The Bass Collection


Pedal-Bass und Ostinate Basslinien

Johann Sebastian Bach, der verkannte Super-Basser

Es tut mir immer wieder in der Seele weh, wenn Leute geringschätzig oder abwertend auf die klassische Mucke blicken und ihre unwerten Kommentare dazu abliefern. Sie haben einfach nicht zugehört, bei den alten Säcken wie Johann und Claude, Igor und Modest.

Die Annahme, dieses alte Zeugs sei langweilig und öde, zeigt umso mehr, dass da wohl die Vorurteile grösser sind als der Wunsch nach der Wahrheit. Und einer sticht für mich immer wieder heraus: Johann Sebastian Bach, seines Zeichens damals Keyboarder und Lute Hero. Und auch damals erkannte niemand, dass er ein wirklich Grosser war, am Bass natürlich. Aber Leo war ja auch noch lange nicht geboren. Schade, eigentlich ...

Vielleicht mal so ganz bewusst und vorurteilsfrei reinhören, z.B. in einen bekannten Teil der Orchester-Suite in G-Dur, mit Ohrenmerk auf die Basslinie ... mid

Na, ist das nicht eine tolle Walking Bassline?

Was soll denn das jetzt wieder?

Es geht um die Stichworte Pedal-Ton, Pedal-Bass und Ostinate Basslinien. Und mit wenig Theorie (ich hab' im Moment nich' soviel Zeit) und ein paar kleinen Beispielen als etwas Anregung, den Bass mal in die Hand zu nehmen und etwas andere Dinge zu versuchen als 1 - 5 - 1 - 5 - 1. Oder ist das etwa doch nicht immer ganz so falsch?

Hört man sich alte Werke der Meister an, und da kriegen wir wieder die Kurve zu Johann Sebastian Bach, und da besonders Orgelwerke und manche Klavierwerke, kommt man zwangsläufig auf dieses Thema. Diese Methode ist in der guten alten Zeit sehr verbreitet gewesen: Man spielt zu den Linien in der Melodie einen konstanten Bass-Ton. Macht nicht viel Arbeit, kommt aber gut ... wenn man es richtig macht. Und da war JSB verdammt gut drauf. So wie er auch den Kontrapunkt und den Canon als einer der Ersten sauber und nachvollziehbar mit Regeln erarbeitet hat. Wen's interessiert, der schaue mal bei JSB vorbei; er hat, glaube ich, auch ein paar Clinics und Workshops gegeben ... ... und es gibt auch recht interessante WebSites dazu.

Zuerst müssen wir mal die Begriffe klären, Pedal-Ton und Ostinate Basslinien. Und das ist so:

Ein Pedalton oder Orgelpunkt ist eine konstante Note, über die eine Melodie oder Kadenz gespielt wird. Als Orgelpunkt ist dieser Basston meist die Grundnote oder deren Quinte. Ist der Orgelpunkt ein tiefer Bass-Ton, wird er auch Pedalbass genannt (weil der Organist nach der Predigt meistens einen Wadenkrampf hatte und den Flunken nicht vom Bass-Pedal bekam). Je nachdem, in welcher Lage der Orgelpunkt gespielt wird, heisst er auch Diskant- oder Mittelstimmenpedal. Wir sind aber Basser und spielen daher Pedalbass. Nur Basser mit einem Sechssaiter können Diskant- oder Mittelstimmenpedal spielen.

Na ja, im Grunde ganz einfach. Somit kann man dann auch die Parallele zum Thema Ostinate Basslinie ziehen:
Eine ostinate Basslinie (auf neudeutsch: Bass-Riff) ist eine konstant wiederholte Basslinie, über die eine Melodie oder Kadenz gespielt wird. Auch hier ist das Markante die Konstanz der Basslinie (d.h. die zugrundeliegende Tonart) trotz Wechsel der Tonalitäten in Melodie oder Basis-Kadenz.

Sowohl für einen Pedal-Bass als auch für eine ostinate Basslinie gilt, dass sie meistens in einem harmonischen Bezug zu der Melodie oder Kadenz steht, die so über sie drüber läuft. Abweichungen von dieser Regel können erlaubt werden, wenn keine dissonanten Intervalle (b2, Tritonus, b7) entstehen oder dieses gerade gewünscht wird und künstlerisch wertvoll ist.

Das is' ja ganz einfach ...

Zuerst ein ganz läppischer Versuch, das mal auszuprobieren. Man nehme also eine Akkordfolge, in denen der zukünftige Pedal-Bass eine harmonische Funktion hat. Eine solche könnte sein, dass er einfach in den jeweiligen Akkorden vorkommt. Und was passiert, wenn nicht?

Stümper-Pedal-Bass #1 tef midi

Akkord #1 ist E-Dur, Akkord #2 ist C-Dur, Akkord #3 ist D-Dur und der letzte ist Fm7b5#11no5th [Basser und Harmonielehre ... zwei Welten prallen aufeinander. d. Sätzer]. Im Grunde funktioniert es, aber so das Wahre ist es nicht. Es muss also noch etwas anderes in den harmonischen Funktionen sein. Ehe wir lange danach suchen: zwar haben die obigen Regeln dies nicht ausdrücklich so gesagt, aber eine harmonische Beziehung zwischen Bass-Linie und darüberliegendem Material ist hilfreich. Das trifft hier nicht gerade zu. Beim E-Dur ja, beim C-Dur nur bedingt, beim D-Dur wird's schon hakelig. Spätestens beim F geht es komplett in die Hose.

Neuer Versuch.

Stümper-Pedal-Bass #2 tef midi

Hier geht es deshalb glatter, weil die Melodielinie auf einer harmonisierten Äolische Leiter beruht. Und da hat der Basston immer seine Funktion, nämlich als Grundnote.

Aber so recht freuen tut uns das Ergebnis nu immer noch nicht. Ist ja klar, es sind die Gitarren, die hier stören! Lassen wir sie doch einfach weg und machen die Geschichte auf dem Bass alleine, mit unserem Freund an der Schiessbude natürlich. Pedal-Bass, die Dritte:

Pedal-Bass #3 tef midi

Lass' doch mal die Profis ran ...

Genau. So klingt es, wenn Könner mit Pedalton und Ostinaten Basslinien arbeiten.

Zuerst Keith Emerson mit dem Intro aus The Three Fates. Hier kommt beides, PB und OB. Dann noch Gentle Giant mit dem Intro aus Underground von der LP Civilian, einer tollen OB:

The Three Fates (Intro) 350KB
Underground (Intro) 100KB

Oder vielleicht doch nicht?

Pedal-Bass und Ostinate Basslinien können ein toller Effekt sein, ihre Konstruktion ist auch übersichtlich. Allerdings ist auch hier Voraussetzung, dass die zugrundeliegende Kadenz oder Melodie einen Pedal-Bass erlaubt. Wichtigste Regel ist der harmonische Bezug zwischen Bass und dem Rest der Instrumentierung und Harmonik.

Und weil mir Bach so gut gefällt, hier noch ein wenig zum Abschalten aus diesem garstigen Thema: Air On A String:

Johann Sebastian's Walking Bass Line tef midi

 
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