The Talking Hands Collection


The Biz II- Attitude

OK, ein weiterer Artikel über das "Biz". Hab mich ja in letzter Zeit, was viele wohl begrüßt haben, eher wieder um Spieltechnik etc. gekümmert. Aber ich hab mir nebenbei auch mal wieder Gedanken gemacht darüber, wie es im "Biz" so ist. Und vielleicht kann ich ja den einem oder anderen aus der verehrten Leserschaft einen Tipp geben, der es ihm/ihr leichter machen wird, im Geschäft klarzukommen.

What´s it all about

"Attitude" steht in der Überschrift, und daher ist es fast klar, es geht diesmal um die Attitüde, die Einstellung. Denn die ist verflixt wichtig, wenn man erst mal mit anderen Musikern zu tun hat, oder generell mit den Leuten, die einem im Geschäft so begegnen, seien es nun Booker, Techniker, Manager, Händler etc.

Generell habe ich über die Jahre gelernt, dass es wichtig ist, Selbstbewusstsein zu haben ... dabei muss man jedoch aufpassen, dass man keinen "Tunnelblick" entwickelt. Wie meine ich das nun? Also, Selbstbewusstsein sollte man haben, was die eigenen Fähigkeiten angeht. Ich predige zwar immer, dass man eigentlich als Gitarrist oder Musiker generell nie richtig auslernt, dass man nie aufhören sollte, sich zu entwickeln. Gleichzeitig aber sollte man sich bewusst sein, was man kann, und man kann da ruhig selbstbewusst sein, wenn man erst einmal seine ersten Erfolge feiert ... oder daran arbeitet. Ein typischer Fehler, der jüngeren Kollegen immer wieder passiert, ist: man gibt sein Demoband weiter, sei es nun an einen erfahreneren Kollegen, einen Promoter, einen Redakteur aus dem "Blätterwald", oder wen auch immer. Nein, das ist noch nicht der Fehler. Der liegt darin, dass viele von uns am Anfang den Fehler machen, das Weitergeben unserer Tapes / CD´s mit gewissen Kommentaren begleiten. Ok, vielleicht ist das Demo nicht unter den besten Aufnahmenbedingungen entstanden.

Aber es ist falsch, beim Weitergeben so was zu sagen wie: "Hier ist mein Demo ... es klingt aber ziemlich scheisse, weil wir nur ein kleines Pult da hatten / weil unser Drummer Grippe hatte / weil wir nur ganz billige Mikros da hatten / weil wir beim Gig mit einem fremden Tonmann gearbeitet haben ...", Ihr wisst schon, da gibt es noch etliche andere Möglichkeiten, Freunde, glaubt es mir, die meisten "erfahreneren" Kollegen werden in der Lage sein, das zu hören Den meisten wird klar sein, dass viele Anfängerbands nicht Demoaufnahmen in den Red Rooster-Studios finanzieren können ... dass Liveauftritte meist nicht auf 48-Kanal-Megapults von Bob Rock mitgeschnitten werden ... dass Punch-Ins oft unmöglich zu realisieren sind wegen mangelndem Gear oder recht einfachen Aufnahmebedingungen ... dass Harddisk- Homerecording auch Anfängern tolle Möglichkeiten bietet, aber auch einmal an seine Grenze stösst ... und so weiter Im Ernst, die meisten "Grossen" sind oft selbst durch diese Phase durchgegangen und werden diese kaum vergessen haben. Deswegen werden sie in der Lage sein zu hören, dass das Demo halt unter den begrenzten Gegebenheiten aufgenommen wurden, die vielen Anfängern zur Verfügung stehen. Ich denke, dass kann man mit entsprechender Erfahrung so ziemlich "filtern" und sich darauf konzentrieren, was zählt: die Songs, die Performance, die Atmosphäre.

Noch einmal: "Profis" braucht man eigentlich nicht dazuzusagen, dass das Demo halt nicht soooooo gut klingt, die werden in der Lage sein, das beim Hören im Kopf zu kompensieren.

Warum sage ich das alles? Nun, wenn Ihr jemanden ein Demo in die Hand drückt und sagt dazu "Hier ist unser Demo, sind endlich fertig, klingt aber scheisse, denn... blah blah.", warum soll er sich das Ding den überhaupt noch anhören!? Warum das Ganze schon von Anfang an schlecht reden? Sicher ist es genauso falsch, zu hoch zu stapeln, a'la "Hier ist unser Demo, Mann, es wird Dich wegblasen, absoluter Wahnsinn, wir sind nämlich echte Könner, da kannste die anderen Luschen voll vergessen.." etc.

Ein Mittelweg muss gefunden werden, und der könnte z.B. so aussehen: "Hier ist unser Demo, wir haben das Bestmögliche aus unseren Möglichkeiten herausgeholt, ich hoffe, das Wichtigste, nämlich die Songs und der Bandsound, kommen durch."

Selbstbewusstsein, Realismus, Bescheidenheit ohne sein Licht unter den Scheffel zu stelle. Nicht immer ganz einfach, aber warum sollte schon Anfängern das teilweise in Politik ausartende Verhalten im Musikgeschäft erspart bleiben *sarkastischgrins*.

Ok, wie ist das nun bei Gigs bzw. Zusammenarbeit mit anderen Musikern Hier zählt echt eine positive Einstellung. Ich meine, sicher sollte man sich immer bewusst sein, was gerade passiert und wo eventuelle Probleme liegen, aber es geht darum, dass man nicht noch bei schlechten Rahmenbedingungen obendrein die Stimmung der Kollegen sowie die eigene ruiniert und damit alles noch schwerer macht.

Ein Beispiel dazu. Nun, 1999 wurde ich mit einer Band gebucht, in einem Park in der Umgebung von Atlanta zu spielen, im Rahmen eines alljährlichen Musikfestivals. Nicht nur war abzusehen, daß eine Menge Leute im Publikum sein würden, nein, obendrein hatte sich das regionale Fernsehen abgemeldet, um Ausschnitte für eine Berichterstattung zu filmen, voraussichtlich auch bei unserem Gig. Sowohl Vorfreude als auch Nervösität waren groß. Letztere war dann um so größer als zwei Tage vor dem Auftritt der Keyboarder der Band anrief und durchgab, dass er aufgrund einer Handverletzung (wieso passiert sowas immer kurz vor wichtigen Jobs!?) nicht in der Lage sein würde, den Gig zu spielen.

Tja, über eine Agentur gelang es uns, einen Keyboarder für den Job zu bekommen, und zusammen mit dem eigentlichen Keyboarder bereiteten wir Leadsheets und Notation vor und lieferten diese samt einigen Liveaufnahmen an den engagierten Kollegen. Dieser wies uns nebenbei darauf hin, dass er zwar bis zum Gig extrem beschäftigt sein würde, wir uns aber keine Sorgen machen sollten. Kommen wir daraufhin zu unserem Knackpunkt: Wir hatten vor dem Gig noch einiges zu tun, und es wäre extrem verstörend und behindernd gewesen, hätten wir uns noch die ganze Zeit mit Gedanken wie "Oh Mann, hoffentlich kriegt der Typ das hin ... ich weiss ja nicht ..." etc. herumgeschlagen. Stattdessen unterhielten wir also der Rest der Band uns und gingen mit folgender Einstellung an den Gig und die Vorbereitungen darauf an: "Der Mann ist ein Pro, und selbst wenn er es nicht schafft sich ausreichend vorzubereiten, oder es beim Soundcheck oder Gig klar wird, dass es mit ihm nicht läuft, werden wir diesen Gig spielen und ne gute Show abliefern... im Notfall müssen halt die Soli und Unisono-Parts anders verteilt oder die Setlist geändert werden, aber ES WIRD GUT GEHEN" Es bringt nichts, bzw. macht alles noch schlimmer, wenn man im Vorfeld mit finsterer Miene herumläuft und sich gegenseitig erzählt, was für eine Katastrophe es sein wird.

Ich meine jetzt nicht, dass man blauäugig rumrennen oder mit offenen Augen ins Verderben laufen soll. Aber es bringt nichts wenn man sein Leben lang davon träumt, solche Jobs zu spielen, nur um dann, wenn es mal etwas schwierig wird, den Genuss dieses Erfolges damit zu versauen, dass man sich im Vorfeld oder sogar während der Show gewaltige Sorgen macht. Ja, man sollte vorbereitet sein, und ja, man sollte "on your toes", also wachsam / aufmerksam sein. Aber man sollte nicht dauerhaft pessimistisch an alles herangehen, weil einem sonst eine Menge entgeht... man kommt nämlich nicht dazu, das zu geniessen, was man sich erarbeitet. Das Ende meines Beispiels: der Kollege kam gut vorbereitet zur Show, hatte die benötigten Sounds einprogrammiert, hatte zusätzlich zu den von uns bereitgestellten Notationen / Sheets noch eigene musikalische Notizen mitgebracht, und verbreitete im Vorfeld der Show Soundcheck etc. positive enthusiastische Stimmung ... untermauerte diese dadurch, dass er obendrein gut spielte. So konnte ich spreche jetzt mal nur für mich einfach auf die Bühne gehen und den Job spielen ... mich voll auf mein Spiel konzentrieren und auf das Zusammenspiel mit der Band.

Noch ein kleines Beispiel: wurde vor einiger Zeit mal von einem meiner Schüler eingeladen, bei einem Auftritt seiner Band für einen Song auf die Bühne zu kommen. Ich war also auch bei den Vorbereitungen zum Gig dabei, beim Aufbauen, Soundcheck etc. Diese zeigten dann einige Probleme auf: der Tonmann war mit der Anlage nicht sonderlich vertraut, es gab diverse Probleme mit der Monitoranlage etc. So sah es beim Soundcheck so aus, als müssten wir beim Gig ohne Frontmonitore auskommen. Die Band war dadurch natürlich nervös, und es klang fast so als würden sie den Gig schon im Vorfeld bereits als den schlechtesten ihrer Karriere abhaken. Nun, ich war zwar eh nur für einen Song als Gast dabei hielt also nicht so sehr meine Haut hin, aber ich versuchte trotzdem, den Kollegen klarzumachen, dass es trotz der Rahmenbedingungen ein guter Gig sein könnte. Zwar musste man ein wenig konzentrierter spielen der Gitarrist musste sich halt immer in der Nähe seines Amps aufhalten, um sich zu hören, und sich auch ein wenig mit den Background-Vocals zurückhalten. Ich glaube fest, dass, wenn man mit negativer, pessimistischer Stimmung an einen Auftritt herangeht, man sich und den Kollegen nicht nur den Auftritt selbst verdirbt, sondern auch dementsprechend spielt. Und seien wir ehrlich: es gibt fast immer irgendwelche Probleme im Vorfeld von Gigs, die sich hinterher während der Show als eher unwichtig herausstellen. "Irgendwas is´ immer", sei es nur ein Netzbrummen im Gitarrenamp, ein ausgefallenes Effektgerät, ein schlechter Monitormix oder was auch immer ...

Zurück zum zweiten Beispiel: Sicher, was befreites entspanntes Improvisieren angeht, das wäre etwas schwierig gewesen, aber ich glaube, wenn man als Band gut zusammen spielt, dann kann man einen solchen Auftritt trotzdem geniessen, auch wenn man sich nicht gerade hervorragend hört ... und vom schlechten Monitorsound bekommt das Publikum nichts mit ... ausser natürlich, man lässt sich davon soweit herunterreissen, dass man unkonzentriert wird und dementsprechend spielt. Klugscheisserei`? Ich weiss nicht, zumindest ist das meine eigene Meinung...

Be optimistic, Be aware and always prepared, though.

The other side

So, nun noch ein paar Worte zum "Aufstieg". Erst einmal, ja, man sollte optimistisch an seine Musik herangehen. Man sollte hart arbeiten, um die eigene Band nach vorne zu bringen. Man muss Biss haben. Aber: man sollte nicht verbissen sein. Das ist nämlich ein Unterschied. Biss: man lässt sich von kleinen Rückschlägen nicht aufhalten, man zieht sein Ding durch und behält sein Ziel im Auge, arbeitet darauf hin. Ist man jedoch verbissen oder zu optimistisch, kann das schnell dazu führen, dass man den Spass verliert oder den Enthusiasmus. Sicher ist es toll, mit einer wirklich guten Band zu spielen, die über tolle Instrumentalisten, gute Bühnenpräsenz und super Songs verfügt. Allein das ist aber leider kein Erfolgsgarant. Nein, es gehört auch viel Glück dazu.

Das ist keine Entschuldigung für irgendwas, denn man sollte schon wirklich auch bereit sein, viel Arbeit zu investieren und sich professionell zu verhalten. Es kann aber eben sein, dass man trotz viel finanziellem und persönlichem Engagement auf der Stelle tritt, dass es mal ne Weile oder überhaupt nicht weitergeht. Setzt man nun im vorfeld zu hohe Erwartungen, setzt man sich eventuell sogar Termine "Leute, dieses Jahr wird es was, dieses Jahr haben wir unseren Durchbruch, da packen wir es", kann das zwar erst motivieren und dafür sorgen, dass man bei widrigen Umständen durchhält, aber es kann einen wirklich zerbrechen lassen, wenn es dann nichts wird. Ausgeglichenheit, eiune gesunde Selbsteinschätzung und Geduld sind so unheimlich wichtig, dass ich es nicht mal genau ausdrücken kann. Ich hab wirklich oft gesehen, wie Leute einfach dran kaputt gegangen sind, weil es eben nicht sofort geklappt hat mit dem grossen Durchbruch. Es gab erste Erfolge, die Band spielt gut zusammen, man kriegt gute Kritiken etc. Toll! Aber trotzdem kein Grund, verbissen zu sein und davon auszugehen, dass jetzt alles nur noch nach oben geht. Denn eben das kann dazu führen, dass das ganze Projekt auseinanderbricht... man wird zu enthusiastisch, man schätzt sich selbst zu hoch ein, man kommt mit Misserfolgen oder dem Ausbleiben von weiterführenden Schritten einfach nicht mehr klar. Man verliert das Ziel aus dem Auge: Musik machen. Klingt das zu blauäugig Ich weiss es nicht. Aber es ist doch so: im besten Fall machen wir Musik, weil es uns Spass macht. Wenn wir dafür auch noch Kohle kriegen, Supi! Aber wenn nicht, wenn "der grosse Durchbruch" halt nicht kommt, und man nach einem karrieremässigen Höhepunkt eben stagniert oder es wieder nach unten geht, dann... macht man trotzdem immer noch Musik.

Beispiel: Nehmen wir jemanden wie Joe Satriani. Als der mit seiner Instrumentalmusik anfing, hatte es zwar schon einige wenige erfolgreiche Alben in der Sparte gegeben z.B. Jeff Beck´s "Blow By Blow" und "Wired", aber wenn wir es mal realistisch betrachten, dann sah "Surfing With The Alien" nicht gerade wíe ein auf Erfolg gestylter, sicherer Megaseller aus. Eben letzteres ist er aber geworden. Joe hat da wirklich was gereicht: er machte sein Ding, die Musik, die er gerne machen wollte, ohne grosse Auslegung auf Kommerzialität "Always With You..." mag wie ein guter Radiosong klingen, aber Stücke wie "Hill Of Skulls", "Echo" oder "Lords Of Karma" klinge nicht gerade wie auf Airplay getunte Songs, und traf doch den Geschmack einer Menge Leute... landetete einen grossen Erfolg. Und was das coolste ist: das führte ihn nicht dazu, sich jetzt auf das sichere Gleis zu bewegen und "Surfing With..." Part 2-24 aufzunehmen. Ganz im Gegenteil... immer wieder bewegte er sich auf´s Glatteis und probierte Neues meine Meinung... sang auf "Flying In A Blue Dream", veröffentlichte ein für Satriani-Freaks vielleicht zu Experiment-armes AOR-Album "The Extremist", dann ein Doppelalbum mit unveröffentlichtem Material inkl. einem 16 minütigen Atonal-jam auf "Time Machine", dann ein Blues / Fusion-Album das selbstbetitelte, und, wie im Jahre 2000, ein völlig innovatives DIng, dass mit Drumcomputern, Harddiskrecording und Plugins und ohne Cabinets und echte Liveband aufgenommen wurde "Engines..." Und es funktioniert immer noch: Man mag neidisch sein, aber Joe zieht grösstenteils sein Ding durch daran glaube ich, denn er geht halt nicht auf Nummer sicher, indem er immer wieder das gleiche Album aufnimmt, sondern wagt immer wieder Experimente. Und das ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum der Gute nach dem Abklingen der Shred-Welle immer noch dabei ist... und vor vollen hallen jährlich durch die Welt tourt. Man mag mir zustimmen oder nicht egal, ob man Satch mag oder nicht, ich bewundere seine Glaubwürdigkeit in dieser Sache.

Zurück zum Thema: seid optimistisch... wenn ihr kleine Erfolge feiert oder auf der Erfolgsleiter ein wenig nach oben klettert, geniesst es... arbeitet hart, investiert was ihr könnt ... aber seid nicht verbissen, lasst euch nicht vom fehlenden Glück und daran hängt es leider oft zerbrechen. Seid nicht neidisch auf andere, lasst Euch nicht davon deprimieren, dass Leute, die vielleicht nie ein Instrument erlernt oder wirklich Musik gemacht haben "Isch vermiss Dich wie die Hölle..." Erfolge feiern... es geht auch um die eigene Zufriedenheit Wenn Ihr damit Erfolg habt und auch noch Geld dafür kriegt, dass Ihr Euer Ding macht: Klasse Wenn nicht, nun dann habt ihr immer noch etwas, was Euch keiner nehmen kann... Eure Musik

So, nach diesen etwas philosophischen Ansichten gibt es bald hoffentlich wieder was handfestes über Musik. Vielleicht habe ich jedoch jemanden ein wenig zum Denken angeregt, oder vielleicht jemanden einen guten Tipp oder ne Warnung gegeben, die weiterhilft. Das Thema ist auf jeden Fall noch nicht abgeschlossen...

Email: talkinghands@web.de Web: www.ericvandenberg.com

 
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