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| Roland V-Bass
(Japan, 2002) |
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Richtung Olymp falsch abgebogen |
| Reviewer: |
Rainer Straschill |
| Typ: |
Bass-Multi Boden |
| Effekte: |
Multi-Effekt |
| Preis: |
1000 Euro (Neu) |
| Eingänge: |
Bass Klinke, Bass GK-Pickup, Exp-Pedal |
| Ausgänge: |
Stereo XLR, Stereo Klinke, DI, Kopfhörer |
| Fazit: |
Da
hatte denn Roland, japanischer Erbauer von elektronischen Musikinstrumenten,
eine brillante Idee: man baue in seinen Bass einen polyphonen Pickup
ein, sendet das Signal von jeder Saite einzeln an ein Floorboard,
und dortselbst simuliert man neben Verstärkern und Effekten auch
tatsächlich Instrumente - und hat daneben noch die Möglichkeit,
die Signale aller Saiten unabhängig zu bearbeiten. Alles in allem
(bis auf die Simulation der eigentlichen Instrumente) keine neuen
Ideen - polyphone Pickups z.B. gabs schon von Aurisis in den 80ern,
und Amp-Modelling macht heute ja im Kielwasser von Line6 so ungefähr
jeder. Das schöne ist hier also a) das Instrumentenmodelling, b)
daß man wirklich alles, was man denn als Bassist haben will, in
einem Gerät hat.
Das V-Bass-System besteht zum einen aus dem V-Bass-Floorboard, zum
anderen aus dem Pickup. Das Floorboard ist ein silbergrauer Kasten
ca. 1 1/2 DIN A4-Seiten groß, mit 7 stabilen Fußschaltern und einem
Expressionpedal, einigen kleinen Tasten, zwei Drehreglern (Alpha-Dial
und Output Volume) und einem übersichtlichen hintergrundbeleuchteten
LCD-Grafikdisplay. Der Pickup (getrennt zu erstehen) besteht aus
dem eigentlichen Pickup - einem langen, dünnen Quader, der mit bis
zu 6 Saiten umgehen kann, und einem dazugehörigen Bedien/Anschlußelement.
Den Pickup montiert man auf seinem Bass möglichst nahe am Steg (hier
gleich die Frage: warum ist das Kabel an der Längsseite und nicht
am Ende herausgeführt? Das macht den Einbau bei Bässen mit geringem
Abstand zwischen Bridge-PU und Steg sehr unpraktisch), und das Bedienelement
irgendwo, wo es nicht stört. Für die Montage sind sämtliche Werkzeuge
und Lehren beigelegt und die Anleitung ist leichtverständlich, so
daß der Einbau auch bei technisch ungeschickten Menschen nicht länger
als eine gute halbe Stunde dauern sollte. Das Bedienelement (mit
einem Regler und zwei Tastern - alles frei Programmierbar) wird
dann auf Wunsch noch an den normalen Ausgang des Basses angeschlossen,
und mit einem Spezialkabel mit dem V-Bass verbunden. Diese Spezialkabel
sind ein Gipfel der Empfindlichkeit! Es gilt also: immer zaghaft
behandeln, Zug am Stecker und zu enge Biegeradien vermeiden. Nicht
unbedingt bühnen/roadtauglich, deswegen meine Bewertung von 7 für
"Stabilität/Zuverlässigkeit" für ein ansonsten atomangriffssicher
wirkendes System.
Nachdem
man also den Bass an den V-Bass angeschlossen hat, vielleicht
noch ein zusätzliches Expression-Pedal oder einen Fußschalter
angeschlossen hat, und das Ganze z.B. über die XLR-Outs mit
seinem Pult verbunden hat, kanns losgehen. Erstmal kurz ein
Setting für den Pickup erstellen (mehrere können im V-Bass
gespeichert werden, um mehrere Bässe mit dem Ding zu verwenden),
wobei man neben Dingen wie Saitenanzahl und Abstand des PU zur
Bridge hier noch die Empfindlichkeit für die einzelnen Saiten
einpegelt, und dann ein paar Presets anschauen: ein breites
Spektrum dröhnt einem hier entgegen: Bässe, Streicher,
Synthesizer oder einfach ganz komische Sachen - und alles polyphon.
Das macht Lust auf mehr.
Fängt man an, sich ein
Programm selber zu erstellen, geht es tiefer in die Materie.
Man hat hier für jedes Patch (es gibt insgesamt 100):
* Instrument: Eine Auswahl aus Electric Bass (mit verschiedenen
Modellen von Fender Jazz über Rickenbacker zu Music Man), Fretless
(ganz hervorragend!), Vari (ein "build your own bass", wobei man
Korpusgröße und - bauform, Pickupanordnung usw. einstellt), verschiedene
Synths, filtered Bass, Strings, Organ, polyphonic distortion (jede
Saite wird in einem unabhängigen Distortion verzerrt), poly octaver
und Slow gear (sowas für die langsam anschwellenden Töne). Hier
stellt man auch die Mixereinstellungen ( Lautstärke und Panning
für jede Saite) sowie bei manchen Modellen Pitch Shift für jede
Saite ein.
* Amp: der klassische
Amp Modeller eben. Man sucht sich Amp und Box aus, und kann
nun an den Ampeinstellungen sowie der Mikrofonierung rumspielen.
Zusätzlich gibts noch einen weiteren EQ.
* Effects:
hier hat man die verschiedenen Funktionsblöcke Compressor (mit
Compressor und Limiter), Wah (mit Wah und touch wah),
Distortion (mit verschiedenen klassischen Distortion-Modellen),
Mod (mit Flanger, 2-Band-Chorus, Tremolo, 4-Band-EQ mit
param Mitten und einem hervorragenden Phaser), Delay (max.
2 Taps mit bis zu 1800ms), Chorus, Reverb und Noise Suppressor.
Klar, daß alle Einheiten beliebig angeordnet werden können
- und auch das Signal von GK-Pickup und normalem Bass-Sound können
an verschiedenen Stellen eingespeist werden.
Pedal Assign: hier legt man die Funktion der ganzen Controller fest.
Diese sind neben den Bedienelementen am Pickup das Expression Pedal
und einer der Fußschalter. Damit kann man nahezu beliebige Funktionen
steuern - neben allen Programmparametern z.B. auch die normalerweise
für die Programmauswahl verwendeten Fußschalter so umbelegen, daß
sie einzelne Effekte an- und ausschalten. Und unter "Assign 1-8"
hat man noch 8 frei belegbare Controller, womit man neben Doppelbelegung
der Onboard-Bedienelemente z.B. das optionale zweite Expression-Pedal
oder Midi-Controller verwenden kann. Sehr schön.
A propos MIDI: Um
etwaige Mißverständnisse zu vermeiden: der V-Bass macht
KEIN Bass-to-MIDI. Am MIDI-Out kriegt man damit nur die interne
Clock, Programm Changes und Controller. Umgekehrt kann man
über MIDI-In die interne Clock, Programm Changes und Controller
steuern. Im Rahmen der Funktionen fein, aber für das echte
Godfather-Gerät hätte ich mir noch Bass-to-MIDI gewünscht.
Nun
zum Klang der einzelnen Einheiten:
Die Instrumentenmodelle
sind schlichtweg der Hit. Schonmal aus einem bundierten Bass
einen perfekten Fretless-Sound geholt? Oder - the other way
round - schonmal mit einem Fretless einen klassischen bundierten
Precision-Sound gespielt? Mit einem Fender-Jazz Music-Man-Sound
gespielt? Mit dem V-Bass kein Problem! Aber damit gehts erst
los: die Nicht-Bass-Sounds sind imho das einzig verwertbare
in diese Richtung abseits von Bass-to-MIDI, und das hängt
freilich mit der Polyphonie zusammen: mit welchem sog. Bass-Synth
kann ich sonst vierstimmige Akkorde spielen? Die Synths sind
unsere typischen subtraktiv synthetisierten Modelle, d.h. für
den ultraspacigen Synth oder die perfekte Piano-Simulation taugt
er sicher nicht, aber beißende Synth-Leads oder ultrapunchige
Synthbässe funktionieren wunderbar. Das Vari-Modell ist
der Bass-Simulator per se: hier kann man (wie erwähnt)
Pickups auswählen und platzieren, Korpusform, Holz usw.
- alles nur ein paar Menüseiten entfernt. Und mich persönlich
freut die poly distortion ungemein - endlich komplexere Akkorde
als power chords mit massiver Verzerrung spielen! Last but
not least für Gruselathmosphäre ist der slow gear algo das
Mittel der Wahl.
Kommen wir zu den Kritikpunkten:
manche Sachen rauschen entsetzlich ohne ersichtlichen Grund -
das Modell des Piezo-Pickups diene hier als Beispiel. Wesentlich
jedoch: manche Modelle offerieren einen unabhängigen Pitch-Shifter
für jede Saite. Ganz tolle Sache: mit einem Knopfdruck einzelne
Saiten des Basses umstimmen - und das ohne, daß sich das
Spielgefühl ändert. Oder eher wäre eine tolle Sache - wenn
Roland uns einen einigermaßen akzeptablen Pitch Shifter spendiert
hätte. Ich erwarte sicher keinen Sound a la Eventide Orville,
aber die Qualität von diesem (sehr schnell arbeitenden)
Pitch Shifter übertreffe ich locker z.B. mit meinem 30€-Zoom1201.
Also: nette Idee, bei der Realisierung leider kläglich
gescheitert. Weiterhin: warum habe ich diesen Pitch Shifter
nur bei manchen Algorithmen? und warum habe ich keine poly
distortion für alle Algorithmen?
Sehr cool (der
Vollständigkeit halber nochmal erwähnt) ist, daß ich
meine Saiten im Stereospektrum frei pannen kann. Siehe jedoch
unten...
Amp-Modelle: finde ich persönlich nicht
soo schön wie die von meinem Bass-POD. Ich möchte hier nicht
weiter ins Detail gehen, vor allem da ich kein Amp-Spezialist
bin, aber sie klingen weder so schön noch so echt. Und:
die Amp-Modelle sind alle mono, also: aus dem Amp-Modell
kommt ein Monosignal raus, womit z.B. das oben erwähnte Panning
einzelner Saiten wieder verschwindet. Schade, ihr Idioten.
Effekte:
Fangen wir mit dem schlimmsten an. Neben Distortion und Wah ist
vor allem des Bassisten bester Freund - der Kompressor - auch
mono. Auswirkung: siehe oben. Unabhängig davon sind die Effekte
gemischter Qualität. Der Kompressor ist sicherlich nicht der
letzte Schrei, auf Distortion hätte ich gerne verzichtet
und dafür für alle Instrument Models poly-distortion gehabt,
der Wah ist fein (auch mit mehreren Algos) und ermöglicht
auch als touch wah schönen Bootsy-Sound. Ganz toll ist der
Bi-Phaser. Nett, daß uns Roland einen vom MOD-Block unabhängigen
Chorus spendiert hat, der ebenfalls eher Mittelmaß ist,
genauso wie der Hall (aber der kommt in praxi meist dann doch
vom Outboard Gear des Mixers). Der Harmonizer hier ist übrigens
deutlich besser als der polyphone pitch shift - geht also.
Fazit:
Roland hat hier wie erwähnt viele altbekannte Ideen zusammengesetzt,
und in ein Gerät zusammengebaut - und damit kriegen wir als
Bassisten neben einer ziemlich kompletten All-in-One-Lösung,
die man einfach ins Auto schmeißt, ein paar Funktionen,
die man ansonsten sehr selten findet - nämlich alles, was
polyphon ist. Betrachtet man den Preis, so findet man sich
in der gleichen Größenordnung wie ein Line6 Bass POD Pro
Floorboard, mit dem man zwar bessere Amp-Models, aber
eben dafür manche Funktionen nicht hat.
Schade ist
einfach, daß Roland einfach in manchen Punkten ohne ersichtlichen
Grund (außer, daß ihnen in der Entwicklung ihr DSP zu
klein geworden ist ?) tolle Möglichkeiten verscherzt hat,
hier wirklich den heiligen Gral zu bauen. Ich möchte die Punkte
nochmals zusammenfassen und nochmal bewerten.
*
Ampmodelle nicht immer befriedigend: gut, es ist halt kein
Line6. Mit den Erfahrungswerten, die heute auf dem Martk (offensichtlich
außer bei Roland) vorhanden sind, hätte man hier aber
mehr erwartet.
* Effekte nicht übertrieben toll: 'nuff said
* kein poly pitchshift für alle
Algorithmen
* kein poly distortion für alle Algorithmen
* sehr schlechte Qualität des poly pitchshift: stört
mich persönlich sehr, weil ansonsten wäre das wirklich
etwas, was ich mit keinem auf dem Markt befindlichen Gerät
sonst machen könnte.
* keine Einzelausgänge
für die Signale von den Saiten: damit wäre die kritik (s.o.)
zum Teil zu entschärfen
* keine unabhängige
Amp-Effektverarbeitung für die einzelnen Saiten
* kein Bass to MIDI: Roland kann doch sowas (?),
also warum nicht einbauen?
* instabiles Verbindungskabel
PU/V-Bass
Schade. Wirklich schade. Hätte
man die obigen Punkte alle erfüllt, hätten wir wirklich
ein Gerät, daß ich - auch bei noch etwas höherem Preis
- durchgehend mit zehn Punkten bewertet hätte. So aber ist
es eigentlich nur interessant für Leute, die unbedingt polyphone
distortion für ihr direktes Basssignal brauchen - alle anderen
sind sicherlich mit einem Bass-to-MIDI zusammen mit einem Nord
Modular G2 besser bedient.
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| Bewertung: |
| Stabilität/Zuverlässigkeit: | 7 / 10 |
| Sound: | 5 / 10 |
| Bedienbarkeit/Features: | 7 / 10 |
| Preis/Leistung: | 6 / 10 |
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| GESAMT: | 6 / 10 |
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