The Adam Nitti Collection


Adam Nitti arbeitet als Bass-Lehrer am Atlanta Institute of Music. Ich habe den folgenden Text von ihm übersetzt und mit Adam's freundlicher Genehmigung hier verwendet. Weitere Infos zu Adam, seinen musikalischen Aktivitäten und weitere Artikel in Englisch auf seiner Homepage (www.adamnitti.com).  

Eine Einführung zu Walking Basslines

von Adam Nitti

[Für diejenigen, die mit 'Autumn Leaves'
nichts anfangen können, ist hier das
MIDI-File. (der Sätzer)]

Liebe Bass-Gemeinde,

solltet Ihr irgendwann mal Swing Jazz gehört haben, wart Ihr sicher auch öfter mal gefangen von diesem spezifischen Sound einer Walking Bassline. Walking Basslines sind ein essentieller Bestandteil improvisationsorientierter Musik, und man sollte, wenn man ein Allround-Bassist sein möchte, mit der Entwicklung solcher Basslinien vertraut sein.

Walking Basslines setzen, ganz allgemein gesprochen, Viertelnoten auf jeden Beat eines Taktes in einem Stück Swing oder Jazz. Und ihr gleichförmiger Taktverlauf ist das, was ihnen dieses Gefühl von 'Gehen' oder 'Schreiten' gibt.


fuse2_0.gif (17784 bytes) TEF Midi

Walking Basslines sind insofern einzigartig, dass sie zwei Funktionen dienen:

  1. Sie definieren den Zeitverlauf, das Timing des Stückes *
  2. Sie liefern ein harmonisches Grundgerüst für die anderen Instrumente, auf dem sich diese abstützen können.

*[Ich verwende den Begriff Timing hier als Zusammenfassung von Geschwindigkeit,
Rhythmus und Feel, weil es sonst im Deutschen Wortkaskaden werden ...
der Sätzer]

Sprechen wir mal einen Moment über diese Funktionen, angefangen mit Punkt 1, wie oben ...

Die Zeit ist wahrscheinlich eines der wichtigsten Elemente in der Musik. In einfachen Worten, die Zeit bestimmt die Geschwindigkeit, den beat, das feeling der Musik. Timing ist das, auf was Ohren, Gefühl und Emotionen einrasten, was uns mit den Finger schnippen lässt und was uns dazu bringt, uns zu Musik zu bewegen. Ohne eine eindeutige Festlegung des Timings ist eine Musik unbestimmt, uneindeutig, unausgesprochen und nicht fassbar, und das kommt beim Zuhörer auch genauso an. In vielen Musikstilen, z.B. Rock, Country oder Heavy Metal, ist es das Schlagzeug, was das Timing für den Rest der Band vorgibt. Jedoch im Swing ist es der Bass, der Zeiträume festlegt.

Der Bass legt auch ein harmonisches Fundament für das jeweilige Stück. Harmonik kann einfach definiert werden als Akkord-Abfolge über eine Melodie über ein Zeitraster. Akkorde geben zum improvisierenden Musiker Schlüssel an die Hand. Alle anderen Komponenten des Stücks, Melodie, Solos, und die Basslinie, sollen dieses harmonische Gebilde vervollständigen. Als Bassisten solltet Ihr in der Lage sein, Walking Basslines ohne jede Akkord-Begleitung zu spielen, und doch sollten noch immer alle Akkordwechsel über die Melodie innerhalb des Stückes eindeutig wahrnehmbar sein. Und das heisst, das weit mehr gespielt werden muss als nur die Grundnoten und Quinten eines Akkordes. Es heisst, dass die Noten so gespielt werden, dass sie die zugrundeliegenden Akkorde auf gleitende, spontan-kreative Weise verbinden. Nicht zu vergessen: eine Walking Bassline ist wirklich nichts anderes als ein Solo in überwiegend Viertelnoten.


Nach dieser Vorrede, schauen wir uns mal eine Walking Bassline an, die über die ersten acht Takte von 'Autumn Leaves' führt:

fuse2_1.gif (39047 bytes) TEF Midi

Eine Linie wie diese zeigt sehr anschaulich, was die typischen Elemente traditioneller Jazz Swing Walking Basslines sind. Sie zeigt modellhaft die Konzepte, die wir später in Detail diskutieren werden ...

Nach meiner Meinung ist es der absolut beste Weg, traditionelle Basslines zu lernen, indem man so viele Basslinien in alten Jazz-Stücken hört und transcribiert wie nur möglich. Der Aspekt Gehörschulung im Erlernen des Jazz kann nicht beiseite bleiben ohne mittelfristig das so wichtige 'jazz feel' in seinem eigenen Spiel zu opfern. Ansonsten glaube ich, es ist am Anfang hilfreich den Aufbau von Basslines an einer dreistufigen Vorgehensweise zu üben.

Stufe 1: Entwicklung von Walking Basslines nur mit Akkord-Noten

Akkordnoten sind einfach nur die Noten, die einen bestimmten Akkord darstellen. Im Jazz gibt es vorwiegend vier Haupt-Akkordnoten: Grundnote, Terz, Quinte und die Septime irgendeiner siebennotigen Tonleiter (manche Akkorde haben noch die Nonen, Elfen und Dreizehnen drin, aber das kommt später). So besteht zum Beispiel eine F-Dur-Tonleiter aus den Noten:

F

G

A

Bb

C

D

E

F

1

2

3

4

5

6

7

1

Der Akkord Fmajor7 hat nun den Grundton, die Terz, die Quinte und die Septime:

F

A

C

E

1

3

5

7

Da diese Noten nun das sind, was den Akkord bildet, macht es auch Sinn, genau diese Noten für den Bau einer Walking Bassline zu benutzen, und die bildet dann wiederum die harmonische Basis. Hier ist wieder eine Walking Bassline über 'Autumn Leaves', die allerdings nur die Akkordnoten verwendet:

fuse2_2.gif (39696 bytes) TEF Midi
Akkordtöne sind also offensichtlich eine sehr sichere Wahl für eine Walking Bassline, abhängig vom jeweiligen harmonischen Kontext. Unabhängig von Eurem Ausbildungsstand verbessern Übungen nur auf Basis von Basslinien mit Akkordnoten insgesamt Eurer Melodiegefühl und Euren Sinn für Harmonik.

Stufe 2: Walking Basslines mit leitereigenen Noten

Die Noten der Tonleitern bilden den nächsten Schritt beim Aufbau guter Walking Basslines. Wie der Name schon sagt, kommen nun alle Noten der Leiter zum Einsatz, inklusive der Akkordnoten. Am Beispiel unseres Fmajor7-Akkordes ergeben sich ja folgende leitereigenen Noten:

F

G

A

Bb

C

D

E

F

1

2

3

4

5

6

7

1

(Vergesst nicht, das man jedem Akkord aus jeder siebenstufigen Tonleiter bilden kann, indem man seine Noten der zugrundeliegenden Tonleiter entnimmt. Dies ist eine einfache Methode, Leitern mit ihren entsprechenden Akkorden in Einklang zu bringen.)

Während wir bei Nutzung der Akkordnoten nur vier Noten zur Verfügung hatte, sind es nun sieben Noten zum Aufbau unserer Basslinie. Wie immer ist es sinnvoll, auf den ersten Beat jeden Taktes einen Akkordton zu setzen. Hier ist also eine neue Walking Bassline, gleiche Akkord-Folge, aber mit den Noten der Basis-Tonleitern zu jedem Akkord:

fuse2_3.gif (39128 bytes) TEF Midi

Wie man sehen und hören kann, machen die Leiternoten die Linie etwas fliessender als bei reinen Akkordnoten. Und das, weil uns die Leiternoten kleinere Abstände zwischen den Noten erlauben. Die Basslinie aus Leiternoten klingt auch etwas 'würziger' als die aus Akkordnoten.

Stufe 3: Walking Basslines mit chromatischen Noten

Das Hinzufügen von Noten aus der chromatischen Leiter und Übergangsnoten komplettiert den dreistufigen Ansatz zum Aufbau von Walking Basslines. Chromatische Linien sind in der Hinsicht ungewöhnlich, dass sie die Grenzen der strikten Harmonisierung und Leiter-Theorie in ihrem Aufbau überschreiten. Ironisch genug, dass gerade sie die am meisten authentisch und vollständig klingenden sind, mit Rücksicht auf den Jazz-Zusammenhang natürlich. Wie ich schon erwähnt hatte, ist gutes Gehörtraining und genaues Zuhören essentiell um die Nuancen in Walking Basslines zu erhaschen. Das ist besonders bedeutsam beim Aufbau von chromatischen Linien.

Chromatik fügt alle verbleibenden, nicht leitereigenen Noten zu unserer Palette hinzu. Erinnert Euch noch mal an unser Beispiel Fmajor:

F

G

A

Bb

C

D

E

F

1

2

3

4

5

6

7

1

Mit Chromatik bekommen wir alle möglichen Noten innerhalb der Oktave:

F

Gb

G

Ab

A

Bb

B

C

Db

D

Eb

E

F

1

b2

2

b3

3

4

b5

5

b6

6

b7

7

1

Wir haben nun zwölf Noten, mit denen wir arbeiten können. Und doch macht es es viel schwieriger, eine Note auszuwählen. Als allgemeine Regel gilt: es ist sinnvoll, die chromatischen Noten auf die unbetonten Schläge zu setzen, jeweils im Bezug zur aktuellen Harmonik (im 4/4 sind die unbetonten Schläge 2 und 4, die betonten 1 und 3). Die nun folgende Walking Bassline fokussiert sich auf einen chromatischen Ansatz, wieder mit der gleichen Akkordfolge wie zuvor:

fuse2_4.gif (40816 bytes) TEF Midi

Wie Ihr sehen könnt, ist der chromatische Ansatz der mit den feinsten Übergängen zwischen den Akkorden. Nämlich, weil die kleinsten möglichen Intervalle zwischen den Noten anwendbar sind. Wenn Ihr mal genau den grossen Jazz-Bassisten zuhört, und speziell den Kontra-Bassisten, werdet Ihr feststellen, dass sie durchgängig chromatische Linien verwenden. Ihre Basslinien scheinen ein Eigenleben zu entwickeln, und ihre Melodiösität hat wohl unzweifelhaft die anderen Solisten inspiriert, mit denen sie zur Zeit der Aufnahme zusammengespielt haben.

Je mehr und öfter Ihr diese Ansätz übt, desto besser werdet Ihr im Improvisieren werden. Das Fliessende in Euren Linien wird ihren Weg in Eure Solo-Arbeit nehmen, seid also so musikalisch bei jeder Übung wie Ihr könnt. Und wie bei jedem konzeptuellem Ansatz: Lasst Geduld walten. Dieser Stoff ist kaum über Nacht in den Griff zu kriegen. Übt eine Methode zu einer Zeit, und verwendet möglichst vielfältige Akkord-Folgen.

Viel Spass damit und bis zum nächsten Mal ...

Übersetzt von Rainer Böttchers, 1/1999

 
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