel liegt das E dort, wo für den Violinschlüssel das tiefe C liegt, falls man vorher Blockflöte oder Gitarre gelernt hat. Dafür liegt das C nun ganz oben, auf der ersten Hilfslinie.

Legen wir nun mal unsere 4-Saiter-Bass-Leersaiten in das Schema. Dieses Bild ist einfach zu merken. Das E liegt ganz unten auf der ersten Hilflinie. Die restlichen drei Saiten im ersten Zwischenraum, genau in der Mitte, und im letzten Zwischenraum. Hält man sich diese drei oder auch nur das letzte Bild vor Augen, ist die Umsetzung von Noten zu Positionen in der Notation einfacher.

Dies ist nun die erste Hürde, die zu nehmen ist. Welche Noten liegen wo im Notationsbild? Allerdings nur dann schwierig, wenn man es noch nicht wirklich versucht hat. Fängt man an, Noten zu schreiben, geht das erst ziemlich ruckelig. Abzählen, nächste Note. Macht man es aber einige Zeit, fällt es immer leichter. Irgendwann hört man wahrscheinlich ganz auf zu lokalisieren.

Ein paar wichtige Regeln zum Schreiben von Noten allgemein:

  • Die Grundtonart wird ja durch ein oder mehrere (oder kein) #/b am Beginn jeder Zeile angegeben. Diese Grundtonart bleibt i.d.R. über das ganze Stück erhalten. Das heißt auch, dass die Noten, die durch #/b erhöht/erniedrigt wurde, im Laufe der Notation auch so bleiben.
  • Für Eb-Dur ist E zu Eb, B zu Bb und A zu Ab erniedrigt. Es brauchen also keine #/b in der laufenden Notation für diese Noten in allen Oktavbereichen mehr geschrieben zu werden
  • Werden die veränderten Noten (hier Eb, Ab und Bb) als Passing Notes alteriert, nimmt man eine benachbarte Note und alteriert diese, damit die Grundtonart erhalten bleibt (nicht Bb zu B, sondern C zu Cb, enharmonisch das Gleiche).
  • Wird eine Note benötigt, die nicht in der Grundtonart enthalten ist, hier in Misty z.B. ein Db, so wird die Note in der laufenden Notation verändert, hier mit einem b vom D zum Db; diese Erniedrigung bleibt innerhalb des aktuellen Taktes so lange erhalten, bis sie wieder explizit aufgehoben wird (durch ein Aufhebungszeichen) oder auch nicht. Am Ende des Taktes wird es wieder ein D.
  • Alterationen innerhalb eines Taktes gelten nur dort, es sei denn, die Note ist in einen folgenden Takt angebunden, natürlich.
  • Die Alteration gilt nur für diese Note, nicht für Gleichnamige in anderen Oktavlagen.
  • Es gibt Hilfmittel, sich das Lesen der Notation zu erleichtern ...

Ich glaube, das war nicht sonderlich schwer und hilft uns, Noten vom Griffbrett in die Notation zu übertragen. Das Thema Rüttmick war schon beim Boxenstop #3 zur Sprache gekommen. Versuchen wir es aber erst einmal einfach und verwenden nur binäre Werte für unsere beginnenden Notationsübungen, also WBL as usual. Da Misty auch nicht besionders schwierig ist, können wir bassistisch frei fliegend beginnen.

First steps

Wie gehen wir vor? Ich mache mal einen Vorschlag zur Güte:

  1. Wir nehmen ein Blatt Notenpapier, am besten für unseren Fall das hier. Sind nämlich 8 x 4 Takte auf einem Blatt.
  2. Wir schreiben über jeden Takt den/die jeweiligen Akkord(e). So brauchen wir nicht zwischen Leadsheet und Notenpapier hin und her zu schalten.
  3. Wir tragen auf allen Zeilen die Tonart ein.

So weit die ersten Vorbereitungen. Nun arbeiten wir uns durch das Stück und bauen in jedem Takt die Basslinie, übertragen die Noten auf's Papier. Dadurch haben wir im Gegensatz zur fliegenden Spielweise den strategischen Vorteil, dass wir wirklich die Linie optimieren können, sei es mit Passing Notes/Chromatik, großen und kleinen Bewegungen, Akkordbrechungen und und und. Der entscheidende Schritt ist dann der, die Note auf das Papier zu kritzlen. Neben dem Entwickeln der Basslinie ist das Schreiben der Noten am Anfang der größte Zeitfaktor, soll nicht verschwiegen werden. Aber da muss man durch.

Haben wir das getan, wenden wir einen weiteren Trick an. Wir schreiben uns unter die Noten den verwendeten Fingersatz aus der One-finger-one-fret-Methode. Ich gebe noch einen dazu: Lagenwechsel nach oben oder unten markiere ich mit einem Aufwärts- oder Abwärts-Strichelchen. So weiß ich, wann ich einen Lagenwechsel machen muss, und wo ich mit meinem Fingersatz landen muss. Und am Ende kommt so etwas dabei heraus.

In Takt 1 beginne ich mit dem Eb auf der A-Saite im 6. Bund, Mittelfinger. So brauche ich für die ersten zwei Takte keinen Lagenwechsel.

Für Takt 3 wechsle ich so, dass ich mit dem Mittelfinger auf dem Ab auf der E-Saite lande. Aufgepasst in Takt4: das D wird auf Db erniedrigt, das zweite D braucht kein b mehr!

Eine 0 als Fingersatz ist eine Leersaite, logo.

Die letzte Note in Takt 13 ist ein G, etwas schwer zu erkennen, Lagenwechsel auf das F auf der E-Saite für Takt 14.

Beispiel Passing notes in Takt 27. Ab6 ist der Akkord, ich beginne mit dem Ab auf der E-Saite, gehe zum Bb (Tonart ist immer noch Eb-Dur!). Kleiner Lagenwechsel nach unten und auf der A-Saite weiter zum B. Notationsmäßig wird es nun etwas kryptisch. Die Passing Note zum C ist ein B, da wir aber in Eb das Bb nicht alterieren wollen, muss ich das C zum Cb = B erniedrigen. Für die letzte Note im Takt, das C, muss diese Erniedrigung wieder durch ein Aufhebungszeichen wieder rückgängig gemacht werden. Wir sind ja noch im gleichen Takt.

Und so weiter und so fort.

Wenn ich nun meine geschriebene Notation hinterher wieder lesen muss/will/darf, brauche ich mich nicht nur auf die Noten zu konzentrieren, sondern kann das Lesen durch meinen Fingersatz und die angezeigten Lagenwechsel beschleunigen. Gleiches wäre auch möglich, wenn ich ein gedrucktes Notenblatt bekomme (z.B. für eine Audition oder eine Probe) und dies zu Hause erarbeiten will. Auch dann kann ich die Linie erst langsam spielen und muss mit dem Lesen nicht so schnell zu sein. Habe ich die Linie im Griff, schreibe ich meinen Fingersatz, und alles andere Nötige mit in die Notation und konserviere meine vorherige Arbeit. Trotzdem habe ich einen Blick auf die Noten, denn die sind letzten Endes maßgeblich und zeigen mir auch die Bewegungen an. Daher noch eine Hilfe aus dem Kapitel 'Adam Nitti und das Notenlesen'.

Eine zweischrittige Stufe (ein Zwischenraum zum nächsten, eine Hilfslinie zur nächsten) ist in den meisten Fällen eine Terz, das Doppelte davon eine Quinte. Ich kann mich also auch nur durch den Abstand der Noten im Bild grob orientieren.

Die Geschichte ist nicht einfach, was ich auch nicht behaupten will, aber wie bei allen komplexen Geschichten wird es um so leichter, je öfter und intensiver man sich damit beschäftigt. Überhaupt ist am Ende jede Beschäftigung mit musikalischen Themen eine Lehrstunde und wirkt irgendwann nach.

Muss das denn alles sein?

Wenn man mit 50 anfängt sich mit Standardnotation zu beschäftigen, wird man wohl kaum noch den Weg zum Vollnotisten schaffen. Oder erst kurz vor der Rente. Aber darum geht es auch nicht, sondern lediglich darum, dass man vorgesetztes Material in Notenschrift wenigstens erarbeiten kann, oder Ergebnisse eigenen Schaffens schriftlich nieder legt. Das Thema Rhythmik hatten wir hier noch vernachlässigt.

Am Ende ...

... bleibt uns Misty als neuer Stein in unserem Repertoire.

Misty (mit WBL-Basslinie) 
Misty (Jam-Track)  

Ich hoffe, der Standardnotation etwas von ihrem Schrecken genommen zu haben. Und vielleicht fühlt sich der Eine oder Andere ja ermutigt, diese Lernschritte selbst anzugehen.

 
©Rainer Böttchers, 1998-2006      Impressum/Credits & Maintainer