Beginners, Basics, Battlefields
Part X: Oktaven
Oh Mann, wer hätte das gedacht? Nach des Sätzers
Versuchen, mich vom Erreichen von Folge 10 dieser Sub-Serie
abzuhalten (der Artikel über Arpeggios war nämlich
eigentlich als Folge 10 gedacht!), hab ichs geschafft:
Der erste runde Geburtstag der Talking Hands-Kollektion.
Es scheint mir so, als wenn die Kollektion tatsächlich
Anklang findet ... habe mich mal durch all die Post gewühlt,
die ich bezüglich der Talking Hands-Kollektion bekommen habe
(habe brav alle beide beantwortet), habe allerdings keinen
neuen Themenvorschlag gefunden, deswegen hab ich mal wieder
für mich selbst entschieden.
War ganz schön am Überlegen, welches Thema ich
denn nun wähle ... Drop Two-Akkorde im tritonischen
Backcycling ... nee, das kommt in der nächsten
Miniserie Was tut ein Gitarrist, wenn er nix zu tun
hat ...
hab ja auch noch ein paar Fortsetzungen zu einigen der vorherigen
Folgen zu schreiben, das kommt bald, das Thema Oktaven
ist bis jetzt aber immer schön unter den Tisch gefallen,
obwohl es bei näherer Betrachtung doch wohl einen ganzen
Artikel wert ist.
Was sind denn nun Oktaven?
Jedenfalls nicht weibliche Tintenfische, nein, vielmehr handelt
es sich bei Oktaven um eine bestimmte Art von Intervall. Empfehlenswert
hierzu wie immer die hervorragenden Theorieartikel des Kollegen
Böttchers (Mann, bald muss da aber bares kommen [in welche Richtung? d.S.] ), besonders
im Bezug Intervalle.
Also: Wir zaubern uns eine Oktave. Nehmt Euch Eure Ketarre
(ja, H.Schneider kenn ich), und greifet am fünften Bund
der g-Saite das C ... nun spielt als nächste Note am
17. Bund der selben Saite das nächsthöhere C ...
ja, genau, die Oktave einer bestimmten Note ist selbige Note
noch einmal in einem höheren oder tieferen Register gespielt.
Wie sieht das Ganze nun in der TAB aus? Der eben erklärten
Schritt mit den zwei Cs auf der G-Saite sieht in der
Tab so aus:
Oder mit der höheren Oktave in einer anderen Position
( in Takt 2 hören wir sie gleichzeitig gespielt ) ...
Oder eine Oktave runter...
Alles klar. Nun, was können wir damit nun machen ....
HALT!!!! Soweit sind wir
noch nicht. Ich hör' schon wieder die Stimmen im Hintergrund
... Ey, du linke Bazille, wat denkst Du eigentlich,
wofür ich meen Octaver-Pedal hab? ... oder Betrifft
mich nix, ich geh na' Hus, hab 'nen 2HE neueste Generatioen
Eventide Harmonizer in de Rack ...
Das führt mich auf Abwege, nämlich zu meinem Lieblingsthema
Harmonizer vs. Spieltechnik, theoretische Kenntnisse
bzw. Handarbeit ... wieso stöhnt denn jetzt jeder?!?
Also, ich sage ja nichts gegen jene Geräte; der Harmonizer
kann, richtig angewendet, ein wertvolles Hilfsmittel sein,
genau wie das Whammy Pedal und die Octaver-Tretmine. Eine
ganze Menge Gitarristen und auch Bassisten haben durchaus
sehr interessante Melodien / Effekte kreiert unter Verwendung
dieser Werkzeuge, aber es gibt auch ein paar Punkte, die für
die Beschäftigung mit Oktaven sprechen.
Das wäre z.B. der Punkt, dass handgemachte
Oktaven doch ein wenig anders klingen als die vom Prozessor.
Nix gegen die Rechenleistung der Eventide-Rennpferde, die
stehen über jeder Kritik, nicht umsonst widmet Eventide
neben Harmonizer-Basteln den Rest ihrer Zeit dem Bau von Flugzeugteilen,
spezifisch Radartechnik.
Ich selbst hatte das Vergnügen, eines dieser Geräte
bei einer Studiosession benutzen zu dürfen und war von
Qualität und Vielseitigkeit der Sounds begeistert. Trotzdem
haben handgemachte Harmonien einen Unterschied
zu denen vom Rechner: Ungenauigkeit.
Wer einmal gedoppelte Soli, Intervall-Soli (siehe dazu meinen
Artikel zur Harmonisation) bzw. Oktavexzesse
der Herren Benson oder Montgomery hört, wird merken,
dass da kleine Ungenauigkeiten, mikrotonale Reibungen zu hören
sind ... die machen im einzelnen keinen grossen Unterschied,
fügen im Klangtest dem Gesamtbild aber einiges an Persönlichkeit
hinzu. Ich habe auch diverse Oktaver- und Harmoniesounds,
und habe auch eine Zeitlang ein Whammy Pedal mein eigen genannt,
bin dann aber irgendwann darauf gekommen, dass manchmal das
Selbst-Harmonisieren beser klingt, ganz einfach
natürlicher. Zurück zur Werbung:
Oktavieren wir doch mal die G-Dur Skala ... In
der ersten Tab seht ihr die Skala in Single-Notes, darunter
dann durchhamonisiert ....
Zu beachten ist der Fingersatz. Um den nämlich ökonomisch
zu gestalten, verwenden wir bei Oktaven zwischen E6- und D-Saite,
sowie zwischen A- und G-Saite den ersten (Zeige-) und dritten
(Ring-) Finger, und bei Oktaven zwischen D- und B-Saite, sowie
zwischen G- und E1-Saite den ersten und vierten Finger. Der
Wechsel ergibt sich aus den Intervallunterschieden zwischen
G und B-Saite, da zwischen denen eine Dur-Terz liegt, während
bei den anderen Leersaiten das Intervall eine Quart ist. Mein
Gott, was für ein SATZ!!!!!
Ok, nun mal Butter bei die Fische:
Die geschmackvolle Verwendung von Oktaven wurde
von Jazzgitarristen wie Wes Montgomery (siehe rechts), Django
Reinhard, Charlie Christian und George Benson eingeführt
bzw. perfektioniert. Charlie Christian war ja nun in der Frühzeit
der elektrischen Gitarre zugange, und damals gabs keine Verzerrung,
das Sustain war kurz, der Sound eher dünn. Schnelles
Spiel sowie Oktaven (letztere ergaben einen etwas volleren
Sound) kompensierten diese Schwachpunkte. Ausserdem lief man
mit Oktaven nicht so schnell in Gefahr, ins harmonische
Dickicht zu geraten. Zudem spielten Leute wie Montgomery,
Christian und T-Bone Walker oft mit Bläsersätzen,
da sollte man ja bezüglich Harmonien eh ein wenig vorsichtiger
bzw. zurückhaltender sein.
Hier eine recht typische Melodie aus der Benson-Schublade
.... im ersten Takt mit Single Notes, im zweiten Takt harmonisiert.
Wie man sieht, habe ich den Fingersatz im zweiten Takt etwas
umgebaut, um das Greifen der Oktaven etwas einfacher zu machen.
Eine etwas aufgepeppte Variante findet Ihr im nächsten
Lick ... gleiche Melodie, jedoch spielen wir in der dritten
Variation nicht Grundton und Oktave zugleich, sondern nacheinander
in 16teln.
Auch wenn letztere Variation nichts aufregend Neues ist,
finde ich sie trotzdem sehr interessant, da die Noten hier
so ein wenig herumspringen ....
Techniken wie diese sind etwas aktueller. Hendrix hat durch
Third Stone From The Sun Oktaven in die Rockgitarre
eingebracht, und damit dafür gesorgt, dass sie öfter
mal auch heute noch benutzt werden, sozusagen als Gewürz.
Hier ein Lick von Steve Vai ... auch sehr interessant, wie
ich finde ... er überwindet damit grosse Strecken in
geringer Zeit (höher, schneller, weiter ...).
So, was haben wir jetzt soweit?
Nun, Oktaven zur Andickung des Sounds, als harmonische
Spielerei, als Sieben-Meilen-Stiefel .... was
gibts denn da noch? Nun, hier wird jetzt getrickst,
und zwar schauen wir uns mal an, was unerfahrene Bassisten
so gerne spielen ... Genau! Oktaven! [no
comment. d.S.]
Der Sprung zwischen den beiden Noten, sowie der Fakt, dass
man nicht besonders viel überlegen muss, wenn es um den
harmonischen Kontext geht, machen Oktaven zu einem der Lieblingswerkzeuge
der Bassisten. Warum also eignen wir uns diese Taktik nicht
einfach an? Stellt Euch vor, wir spielen im Bandkontext: zweiter
Gitarrist, Keyboarder und im schlimmsten Fall auch noch Bläser!
Habe schon mehrmals erwähnt, dass man in diesem Falle
seine Voicings besser schlank hält, also keine 6-stimmigen
Cowboyakkorde spielt. Eine gute Taktik in diesem Fall ist,
die Intervalle einzuteilen ... Bassist spielt Grundton, Keyboarder
addiert Nonen, Septen usw., Rhythmusgitarrist spielt Terz-Doublestops
....
Warum also nicht eine Begleitgitarre mit Oktaven zusammenschustern?
Nehmen wir als Beispiel doch mal den alten Jazzstandard Autumn
Leaves. Im oberen Staff sehen wir eine sechsstimmige
Begleitung, also etwas zu dem wir mit unserer Gitarre nicht
allzu viele Stimmen hinzufügen sollten. Spielt der Bassist
nun z.B. in den etwas höheren Lagen, könnten wir
so etwas wie im nächsten Lick spielen:
Wir nehmen die Rootnote eines jeden Akkordes, spielen jene
samt höherer Oktave, bewegen uns dann gemäss der
Akkordnoten einen Schritt runter (Beispiel Takt 1: Am7, wir
spielen ein A, gehen runter zum G, welches die 7 im Am7 ist,
und dann wieder rauf zum A). Jenem Prinzip bleiben wir auch
treu, bis zum Em im vorletzten Takt ... habe mich entschieden,
da zur Abwechselung einmal zum höheren G zu wechseln.
... und im nächsten Beispiel spielen wir mal Oktaven
in den höheren Positionen, und anstatt einen Arpeggioschritt
herunter, gehen wir diesmal herauf (Beispiel Takt 1: Am7,
also A mit Oktave, dann C mit Oktave, denn C=Terz von A):
Wie gesagt, das sind im Grunde Kinderspielereien, können
aber das eigene Begleitspiel doch aufpeppen. Ich gebe ja hier
meist nur Grundideen vor und überlasse dem Leser, sich
da ein Vokabular einzubauen und die neue Technik ins
eigene Spiel zu integrieren.
Zum Abschluss gibts noch eine andere Oktav-Idee: das
Oktav-Tapping. In Takt 1 sehen wir eine einfache Melodie /
Sequenz. In Takt 2 dann wird jede Note erst eine Oktave höher
getappt, dann zur Originalnote abgezogen .... klingt im Endeffekt
komplizierter als es ist, und mag am Anfang recht schwierig
zu spielen sein, da die Finger sehr weit auseinander agieren
... mit ein wenig Übung gewöhnt man sich aber daran,
und wird merken, dass diese Technik recht einfach anzuwenden
ist, da man nicht über Intervalle für beide Hände
nachdenken muss, sondern einfach mit der rechten Hand im Oktavabstand
der linken Hand und ihren Intervallbewegungen folgen kann.
Tja, wieder mal geschafft: Ein grosses Thema, und wieder
nur an der Oberfläche gekratzt. Vielleicht gehen wir
bald noch mal genauer darauf ein. Ich hoffe es hat gefallen
...
Fragen, Kriik, Anregungen? Immer her damit, an talkinghands@web.de
|