The Talking Hands Collection


Shred101

Motivation & Ziele

Tja, vor kurzem hatte ich mal ein wenig Zeit, habe mich hingesetzt und einmal durch meine alte Lesermail geschaut. Dabei sind mir ein paar Dinge aufgefallen. Zum Beispiel, dass der Kollege Reininghaus mit einigen Kommentaren über Einstellung zum Üben und zur Entwicklung gar nicht so falsch liegt. Überraschend oft finde ich nämlich Mail zum Thema "Was soll ich üben und warum?", oder "Wie komm ich zum GIT?" [www.lufthansa.com/ vielleicht? d. Sätzer], "was muss ich können, und was bringt es mir, hinzugehen?" Und von Schülern und Kollegen höre ich öfter mal Kommentare von wegen "Deine Disziplin zum Üben möchte ich haben" etc.

Und das stösst mir alles ein wenig sauer auf. Fangen wir mal beim letzten Kommentar an.

Ich finde es immer witzig, solche Kommentare zu hören. Denn ich weiss gar nicht, ob viel Üben soviel mit Disziplin zu tun hat. Um mal ganz ehrlich zu sein: ich sehe mich insgesamt eher als undisziplinierten Zeitgenossen. Würde es also darum gehen, wäre ich immer noch dabei zu üben den E-Dur zu greifen. Ohne Quatsch: Wenn ich mich heute mal hinsetze und übe, dann weil ich will. Ich muss mich dazu nicht zwingen. Ich meine, Gitarre war immerhin mal als Hobby gedacht, und wenn ich früher von der Schule oder vom Job nach Hause kam, hatte ich wirklich keine Lust, mich hinzusetzen und mich zum üben zu zwingen. Denn mit Zwang geht da nicht viel. Wer sich zwingt, behindert die eigene Motivation und Leistungsfähigkeit.

Es gibt in Amerika den Term Attention Span. Da geht es um die eigene Aufmerksamkeit, im weiteren Sinne auch um Geduld und Aufnahmefähigkeit. Ist jene überschritten, geht es mit den Lernerfolgen bergab. Ein Beispiel: Würde ich mir jetzt sagen "Ich muss unbedingt Malmsteens 'Icarus Dream Suite' notenperfekt üben. Hab zwar nicht recht Lust, aber ich muss das können". Dann würde ich mich hinsetzen, und ganz toll motiviert (oder auch nicht) anfangen, die ersten paar Licks zu üben. Irgendwann ist dann aber meine attention span überschritten und ich merke, dass ich eigentlich lieber was anderes machen würde. Das senkt die Konzentration, und ich beginne abzuschweifen. Mal aus dem Fenster gucken, oder auch mal andere Licks zwischendurch spielen, Licks die ich schon kann. Und irgendwann merke ich dann, dass ich nicht weiterkomme und es sinnlos ist es weiterzuversuchen.

Sicher, wir alle kennen die tollen Sprüche von Kollegen wie Vai, Satriani etc. "18 Stunden üben musst Du!" oder "Die Gitarre muss Dein Lebensinhalt sein". Und da klingt es dann eher nach Drill. Ich meine, sicher, das Erlernen des Spiels und die Arbeit an den Fähigkeiten erfordert Zeit, Geduld und Arbeit. Es macht aber keinen Sinn, sich jetzt durch 18 Stunden Skalenübungen zu prügeln.

Damit will ich jetzt nicht sagen, dass die beiden oben erwähnten Herren lügen. Auf keinen Fall. Nur müssen wir erkennen, dass solche Methoden nicht für jeden funktionieren. Einige von uns können so nicht funktionieren. Wir müssen die Motivation behalten. Sicher geht der "Juppheidi"-Spass bei Scale Patterns und anderen Themen irgendwann verloren, aber es gibt ein paar Tricks, die man dazu verwenden kann. Z.B., sich hinzusetzen mit dem Vorsatz, jetzt 18 Stunden zu üben. Das wird wohl in den meisten Fällen nicht funktionieren. Nach 10 Minuten guckt man auf die Uhr und sagt sich "Oh Mann, immer noch über 17 Stunden, und ich dachte ich hätte schon 'ne Stunde rum!" Sicher, ich übertreibe die Werte hier, aber ich glaube, Ihr wisst, was ich meine.

Realistische Ziele setzen

Ein kleiner Trick ist hier, die Ziele nicht zu hoch zu setzen. Setzt Euch doch einfach mal hin und sagt Euch "Ich übe jetzt 10 Minuten". Wenn ihr nicht motiviert seid, hört Ihr nach eben jenen wieder auf. Und da die Motivation fehlt, würde es auch keinen Sinn machen, sich zu mehr zu zwingen. Ist aber Motivation da, werdet ihr vielleicht auf die Uhr gucken und denken "Warte mal! Ich spiel ja schon 20 Minuten! Ist mir gar nicht aufgefallen". Und vielleicht sagt Ihr Euch nun "Ich mach noch mal 10 Minuten, anderes Thema" .und so weiter.

So kann man Stunden weitermachen, vorausgesetzt die Motivation ist da. Und nur dann macht es Sinn überhaupt weiterzumachen. Kleine Ziele setzen . gilt auch für andere Bereiche. Auch für Lernerfolge. "Jau, ich kann dies Sweeping-Lick gerade mal spielen, bei 60 bpm. Heute bringe ich das auf 160 bpm!" . bringt auch wieder nix. Erstens ist die Einstellung von wegen "Heute muss ich von x bpm auf y bpm kommen" einfach sehr .steif, sehr mechanisch. Zum anderen ist hier wohl das Ziel zu hoch gesteckt. Das führt zum Misserfolg. Daraus wiederum entsteht Enttäuschung und Frustration. Und dass hindert uns . wir verlieren die Lust, überhaupt was zu machen.

Also, wenn es schon mit BPM gesetzt wird, das Lernziel, dann aber auch bitteschön nicht zu hoch. Da gibt es auch immer wieder die Frage "Was soll ich üben?". Jungs, woher soll jemand anderes das wissen. Sicher, im begrenzten Sinne kann man einem Einsteiger immer Tipps geben von wegen "Jau, arbeite erstmal an Grundakkorden und Rhythmus, und dann etc.". Aber was jemand lernen will, das muss er/sie selber wissen. Vielleicht findet jemand plötzlich Interesse an Slidespiel. Bitte schön, dann beschäftige Dich damit! Es zwingt einen doch keiner. Wenn jemand Lust hat, an einer bestimmten Technik (Ihr wisst schon, was ich meine) zu arbeiten, dann soll er das doch machen.

Es gibt keinen festgeschriebenen Plan, was man üben soll, welche Phasen man durchschreiten muss, keinen "10 Jahresplan" zur Entwicklung zum Gitarristen. Es mag Methoden geben, die jenes tatsächlich anbieten, die sollte man aber mit Vorsicht geniessen. Keiner kann alles können, und jeder ist in seinen Interessen anders. Wenn ich nun den Sound von Sweeping so überhaupt nicht mag, dann lass ich doch bitte die Finger davon, wozu soll ich mich damit beschäftigen. Gleiches mit allen anderen Sachen wie Tapping, wilden Skalen etc. Und das, meine Herren, gilt universell.

Those who cant do, teach ...

Was lachen wir doch immer über den jungen Kollegen, den Rhythmusspiel so gar nicht interessiert, der immer wild Soli rödeln will. Na und? Soll er doch! Sicher fehlt ihm dann irgendwann etwas, aber ...! Da kommt er dann auch selber drauf! Kennen wir das nicht von all den Family-Soaps "Kind, ich will doch nur Dein Bestes, hör doch auf mich, ich sag Dir, welche Fehler Du nicht machen darfst" . "Nein, Mami, ich will mine eigenen Erfahrungen und Fehler machen!" Bitteschön! Da haben wir's. Sicher, als Lehrer kann man Richtlinien geben, Tipps etc. Wenn aber der Neueinsteiger dann aber lieber an Tapping arbeitet als an Powerchords, dann geben wir ihm doch die Freiheit! Vielleicht hilft das seiner Motivation!

Vielleicht frustieren wir ihn / sie nur, wenn wir dauernd sagen "Nein, übe nicht das, Du musst erst das können". Man kann auch alles hintenherum lernen, und nicht nur das, vielleicht ist es für einige von uns sogar einfacher! Mein erster richtiger Lehrer hatte mir damals erzählt, dass Ed Van Halen so viel Linke Hand-Technik hat, die rechte kaum benutzt, richtig viel Legato, voll geil! Supi, und schon strich ich "Wechselschlag" von der Liste und begann, an meiner Linken zu arbeiten. Und irgendwie fühlte sich das richtig an. Und irgendwann hatte ich das dann richtig entwickelt . noch heute kann ich richtig tolle shreddige Sachen allein mit der Linken spielen, da bleibt kein Auge trocken. Und das war für meine persönliche Entwicklung ganz wichtig.

Am GIT kam ich dann langsam auf den Geschmack, was Wechselschlag betrifft. Natürlich war es für mich härter, dann daran zu arbeiten, weil der Bewegungsablauf doch anders ist als bei Legatospiel, ich musste beim Thema "Wechselschlag und Linke Hand-Rechte Hand-Koordination" ganz von vorne anfangen. Na und? Ich hatte es selbst so gewählt . und mich hatte keiner gezwungen! Sicher, ein wenig Zwang vom Lehrer kann toll sein, aber auch als Anfänger sollte man sich schon aussuchen können, woran man arbeiten will.

Und wie gesagt, später kommt man irgendwann vielleicht doch auf das, was man so lange ignoriert hat. Und wenn es dann (weil zu spät) schwieriger ist. dann ist es trotzdem ok. Weil es der eigene Weg ist. Ein Lehrer sollte Richtlinien geben, keine Schablone anlegen, in die sich jeder Schüler einpassen muss.

Zurück zur Motivation

Ein anderes motivationsraubendes Problem ist die Überbetonung bestimmter Themen. Sicher, wenn ich Schwächen beim Wechselschlag habe, will ich da mehr üben, will das Thema ein wenig überbetonen. Mache ich aber nichts anderes, wird es schnell stupide und langweilig. Am GIT wurde mir von Instruktor Beth Marlies eine witzige Methode gezeigt: die Chinese Menu Method (übersetzt ungefähr: "Chinesische Speisekartenmethode").

Ich hatte damals ungefähr einen Plan, was ich so üben wollte. Scale patterns wollte ich können, mein Wechselschlag war nicht gerade prickelnd, und meine Legatotechnik wollte ich auf Stand halten. Also sagte Beth (freie Übersetzung): "Probier dies: Ok, 10 Minuten Wechselschlaglicks in D-Dur Sequenzen", (10 Minuten . erinnert uns das nicht an die kurz gesetzten Zeitziele, die ich oben erwähnt hatte?) Und richtig, bald waren es dann mehr als 10 Minuten, alles ohne Zwang. Aber weiter. "... dann 10 Minuten Legato in A-Dur, dann 10 Minuten Tapping in E-Moll" . kurz: wir wählen eine Technik/Spielweise, eine Tonart, und eine Skala. Und tatsächlich, immer was Neues, sehr motivierend. Wie gesagt: zumindest für mich, muss nicht für jeden funktionieren!.

Solche Sachen klingen immer witzig, aber sie funktionieren. Was auch sehr zuträglich ist für die Motivation und Konzentration: zwischendurch oder am Ende der Übungssession das Geübte auch anzuwenden! Nämlich z.B. auf einer gutbekannten Platte oder 'nem Jamtrack herumjammen, und einfach mal anwenden, worüber man nun Blut und Wasser geschwitzt hat. Mag am Anfang steif klingen, aber so (oder halt bei der Arbeit mit einer echten Band, und nicht bei OBI) kriegt man ein Gefühl für die "Real Time"-Anwendung des Erübten.

Other foot falls

Was man weiterhin vermeiden sollte ist, ein bestimmtes Lick herauszupicken und jenes endlos zu wiederholen, um es zum Flutschen zu kriegen. Wie immer: das mag für einige von uns funktionieren. Für andere mag das aber eben frustrierend sein, und die Lust nehmen. Deswegen: immer mal Pausen einlegen, Gitarre weglegen, Knoppers essen, oder mal was ganz anderes spielen, dann irgendwann zurück. Und mir persönlich bringt das mehr als immer und immer weiterzunudeln. Im Ernst: sich dazu zu zwingen, das gewählte Lick immer und immer wieder zu wiederholen kippt bei mir sogar in's Gegenteil, irgendwann klappt es auf einmal weniger gut.

All diese kleinen Ideen und Tipps sind entweder aus meinem persönlichen Gebrauch oder aus dem meiner Schüler, mit denen spreche ich solche Sachen durch, und einige von denen haben sich tatsächlich solche Sachen erarbeitet.

Was auch wiederum der Motivation abträglich ist, ist ein Übermaß an Material. 70 verschiedene Bücher, 30 Videos . und man will an allem arbeiten. Im Endeffekt kommt man aber mit keinem weiter, weil man sich nie richtig vertieft. Ich war vor Wochen mal wieder in Atlanta, und blieb da für ein paar Tage im Hotel, mit einer Gitarre (auch zuviel Gear kann einem die Richtung nehmen) und einem Buch (nämlich als Lick-Material für die üblichen Übungssessions). Und irgendwie klappte das um einiges besser . ich arbeitete das Buch wirklich durch, drang in dessen Materie vor, folgte der (hoffentlich vorhandenen) Entwicklung im Aufbau des Buches, anstatt wild zwischen 30 verschiedenen Büchern über 60 verschiedene Themen herumzuspringen

Es gibt diverse andere Methoden zu beachten, z.B. sich selbst mal aufnehmen und analysieren, was und wie man da so spielt. Oder . mal bei einer Jam session mitmachen und sehen, wie man sich im musikalischen "real life" bewährt. Alles Möglichkeiten . Ausserdem kann man sich (wie John Petrucci z.B.) eine kleine Bibliothek an Musikmaterial (Licks, Transkriptionen etc.) anlegen und nach Techniken unterteilen, so dass man immer was zum Üben hat, wenn man sich auf eine bestimmte Technik konzentrieren will.

Und noch ein Wort zu Schulen .

Schulen wie das GIT, die LAMA (nicht das Lama ) oder Berklee sind oft umstritten. Wenn ich hier so drüber lästere, einem Beginner seine Freiheiten zu lassen und keinem "Masterplan" zu unterwerfen, so mögen mir einige Leser nicht abnehmen, da ich ja selbst eine jener Schulen (Nichtzutreffende bitte streichen) absolviert habe. Was jedoch viele nicht wissen ist, dass auch an diesen Schulen vieles dem Schüler selbst überlassen ist.

Sicher, es gibt eine Menge Lehrer, eine Menge Lehrstunden, Workshops usw. Aber es ist dort nicht so, dass einem dauernd ein Lehrer hinterherrennt und einem zeigt, was genau man jetzt wie üben soll, um sich zu verbessern. Und wenn man sich nicht auf die Hinterbeine setzt, nur die vorgeschriebenen Stunden besucht und selbst kaum Motivation oder Eigeninitiative zeigt, nützen einem zwei Jahre GIT in etwa soviel wie Gitarrenunterricht bei Frank Elstner. Denn was die Schule anbietet, ist ein sehr musikalisch motivierendes Umfeld (endlos viele Gelegenheiten zu spielen, Unmengen an musikalischen Mitschülern aus den verschiedensten Bereichen, sehr viel Lehrmaterial), gute Lehrer, und ein Rahmenprogramm. Was der Schüler mitbringen sollte, ist Motivation, Eigeninitiative, eine gewisse Idee, was er/sie denn nun lernen will, wo er/sie sich hinentwickeln will, den Willen hart zu arbeiten, und den Wunsch, die angebotenen Werkzeuge dazu zu verwenden, sich selbst zu entwickeln.

Ein Lehrer kann einem nur in einem gewissen Rahmen helfen. Es kommt auf einen selbst an, was man draus macht, und ob man sich irgendwo hinbewegt, anstatt ziellos im Kielwasser des Lehrplans herumzupaddeln. Deswegen sollte man auch nicht falsch urteilen und denken, dass diese Schulen wie eine Fabrik für Gitarristen dienen, die alle gleich klingen, wenn sie ihr Diplom erhalten.

Und man sollte schon wissen, was man will, wenn man sich tatsächlich für ein Studium dort interessiert. Soviel dazu.

Lob, Kritik, Fragen und Anregungen wie immer gerne an talkinghands@web.de

 
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