The Talking Hands Collection


Shred 101: Obertöne

Tja, als ich neulich die MP3´s für den Artikel über den Jammerhaken aufnahm, dachte ich mir: waerum nicht gleich noch ein paar für einen Artikel über Obertöne aufnehmen? Also, gesagt, getan, und los geht's...

The basics

Obertöne kennen wir alle, erzeugen kann man sie auf der Gitarre auf verschiedene Arten (mal ganz abgesehen von den Obertönen, die bei den normal gespielten Noten mitschwingen... ). Am bekanntesten sind wahrscheinlich die natural harmonics, also die, die man ganz normal erzeugt. Normal heisst hier, Finger auf die Saite legen (ohne sie herunterzudrücken), Saite anschlagen, Finger wegnehmen. Am besten geht das am 12., 7. Und 5. Bund. Zu hören ist das im ersten MP3, wo ich zuerst an eben jenen Bünden die drei hohen Saiten anschlage (also wie Akkorde ), dann noch einmal einzeln durchpicke ...

Natural harmonics

Wie man hört, werden die Töne höher, je näher wir dem Sattel kommen. Die physikalische Erklärung dazu spare ich mir jetzt auf, für einen eventuellen zweiten Teil zu den Obertönen, wo ich auch auf das Thema "Skalenspiel mit Obertönen" kommen werde. Ja, richtig, man kann Skalen und somit Melodie auch mit normalen Obertönen spielen. Ein Klassiker ist da z.B. die berühmte Melodie von "Big Ben"... und wer Jeff Beck´s "Where Were You" kennt (vom "Guitar Shop" Album) weiss eh, was ich meine.

Ein Wort aber noch zu den normalen Obertönen: sie eignen sich nicht nur als Klangeffekt oder für Divebombs. Schaut man sich das ganze nämlich mal harmonisch an, fällt schnell auf, dass diese Obertöne am 12., 7. Und 5. Bund auch Akkorde ergeben, die man durch das Addieren von normalen Basstönen noch variieren kann. Ein Beispiel: Schlage ich die Obertöne am 12. Bund der A-, D-, G-, B- und E1-Saite gleichzeitig an, und addiere dazu das C am 8ten Bund der E6 Saite (normal, kein Oberton), erhalte ich einen Cmaj13-Akkord. Mehr Beispiele? A-,D-G-,B- und E1 am 7.Bund (die Obertöne ) mit einem G am 3ten Bund der E6 ergibt Gmaj13. Die Obertöne am 5ten Bund (A-E1-Saite) plus C im Bass ergibt wieder Cmaj13, Obertöne am 4ten Bund (etwas schwerer, diese sauber zum Klingen zu bringen) in Verbindung mit der leeren E6-Saite erzeugt einen Emaj13.

Auch mit offenen Tunings kann man da herrliche Ergebnisse bekommen ... dazu jedoch ein andermal mehr ...

Im nächsten MP3 hört man die gleichen Obertöne wie im ersten, allerdings mit Verzerrung gespielt und mit dem Whammy Bar ange"dippt".

'Dipped' natural harmonics

Das nächste MP3 wurde wieder mit verzerrtem Sound eingespielt, und hier bewegen wir uns noch näher an den Sattel heran, nämlich auf der E6- und A-Saite. Angefangen mit dem Oberton am 5. Bund, spielen wir den nächsten am 4., 3. Und schliesslich zwischen 3ten und 4ten Bund... dann das gleiche Spiel auf der A-Saite

Natural harmonics down-bound

An was erinnert das ein wenig? Genau, "Two Rivers" von Jeff Beck. Dort wird eben diese Technik in Perfektion dargeboten.

Artificial Harmonics

Eine Rockgitarrentechnik, und ein Klassiker dazu. Wer Billy Gibbons Stil kennt, weiss, was ich meine. Bekannt ist diese Technik auch als "pinch harmonics" (etwa: "Kneif-Obertöne" ). Aber kennen tun wir sie von vielen vielen anderen Gitarristen, und selbst haben wir damit vielleicht auch einmal experimentiert, ob nun geplant oder per Versehen.

Here´s how it works ... Wir greifen eine Note auf der G-Saite (als Beispiel) und schlagen sie mit dem Pick an. Dabei berühren wir direkt nach dem Anschlag die Saite ganz leicht mit der Seite unseres Daumens (sollte über Pick überstehen, oder man muss die Hand etwas drehen). Dadurch machen wir aus dem normalen Ton einen Oberton ... braucht etwas Übung [Nett formuliert ... d.S.], geht aber dann fliessend von der Hand. Ein Detail wird jedoch oft übersehen: wir können (auch wenn wir mit der linken nur eine einzige Note greifen und diese nicht wechseln) die Höhe der Obertöne variieren, indem wir schlicht und einfach den Anschlag (und besagte Berührurung mit dem Daumen) entlang der Saite an verschiedenen Positionen anbringen, uns also mal zur Bridge, mal davon weg entfernen. Das hört man im nächsten MP3:

Pinch harmonics

Übrigens gibt es noch einen andere Variante: anstatt die Saite nach dem Anschlag mit dem Daumen zu berühren, kann man dies auch mit dem kleinen Finger tun ... so machen es Billy Gibbons und Mr. Morse zuweilen. Also, experimentieren!

Noch ein Beispiel für die Anwendung der "pinch harmonics" kann man im nächsten File hören, einem improvisierten kurzen Solo.

Natural harmonics solo

 

Tapped Harmonics

Dies ist eine nicht ganz so bekannte Technik. Bekannt gemacht wurde sie wieder einmal von Mr. Van Halen. Die tapped harmonics funktionieren so:

Man greife eine Note (als Beispiel das A am zweiten Bund der G-Saite), und tappe exakt 12 Bünde darüber schnell und hart direkt die Saite auf das Bundstäbchen, um den Tapping-Finger sofort wieder hinwegzuziehen. Was entsteht (bzw. zu hören ist) ist ein Oberton exakt eine Oktave höher als der gegriffene Ton. Nun kann man folgende Intervalle für das Tappen der Obertöne ausprobieren: Dur Sext (unser Beispiel: Note am zweiten Bund greifen, am 11. Bund tappen, es entsteht ein sehr hoher Oberton), Quinte (9. Bund getappt) und Quarte (siebter Bund) Das ganze sollte man mit verschiedenen Noten auf verschiedenen Saiten probieren...

Im MP3 hört ihr ein Beispiel Harm6.mp:

Tapped harmonics

Im nächsten Soundfile habe ich einen Akkord gegriffen, und mit der Längstseite des Zeigefingers (rechte Hand) in eben erwähnten Intervallen den ganzen Akkord getappt. Klingt ziemlich funky. Viktor Smolski ist ein Meister dieser Technik.

Tapped harmonics chord

Ein weiterer Van Halen Klassiker: Mit der linken Hand einen Akkord greifen, dann mit der rechten Hand einen "Arpeggio" dazu tappen, das heisst mit getappten Obertönen der Akkordform eine Oktave höher folgen ... also zu jeder Note des Akkordes den Oberton eine Oktave höher tappen. Beispiel:

Tapped harmonics arpeggios

Harp Harmonics

Dies ist eine Technik, die Rockfans von Steve Morse bekannt ist (auf dem Foto sieht man ihn gerade dabei, wie er harp harmonics verwendet). Andere prominente Anwender sind u.a. Mike Landau, Steve Lukather, Eric Johnson, Lenny Breau (Rest In Peace!) und Tal Farlow. Ursprünglich eine Klassikgitarrentechnik, funktioniert sie ähnlich den tapped harmonics. Wir spielen z.B. eine Note (wieder das A am zweiten Bund, G-Saite), legen den Zeigefinger der rechten Hand auf das Bundstäbchen exakt eine Oktave höher (also 14. Bund) und schlagen erst jetzt die Saite mit entweder dem Daumen der rechten Hand oder sogar einem Pick (gehalten von den anderen Fingern der rechten Hand) an. Was man hört ist eine Mischung aus Tapped- und natural harmonics ... also eine sehr sanfte Variante, mit denen man nicht nur (wie schon bei den Tapped Harmonics) Akkorde "arpeggieren" kann, sondern auch Melodien spielen kann. Was entsteht ist ein glockenartiger Ton. Im folgenden Soundfile habe ich einmal eine langsame Melodie improvisiert, und mit eben jenen harp harmonics gespielt.

Harp harmonics

 

 

So, nun zu einem Beispiel aus Mr. Morse´s Trickkiste, einem Lick nämlich aus "Dreamland" (vom SMB-Album "Structural Damage"):

Wir sehen hier die TAB eines eher typischen Countrylicks. Gespielt wird es jedoch mit harp harmonics. D.h. wir spielen mit der linken Hand, was wir in der Tab sehen, jedoch erzeugen wir mit der rechten zu jeder Note einen harp harmonic exakt eine Oktave höher. D.h. wir greifen z.B. (zweiter Takt) das E am 9. Bund, erzeugen am 21. Bund einen harp harmonic dazu (also Finger auf den Bunddraht des 21. Bund legen und mit entweder Daumen oder Pick die Saite anschlagen). Dann ziehen wir die Note einen Ganzton (zum F#), halten sie, greifen gleichzeitig das A auf der B-Saite, erzeugen dazu einen h.h. (harp harmonic) am 22. Bund, lassen dann das F# wieder zum E herunter usw.

Klingt komplizierter als es ist. Soundbeispiel:

'Dreamland' harmonics

Und hier die letzte Variante dazu: Wir greifen alle Noten am 5. Bund (also von E1 bis E6-Saite), und spielen auf- und absteigend über jene Saiten. Dabei erzeugen wir auf den tieferen Saiten harp harmonics, und schlagen die Noten auf den höheren Saiten ganz normal an (z.B. mit dem Ringfinger der rechten Hand, da wir Zeigefinger und Daumen der Hand für das Erzeugen der harp harmonics brauchen). Schwer zu erklären, hoffentlich leicht zu verstehen, wenn man die Tab sieht:

Und das Soundfile hört:

Complicated harp harmonics

Übrigens ein gutes Beispiel für die Kombination von Obertönen und normal gespielten Noten (man höre Lenny Breau!). Diese Übung wurde mir vom MI-Instruktor Jamie Findlay gezeigt.

Fazit

Obertöne sind mehr als Gimmicks oder Soundeffekte. Sie können sher schön als Klangfarben verwendet werden, oder dazu, Melodien oder Begleitungen zu spielen. Ich hoffe, der eine oder andere hat etwas dazu gelernt und wird sich vielleicht nun ein wenig mehr mit dem Thema beschäftigen.

Die Soundfiles wurden wie immer auf primitivste Weise mit einem Marshall Preamp direkt in den Computer aufgenommen, Gitarre war meine Stevens Custom Strat.

Hier noch Hörempfehlungen zum Thema:

  • Jeff Beck- Guitar Shop
  • Van Halen- Fair Warning oder Live: Right here, Right Now (besonders: Das Gitarrensolo "316")
  • Steve Morse: "High Tension Wires"
  • Steve Morse Band: "Structural Damage"
  • Eric Johnson: "Venus Isle" oder "Tones"
  • ZZ Top: Best of...
  • Pat Metheny Group- dto.
  • Tommy Emanuel- dto.
  • Ted Greene- Solo guitar
  • Ralph Towner- Solo Guitar
  • Ana Lenny Breau- Legacy

Email: talkinghands@web.de
Web: www.ericvandenberg.com

 
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