The Bass Collection


Basslinien-Konstruktion: Plan9

Kurzer Rückblick

Bisher, mit den Themen Pentatonik oder Blues, bewegt man sich in einigermassen gesichertem Fahrwasser. Da gibt es Griffbrett-Diagramme und Leiterteile, ein paar Passing Notes und das war's. Darüber spielt man , improvisiert man und kann auch Solos zusammenbasteln.

Was aber nun, wenn man aus diesen Stil-Pfaden herauskommen will, wenn man Bass-Linien will, die nicht so offensichtlich konstruirt sind? Da braucht man mehr und andere Methoden. Und dann ist erheblich mehr Kreativität und Phantasie gefordert.

Das Thema Baumaterial = Notenauswahl hatten wir in einem früheren Kapitel, das Feeling für die Auswahl der Noten bestimmen den individuellen Stil und der Rest ist Erfahrung und Praxis. Ha, das war jetzt eine Killerphrase erster Güte.:-))

Aber es ist viel Wahrheit darin.

Plan9 from outer space

Ich muss zugeben, es hat etwas länger gedauert, bis ich etwas voran kam in meinen Ideen, den Aufbau und die Entwicklung von Bassriffs jenseits Blues-Schema und Pentatonik zu zeigen. Und auch für mich selbst hat es Erkenntnisse gebracht.

Und so machte ich mich auf die Suche nach dem Plan, dem Regelwerk, das alles erklärt und das alle Widrigkeiten aus dem Weg räumt. Und je länger ich suchte, desto weniger fand ich. Bis ich endlich einsah, dass dieser Plan nicht existierte und nie existieren wird. Und doch gibt es ihn, denn er lebt in jedem Menschen, in dem einen versteckt und schlafend, in dem Anderen sich permanent bahnbrechend und ungezügelt auslebend.

(Oh Gott, jetzt dreht er ab. Jetzt hat er den Boden unter den Füssen verloren. Jetzt hat's ihn zerlegt.)

Ich übersetzte es aber gerne:

REGEL #5: Musik in jeder Form ist immer ein Produkt aus Intuition, Erfahrung und Inspiration. Daher ist Musik und jede Komponente nicht planbar oder konstruierbar.

Tatsächlich gibt es schon Verfahren oder Baupläne, wie man einen Song baut. Professionelle Songwriter beherrschen diese Verfahren, aus Songschemata (z.B. Verse/Refain-Struktur, AABA-Form, ABAB-Form) und Kadenzen (z.B. I - IV - V, II - V - I, vollständige oder plagale Kadenzen) sowie Tricks zum Aufblasen (z.B. Akkord-Substitutionen) quasi auf Zuruf Stücke zu produzieren. Leider 1.) helfen diese Verfahren wenig für Rock, Jazz und andere U-Musikformen, 2.) unterstützen diese uns erst einmal gar nicht, über den Aufbau von Basslinien zu diskutieren.

Ein weiteres Problem mit der Musiktheorie ist wie mit dem Huhn und dem Ei, oder eben genau nicht. Die theoretische Betrachtung hilft bei der Analyse musikalischer Zusammenhänge, aber leider wenig im Prozess der Entstehung. So nützt uns also unser theoretischer Hintergrund wenig? Ich glaube auch nicht, dass sich Paul McCartney die Gedanken gemacht hat, die bei einer genaueren Analyse von Yesterday herauskommen.

Woraus die Basslinie denn nun wirklich entsteht

Die Komponente Tonmaterial hatten wir abgehandelt. Hier hilft uns die Theorie, Auswahl zu treffen, zu beschränken und/oder zu erweitern. Mit Akkorden ist das einfacher als mit Modes und Tonleitern, weil leichter zu behalten und strukturierter, weniger komplex. Wenn schon Modes, dann reduziert auf Pentatonik.

Beispiel: Eine Basslinie zu einer E-Folge hat im chordalen Ansatz 3 x 2 mögliche Noten + 2 Passing Notes. Die zugehörige E-Tonleiter hätte mindestens 2 x 8 mögliche Noten, die aber wahrscheinlich nicht alle 'passen'. Also ist letzterer Ansatz eher Overkill.

Die Komponente Notenverlauf entzieht sich einer generellen Konstruktionsregel. Hier tritt das ein, was ich oben offenbarte: Feeling, Vibrations, Eingebung. Hier ist wenig Hilfe und Unterstützung zu bekommen. Aber hier trennt sich auch die Spreu vom Weizen, hier ist Eure persönliche Spielwiese.


Beispiel: Mark King's frühe Werke (z.B. aus The Early Tapes) sind Basslinien, die nur aus ganz wenigen Noten bestehen. Er setzt stark auf die typischen Funksätze, also <Grundnoten - Oktave> oder <Grundnote - Quinte - Oktave>. Trotzdem erreicht er eine enorme Farbigkeit in seinen Linien, nämlich durch ...

Die Komponente Dynamik: Das sind die Dinge, die ein Spiel farbig und interessant machen, nämlich reine Spieltechniken, Betonungsarten und die ganz persönliche Art, mit dem Instrument umzugehen.


Beispiel: Hier scheint die Auswahl fast unerschöpflich zu sein, darum geht es um diese Stichworte in späteren Kapiteln. Offbeat-Phrasierungen, ternäre Rhythmik, Slides, Hammering/Tapping, Flageolettes, Thumping gehört alles in diese Sparte.

Die Komponente Interaktion ist das Zusammenspiel mit dem Rest der Band, das Aufeinandereingehen, die Synchronisation, der Spannungaufbau durch Widerspruch und Ergänzung. Dieser Anteil entsteht einerseits aus der Zusammensetzung der Band, aber auch aus der Einstellung der Musiker zu ihrem Job.


Beispiel: Beatles. Obwohl (vielleicht bei Ringo etwas versteckter) alle Bandmember hervorragende Musiker und Solisten waren, stellten sie ihre Arbeit nur in der Dienst der Musik und der gesamten Band. Keine Solo-Eskapaden, kein Anfälle von Sich-Vor-Die-Band-Stellen. Selbst Gitarrensoli wirken sehr integriert und unterstützend. Mit einem Steve Vai oder einem T.M. Stevens wäre eine solche Band und Musik nicht machbar gewesen.

Notenverlauf

(Na endlich, man könnte meinen, er hätte sich mit Abi von Reininghaus abgesprochen ...)

Für den Notenverlauf gibt es erst einmal ein paar ganz einfache Regeln. Diese erscheinen selbstverständlich, werden aber auch wieder immer gern unbeabsichtigt liegengelassen. Der Verstoss gegen diese Regeln sollte nur absichtlich erfolgen. Sonst geht die Wirkung flöten.

REGEL #6: Da der Bass hauptsächlich supportende (brrrr ...) Funktion hat, sollte er auf die '1' jeden Taktes auch die '1' der Kadenz/des zugrundeliegenden Akkord spielen.

Der Sinn dieser Regel ist eigentlich trivial: die Führung des Zuhörers, die Betonung der Kadenz und die Orientierung an einem Akkordverlauf innerhalb des Songs.

Aus dieser Regel entsteht die einfachste, aber nicht schlechte Grundform einer Basslinie: die Grundtonlinie. Hier auf die Akkordfolge, die uns in diesem Abschnitt begleiten wird:

Ex #1: Grundton-Bassline
MIDI (MIDI)

Schauen wir uns die Akkordfolge mal etwas genauer an (ich verweise hier noch einmal auf TiMidity, damit die MIDI-Beispiele nicht ganz so platt aus dem Lautsprecher kommen, und auf einen MPEG3-Player, wer weder Wavetable-Karte noch TiMidity hat):

Takt 1 ist einfach 'Gimme four ...'
Takt 2 beginnt mit A5, wechselt auf Gsus2 (1. Inversion)
Takt 3 wieder zurück auf A5, dann auf C, dann auf D7
Takt 4 hält sich bedeckt: D5
Takt 5 beginnt mit C5 und geht über eine C-Dur-Linie zu C und G (1. Inversion)
Wiederholung Takt 2 bis 5 ist unvermeidlich.
Takt 6 endet die Folge unweigerlich mit A5, wo wir auch angefangen haben.

Das Ganze ist nicht so simpel, dass man sofort einschläft, aber auch nicht so komplex, dass Gitarristen sie nicht spielen könnten. Vielleicht findet Ihr ja einen Satriani-Verschnitt, an dem Ihr es ausprobieren könnt.

Daher die Folge hier mit TAB:

Tuning : E A D G Tuning 2 : E A D G B E Time Signature 4/4

|----------------------------------||---------------------------------| Guitar
|----------------------------------|*---------------------------------|
|----------------------------------||2---------------2---0-----0------|
|----------------------------------||2---------------2---0-----0------|
|----------------------------------|*0---------------0---0-----0------|
|----------------------------------||---------------------------------|

|----------------------------------||---------------------------------| Bass
|----------------------------------||---------------------------------|
|----------------------------------||0---------------0----------------|
|----------------------------------||--------------------3-----3------|

|----------------------------------|----------------------------------| Guitar
|----------------------------------|----------------------------------|
|-2---------------0-------0--------|-7--------------------------------|
|-2---------------2-------4--------|-7--------------------------------|
|-0---------------3-------5--------|-5--------------------------------|
|----------------------------------|----------------------------------|

|----------------------------------|----------------------------------| Bass
|----------------------------------|----------------------------------|
|-0---------------3-------5--------|-5--------------------------------|
|----------------------------------|----------------------------------|

|---------------------------------||----------------------------------| Guitar
|---------------------------------*|----------------------------------|
|-5-4-5-4-------------0-------0---||-2--------------------------------|
|-5-------5-7-9-7---2-------0-----||-2--------------------------------|
|-3---------------3-------2-------*|-0--------------------------------|
|---------------------------------||----------------------------------|

|---------------------------------||----------------------------------| Bass
|---------------------------------||----------------------------------|
|-3---------------3---3-----------||-0--------------------------------|
|-------------------------3---3---||----------------------------------|

Alles klar? Na, hat doch gar nicht wehgetan ...

Zu Beispiel #1

Die gewisse Abwechslung in der Gitarrenlinie entsteht aus mehreren Dingen. Einmal aus der bunten Mischung der Akkorde (major, 5, dom7 und sus2), aus der Betonung (teils auf Viertel, teils auf Achtel) und natürlich daraus, dass sie nicht von einem Gitarristen stammt.

Der Bass hält sich konsequent an die Regel 1-auf-1 und Grundtöne bei den Akkordwechseln. Das ist alles.

Nur zum Hören hier die im Grunde gleiche Linie noch einmal:

Ex #2: Grundton-Bassline2 MIDI TablEdit

Was ist hier passiert? Gar nichts Besonderes. Ich habe nur innerhalb der Takte die Grundnoten um eine Oktave nach oben geschoben, und sofort entsteht Bewegung in der Linie.

Aber es gibt ja noch andere Noten ...

Genau, und deshalb weiter zum nächsten Abschnitt, Jenseits der Grundtöne.

 
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