The Bass Collection


Nun hat die Sache mit Dave LaRue einen furchtbaren Haken. Er ist nämlich ein exzellenter Techniker, und im Doppelpack mit Steve Morse wird er zu einer bassistischen Killer-Maschine. Diesen Level als Amatuer nur annähernd zu erreichen, ist illusorisch. Was nicht heisst, dass man sich nicht doch so sein Scheibchen bei ihm abschneiden kann.

Daher nun zu einem anderen Bassisten, wenn auch nicht aus einer hundertprozentig anderen Ecke. Ein Bassist, den ich schon lange kenne. Für die Leser unter 40 wahrscheinlich völlig unbekannt. Also stelle ich ihn erst einmal vor:

Ray Shulman

Ray Who? Habe ich erwartet. Also eine Nano-Biographie.

Ray Shulman - Bassist und Violinist der Band Gentle Giant, geboren 8. Dezember 1949 in Portsmouth (UK).

Ray ist ein grossartiger, doch eher unbekannter Bassist. Thomas Wictor in seiner Kolumne "Unsung Bass Stylists" (Bass Player Magazine, January/February 1994) schreibt über Ray's Spiel in der Live-Aufnahme Playing The Fool:

"Ray Shulman certainly qualifies as one of the most creative and innovative bassists ever. He weaves unbelievably complex and confounding lines that draw on medieval, classical, funk, rock, and jazz influences. His attack often sounds like a cross between picking and slapping, adding intensity and power to his already unforgettable licks. Free Hand, from its syncopated intro to its thundrous finale, is a textbook example of how this brilliant musician improvises and plays off the other members of the band to produce a stunning live performance."

Zwar spielte Ray bei GG in der Hauptsache Bass und Violine, tatsächlich war damit die Liste der Instrumente nicht zu Ende. Diese Eigenschaft als Multi-Instrumentalist plus seinen Wurzeln in Folk und die Vorliebe für mittelalterlicher Musik liess ihn Bass-Riffs bauen, die ähnlich anderen (populären) Bands zu tragenden Fundamenten der Songs wurden. Ein weiterer Vorteil von Ray Shulman: während die hier folgenden Bass-Riffs musikalische Edelsteine sind, sind die zugrunde liegenden Techniken eben in den 70ern verwurzelt und damit aus heutiger Sicht beherrschbar.

Ob die Bass-Linien nun wirklich alle von Ray stammen, sei dahingestellt. Ich meine schon, denn sie tragen eine unverkennbare Handschrift. Und von Kerry Minnear, dem Keyboarder, stammen sie nicht. Der Gitarrist war es eher hier, dem die Sachen vorgegeben wurden, entfällt auch er als Täter. Bleibt nur Ray selbst. Und da er auf vielen Songs als Komponist und Texter auftaucht, ist seine Qualifikation auch nicht anzweifelbar.

Aber genug der Vorrede, lasst Noten sprechen ...

Civilian: Underground

Von der ansonsten nicht gerade begeisternden LP/CD Civilian aus dem Jahr 1980 stammt das Stück Underground. Civilian war das letzte Release der Band, nachdem die Plattenfirma sie seit drei LPs drängte, nun endlich einen kommerziellen Erfolg zu landen. GG waren dazu nie in der Lage, weil ihre Musik dazu einfach zu komplex, subjektiv und hör-intensiv war. Das war bei anderen Bands dieser Zeit, Zappa's Bands oder EL&P oder Jethro Tull, nicht anders, doch GG trieben den Progressive Rock auf einsame Gipfel der Kreativität.

So ist Civilian nicht gerade ein Ruhmes-Blatt, neben Giant For A Day. Aber ganz konnten sie's halt doch nicht lassen.

Gentle Giant: Underground (Intro)

Der Song wird überwiegend von dieser Bass-Linie getragen, Parallelen zu Come Together oder Paranoid bieten sich an. Ein weiteres Beispiel, wie eine Bass-Linie den Hook eines Stückes bildet oder wenigstens trägt. Interessant ist natürlich hier die Tonalität des Riffs selbst. A als Tonika ist nicht sonderlich schwer festzustellen. Aber den Verlauf der Linie zu erkennen setzt ein wenig Beschäftigung mit den Modes voraus. Herzlichen Glückwunsch, es ist eine Linie, die komplett die Dorische Leiter darstellt (Herr von und zu Satriani wäre begeistert). Aber Dorisch ist doch die II. Stufe, wenn die Tonika vorgegeben ist, ist das dann nicht eigentlich G als Grundtonart? Nö, is'ses nich'. Es ist einfach nur A-Dorisch. Hört man jetzt noch den Akkorden hinterher, die Gitarre und Keyboards tendenziell in der Reihe dazu spielen, ergibt sich über die zehn Takte dieses Muster:

Takt
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
Tonart minor minor Major Major minor minor Major minor minor Major

Schreiben wir noch die parallel gespielten Akkorde nach Stufen relativ zu G-Dur auf, ergibt sich

Takt
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
Tonart minor minor Major Major minor minor Major minor minor Major
Stufe
ii
iii
IV
V
vi
vii
I
ii
iii
IV

Für die Takte 1 - 10 würde das dann tatsächlich den Modes zu Ionisch entsprechen! Was heisst, dass dieses Pattern einfach auf der zweiten Stufe, also Dorisch, beginnt, und sich dann den Stufen gemäß der Modes zu Ionisch hocharbeitet. Bis auf eine Ausnahme: den verminderten Akkord auf Stufe vii lassen sie weg und ersetzen ihn durch einen normalen Moll-Akkord. Eigentlich trivial, aber muss man erst drauf kommen. Tonika ist damit A-Moll, dazu Dorisch, dann ab der ii. Stufe hoch.

Zurück zur Bass-Linie. Mit den spannungsreichen Modes Dorisch, Phrygisch und Mixolydisch von Ionisch lassen sich prima Bass-Riffs aufbauen. Durch das Gemisch von Moll- und Dur-Anteilen in der Leiter entsteht ein spannungsreiches Gebilde. Einfach mal ausprobieren. Der Rest der Band muss sich natürlich an die harmonischen Vorgaben halten.

Dieses Vorgehen findet sich in vielen Stücken bei Gentle Giant.

Noch ein paar Hörbeispiele ...

Freehand: Last Voyage

Freehand, erschienen 1972 auf reinstem Vinyl, seit 1990 auch auf Plastik, ist neben In A Glass House eine der hörenswertesten Scheiben von GG. Obwohl dieser Auszug nichts dergleichen vermuten lässt, kommen auf Freehand sowohl Jazz als auch Rock-Einflüsse zum Tragen. Es ist wohl einer der Ausgaben von GG-Musik, auf denen es mal streckenweise richtig ab geht. Last Voyage beginnt mit einer Bass-Linie, gegen die Gitare und Vibraphon kontrapunktisch arbeiten. Frage mich keiner nach dem Metrum ...

Gentle Giant: Last Voyage (Intro)

Die Basslinie ist im .tef-/.mid-File eher rudimentär notiert, aber die Noten stimmen. Nur als Hörbeispiel, analysieren möcht' ich hierlieber nix ...

Last but not least:

Three Friend: Mr. Class And Quality

Three Friends ist neben Aquiring The Taste und Octopus eine der 'typischen' GG-Platten, charakterisiert aber auch den Übergang bei GG von einer komplexen Musik zu mehr riff-orientierten Werken. Ebenfalls 1972 herausgekommen, zum ersten Mal mit drei Mitgliedern des Shulman-Clans. Neben Ray und Derek mit Derek's kleinem Sohn Philip. Und natürlich ist es wieder das Intro, das es mir angetan hatte. Anders als kontrapunktisch ist nix zu erwarten.

Gentle Giant: Mr. Class And Quality (Intro)

Dieses Intro noch einmal langsam und zum Mitschreiben:

Gentle Giant: Mr. Class And Quality, Halftime (Intro)

Play list

Möge man mich nun wieder anfeinden, ich käme dauernd mit so altem Müll um die Ecke: egal aus welcher Epoche sind für mich solche Hörerlebnisse immer wieder ein Ansporn, andere Spielweisen und Stile unter die Lupe zu nehmen. Dass ich GG seit 1970 verfolgt habe und natürlich neben den 'regulären' LPs und CDs auch diverse Bootlegs (sowie eine Cassette vom Konzert in Münster) mein Eigen nenne, kann ich nicht verhehlen.

Sollte dann der eine oder andere Bassist an mehr interessiert sein, meine subjektive GG-Playlist:

Meine absolute Nummer 1: In A Glass House. Rocking counterpoint, teilweise für GG-Verhältnisse sehr eingängig.
Knapp dahinter Three Friends. Ein Konzept-Album mit einer beeindruckenden Mischung von Rock, Pop, Jazz und klassischen Einflüssen, das eindeutige Multi-Instrumentalisten-Album.
Heute als Doppelpack erhältlich: Freehand und Interview. Freehand ist ein sehr rockiges Album, Interview kommt qualitatuiv nicht heran, ist aber trotzdem hörenswert.
Edge Of Twilight ist ein Compilation, allerdings von Dan Barrett, dem Macher der GG-Website, hervorragend zusammengestellt. Bietet den wohl besten Überblick. Highly recommended.
Immer noch das GG Live-Album schlechthin: Playing The Fool.

 
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