The Bass Collection


Timing

What's the similarity between a drummer and a philosopher?
They both perceive time as an abstract concept.

(Worin sind sich ein Drummer und ein Philosoph ähnlich?
Beide empfinden Zeit als ein abstraktes Konzept.)

Das ist natürlich böse, und trifft wohl auf die wenigsten Trommler zu. Aber nicht nur für Schlagzeug-Spieler und Perkussionisten ist Timing ein wichtiges Stichwort. Der Bassist, mit den trommelnden Bandmembers eng zur Rhythm Section verbunden, hängt mit drin. Timing, das ist nicht nur exaktes Spiel, das ist vor allen Dingen kontrolliertes, präzises Spiel. Auch wenn wir bisher den harmonischen Dingen so viel Raum gewidmet haben, Timing ist auch wichtig.

Zur Definition: man spricht von einem guten Timing, wenn ein Instrumentalist

  1. über längere Zeit ein vorgegebenes Tempo hält, auch wenn die Zeitvorgabe durch einen Drummer fehlt bzw. aussetzt
  2. in der Lage ist, auf den Beat konstant und präzise zu spielen
  3. in der Lage ist, kontrolliert und konstant neben den Beat zu spielen
  4. komplexe Rhythmus-Parts sicher absolviert

Die Diskussionen darüber, wie wichtig denn nun ein gutes Timing ist, und ob nicht musikalische und kreative Aspekte die wahren Inhalte musischen Schaffens sind, hält beständig seit dem 19. Jahrhundert an. Auch liegen Fragen des Timings nicht alltäglich auf dem Tisch, sondern fallen zu Gunsten von optimalen Fingersätzen und möglichst komplexen Licks regelmäßig unter den Tisch. Ein großes Brimborium darum zu machen kann in endlose Wechsel von Argumenten führen. Jedoch denke ich, das Thema ist zu behandeln. Warum? Dazu ein Beispiel:

Vor schon längerer Zeit schlürte mich ein Freund in die hiesige Kulturwerkstatt, wo Newcomer-Bands an einem Abend ihre musikalischen Ergüsse präsentieren. Das Spektrum der Leistungen reicht von Plagiaten, die deutlich an die streckenweise peinlichen Werke des 70er Deutsch-Rocks erinnern, bis zu erstaunlichen Sachen, die die Jungs und Mädels dar brachten. Eine Band ist mir besonders in Erinnerung geblieben, nicht weil sie so grottenschlecht war, im Gegenteil, das war schon guter, intelligenter Bluesrock. Allerdings, wären sie nur einen Deut präziser gewesen, etwas besser in time und nicht teilweise scheinbar in verschiedenen Takten, wäre es ein wirklicher Genuss gewesen. Was fehlte, war das kongruente Spiel, allen, auch dem Drummer, fehlte gutes Timing. Und das machte die eigentlich gute Performance wieder ein Stück zunichte.

Gutes Timing ist nicht das Einzige, nicht das Eine und Alles. Aber es ist das, was das kreative, musikalische Resultat der ganzen Band in den Rahmen einer guten Durchführung stellt. Gutes Timing allein macht keinen noch so schlechten und langweiligen Song wirklich gut, aber es ist die Prise Salz, die der Musik das Flair einer Perfektion gibt. Es ist der letzte Schliff. Nun zur schlechten Nachricht: Drummer und Bassisten brauchen mehr gutes Timing als Solisten und Hochton-Saitenartisten. Daher zur Tat.

Wie kommt man zu gutem Timing?

Einfach: Üben. Damit könnte ich nun diesen Artikel abschliessen. Tue ich aber nicht, sondern präsentiere eine Reihe von Anregungen und Übungen, die helfen können, gutes Timing zu erreichen (warum gibt es eigentlich keinen guten deutschen Begriff für Timing?) als auch die kritischen Aspekte des Timings zu beleuchten. Und um eigene Übungsaktivitäten einzuleiten.

Kompass des Timings ist, wie angedeutet, eine zuverlässige Vorgabe, falls man mit einer Band zusammenspielt. In der Band ist das i.d.R. der Drummer, hoffen wir auf einen guten Griff hinsichtlich desselben. Hat man keinen Drummer zum Üben, kauft man sich einen, oder einen Ersatz für ihn. Das kann sein: ein Metronom, ein Drum-Computer, ein PC mit Drumloops und einem geeigneten Player (nämlich einen, der ohne Lücke eine WAV-Loop wiederholen kann), Goldwave kann das. Bleiben wir so einfach wie möglich und ziehen uns mit einem Metronom zurück. Luschtiger ist das natürlich mit Drumloops, die tonnenweise im Netz herumstehen. Ich würde es aber lassen, denn die Konzentration soll auf dem Üben von Timing liegen, und Üben darf ja keinen Spaß machen.

Was noch hilfreich ist, und peinliche Erkenntnisse bringt, ist ein Multitracker oder ein Recording-Programm für den PC. Diese PC-Multitracker haben meist ein eingebautes Metronom, das für Übungszwecke ausreichend genau ist. Man wird sich, zeichnet man seine Timing-Übungen mal auf, mit Schamesröte abwenden, wenn man hört, wie präzise man ist und zu sein glaubt. Da liegen Welten dazwischen. Daher ist irgendeine Aufnahme-Möglichkeit, auch ein simples Diktiergerät, ein MD-Recorder (braucht man eh für die Proben) oder ein Recording-Walkman eine große Hilfe, die eigene Überzeugung zu Boden zu werfen.

So, technisches Material ist also da, z.B. ein elektrisches Metronom, ein Cassetten-Recorder plus Mikro, und natürlich Bass und Übungs-Amp. Und das Kapitel über Rhythmik sollte man sich zuvor auch angetan haben, schon wegen der Lesbarkeit der Notenwerte. Dann ma' los ...

Fangen wir ganz simpel an

Nehmen wir zum Start eine sehr einfache Linie, als Eingangstest, sie erinnert ein büschen an Back in the USSR:

Metronom auf 80bpm und 4/4 und diese Linie mal eine Minute durch spielen, möglichst aufnehmen und anhören. Zufrieden? Wahrscheinlich weniger. Nehmen wir an, es geht doch ganz gut, erschweren wir die Aufgabe etwas und stellen das Metronom auf ... 32bpm. Und nun? Da hört's auf. Anderes Ende gefällig? Metronom auf 140bpm. Da merkt doch mal so richtig, wie die Anschlagshand ihre Problemchen hat. Ist aber tatsächlich so: im Bereich von 70 ... 80bpm fällt es uns am leichtesten, in time zu bleiben. Eine Ahnung, warum das so ist? Ist es Zufall, dass dies der Bereich unseres Ruhepulses ist? Ich denke nicht, dass das Zufall ist. Abgesehen von den manuellen Problemen im Anschlag ist es tatsächlich einfacher in höheren Gescheindigkeiten zu spielen als in sehr niedrigen. Daher ist auch eher sinnvoll, Übungen immer langsamer zu spielen, nicht in 60 ... 80bpm. Da ist das eh easy. Dann schon lieber schnell und heftig.

Tatsächlich mal das Resultat des eigenen Übens aufgenommen? Überrascht, dass wir eigentlich dachten, viel besser in time zu sein als das Tonband (ad. lib. Festplatte/MD/Memory-Stick) es offenbart? So viel zum Thema Eigenwahrnehmung. Und auch die Antwort auf die Frage, warum sich im Proberaum nach dem rhythmischen Auseinanderdriften die Leute manchmal so vorwurfsvoll gegenseitig anschauen, und keiner fühlt sich schuldig.

Noch ein Eingangstest? Aber bitte gerne.

Dazu muss man selbst, oder jemand als Hilfestellung, das Metronom leise drehen können. Oder Metronom-Output in den Amp und ein Mute-Fußtaster. Auf den Beat vom Metronom einrasten, Metronom weg, vier bis acht Takte weiterspielen, Metronom wieder dazu. Geht auch einfach mal so als Trockentest mit MIDI und den Fingern auf der Tischplatte, zuerst 4 Takte vor, 2 Takte alleine weitermachen und wieder auf die letzten beiden Takte einrasten. Danach erschwert mit vier Takten Alleingang:

Test the rest (2bar)
Test the rest (4bar)

 

Huch, wo bin ich denn gelandet .... ??????

Erste Schlussfolgerungen

Erstens ist das Üben von Timing von musikalischen Betrachtungen (in Sinne von harmonischen Gesichtspunkten) ein Stück entfernt. Timing-Übungen machen keinen besonderen Spaß, damit muss man leben. Als nächstes fällt auf, dass es viel leichter fällt, im Bereich 60 .. 80 .. 90bpm im Takt zu bleiben. Demnach sollten Übungen entweder deutlich darüber liegen oder deutlich darunter bleiben. Und dann noch die fehlende Synchronisation: fällt die Vorgabe durch Metronom oder Drummer weg, ist es eine Krux, den einmal eingeschlagenen Beat zu halten. Das ist sogar beim Spielen mit der Band so, manche Bassisten neigen entweder dazu, mit der Zeit schneller zu werden (engl. 'to rush') oder zu verzögern (engl. 'to drag'). Daher nennen unsere amerikanischen Freunde solche Leute auch rushian dragons.

Und zuletzt, aber eigentlich am wichtigsten: es ist unbedingt notwendig, seine Übungen zu dokumentieren und durch Abhören zu überprüfen, denn wenn wir spielen/üben, ist unsere eigene Wahrnehmung von Synchronität verfälscht. Wir unterliegen zwei Vorgaben, und sollten daher beim Üben uns dessen bewusst sein: wir werden durch zwei Beats gesteuert, durch einen externen vom Drummer oder Metronom, und von einem inneren, den wir selbst schaffen und vielleicht nicht wirklich wahrnehmen. Aber wir hören unseren inneren Beat lauter und höher prior als den externen. Das gilt es zu überwinden. Und darum ist das Herunterleiern von Skalen oder Improvisieren absolut keine Hilfe beim Verbessern des Timings.

Was nun üben?

Was gemeint im Sinne von Material? Das ist easy, es ist nämlich völlig egal. Es müssen ja nicht dauernd die gleichen Töne sein, eher empfiehlt es sich, eine zyklische, harmonisch einfache, aber nicht zu einfache Basslinie zu verwenden. Beispiele gibt es zuhauf:

Das war, meine ich mich zu erinnern, so ein Song aus den Achtzigern. Oder:

Beide Linien haben die punktierten Noten gemeinsam. Und für die Altsäcke:

Also ähnlich wie Sweet home Alabama ...

Es ist so ziemlich egal, was wir spielen, jedoch nicht wie wir es spielen, die Exaktheit und Präzision ist es. Somit darauf den Fokus legen, da die Ohren und die Wahrnehmung hinlegen. Man kann sogar ohne Instrument üben, nur mit Metronom. Wenn man sich ein paar Gedanken macht, kommt man selbst schnell auf Ideen, z.B. die: Metronom auf 40bpm, die Klicks sind nun die Beats 2 und 4. Eure Aufgabe: im Kopf die 1 und 3 dazu legen und positionieren. Lange Bahnfahrten sinnvoll nutzen.

Timing als praktische Übung

Schön ist es, wenn man einen Drummer zum Üben verwenden kann, so lange der Junge Timing-fest ist. Aber auch der Kettarist kann zum Üben hervorragend verwendet werden, und sei es nur als Störfaktor.

  • Legt Euch eine einfache Progression oder Akkordfolge fest, z.B. | D A | E E |. Der Bassist spielt eine möglichst einfache, konstante Bass-Linie dazu. Aufgabe des Ketarristen ist es, den Basser aus dem Tritt zu bringen, sei es durch extensive Synkopen, dropped beats oder 'quer spielen', gegen den Rhythmus spielen, gegen einen 4/4 einen 7/8. Das braucht natürlich einen versierten Mitspieler, aber schult gerade das Zusammenspiel ungemein.
  • Variante Zwo: einen langsamen Beat, z.B. gegen 35bpm, Band oder Mitspieler spielen auf die 1 und 3, Ihr aber auf die 2 und 4. Oder die vorherige Übung im erleichterten Modus: Band spielt einen 6/8-Riff, Ihr eine 4/4-Linie dagegen. Bisschen kreativ sein.

Fazit

Bei meinen letzten Recording-Aktionen ist es mir ja auch selbst aufgefallen. Da hatte ich einen Drum-Track programmiert und als WAV-File in den Multitracker genommen, die Bass-Linie dazu gepackt und war verblüfft, dass das Ergebnis in der Abhöre ganz anders klang als mein Eindruck während des Einspielens. Mein Timing war beschissen. Na ja gut, es war nicht so gut, wie ich wollte und dachte.

Das Dumme am Thema Timing ist, dass das Üben und Verbessern desselben eine langfristige Sache ist. Der entscheidende Schritt ist, sich dieser Diskrepanz zwischen innerem und äußerem Beat bewusst zu werden. Und selbst wenn, wie im Beispiel Homerecording, der innere Beat zum äußeren wird, kann es immer noch auseinander laufen. Also die Wahrnehmung und Aufmerksamkeit schärfen, sich konzentrieren lernen, und nicht zuletzt das Zusammenspiel mit anderen Musikern genauer betrachten.

Material zum Spielen ist alles was man spielen kann. Wesentlich ist, wie man damit umgeht und wie man den Fokus legt. Und unumgänglich ist die Kontrollmöglichkeit durch Abhören der eigenen Übungen und schonungslose Offenheit sich selbst gegenüber. In diesem Sinne ...

Stay tuned.

 
©Rainer Böttchers, 1998-2006      Impressum/Credits & Maintainer