Shred101
"Speed Rules", Alex Skolnick etc.
Tja, Shred 101 ... schon der zweite Beitrag meiner neuen Miniserie ... mal
sehen was passiert.
Diesmal gibt es einen besonderen Leckerbissen. Ich halte mich ja im Augenblick
(noch) direkt in New York City auf, und habe endlich die Gelegenheit gehabt,
mich mit einem meiner Haupteinflüsse zu treffen: Alex Skolnick. Während
eines gemütlichen Chats in einem Café in Soho kam ich auch auf die
Talking Hands-Collection zu sprechen. Und da habe ich den guten Alex um Erlaubnix
gefragt, einen seiner älteren Artikel, den er vor Jahren mal für GUITAR
WORLD verfasst hat, zu benutzen. Erlaubnix wurde mir erteilt. Vorher würde
ich aber gerne etwas mehr über den guten Alex erzählen.
|
Alex ist den meisten wohl noch als Lead-Gitarrist der Heavy Metal Band Testament
ein Begriff. Hier erspielte er sich seinen Ruf als "player's player"
und machte sich einen Namen als ungemein talentierter junger Spieler (Alex war
übrigens ebenfalls ein Schüler von Joe Satriani). Alex ging mit der
Band sofort nach Abschluss der High School Ausbildung (in USA ist das normalerweise
mit 18-19!) in's Studio. Bis 1992 war er dann Mitglied der Band, und spielte
auf Metal-Klassikern wie "Souls Of Black", "Practise What You
Preach" und "The Ritual".
Er verliess die Band hauptsächlich, weil er sich auf andere Musikstile
konzentrieren wollte ... schon immer war er an Stilen wie Jazz, Fusion etc.
interessiert ... dies konnte er jedoch mit dem Metalsound von Testament kaum
ausleben. Nach dem Ausstieg gründete er dann die Band "Exhibit A",
die musikalisch eine grosse Palette an Einflüssen verarbeite, hauptsächlich
aber mit Bands wie Faith No More und Living Colour zu vergleichen war
|
 |
1994/95 dann stieg er vorübergehend in die Metal-Band Savatage ein, als
"hired gun" und Nachfolger des verunglückten Criss Oliva. Mit
Savatage spielte er das Album "Handful Of Rain" ein und war auch kurz
auf Tour mit den Jungs aus Tampa.
Anschliessend wurde es ein wenig still um Alex, und er konzentrierte sich auf
Unterricht, Gastspiele (u.a. auf Michael Manring's genialem "Thonk")
und seine zwei anderen Projekte: Die instrumentale, sehr experimentelle Formation
"Attention Deficit" und die 70's-Copmusic-Fusion Band "Skol-Patrol".
Stilistisch ist Alex sehr gewachsen, und bringt Einflüsse aus Blues, Jazz,
Klassik, Fusion und Metal in seine aktuelle Musik ein. Der folgende Artikel
wurde im Rahmen seiner Kolumnistenarbeit für Guitar World geschrieben,
im Jahre 1990, also noch während seiner Zeit bei Testament. Also keinen
falschen Eindruck kriegen.
So, es geht los:
Alex Skolnick "Speed Rules!" Guitar World
März 1990
Auch wenn ich riskiere, hier einige Leser zu schockieren, möchte ich
gerne vorausschicken, dass es sich in diesem Artikel nicht nur
ausschliesslich um Heavy Metal und Trash geht. Beide Genres werden etwas
herausstehen, aber genauso wird es um anderen Musikstile gehen. Ich habe
herausgefunden, dass man es wichtig ist, sich eine feste Grundlage im
Jazz, Blues und auch klassischer Musik zu erarbeiten, wenn man nach
frischen und originellen Metallicks sucht. Mit dieser Kolumne (und
jenen, die später folgten - der Übersetzer) will ich versuchen
aufzuzeigen, wie jeder Gitarrist, unabhängig vom persönlichen Geschmack,
sich bei anderen Stilen und bei der allübergreifenden Musiktheorie
bedienen kann, um seine kreativen Ziele zu erreichen. Ich möchte dies
anhand von einigen Spieltipps sowie generellen Beobachtungen aufzeigen.
Ziele
Egal ob Du ein Anfänger oder Profi bist, es hilft immer, auf ein Ziel
hinzuarbeiten. Es ist ok, dieses Ziel zu ändern oder zu modifizieren,
solange die ursprüngliche Intention beibehalten wird. Das kann man in
langfristige Ziele (wie "Ich will lernen, wie man Rockmusik spielt")
oder kurzfristige Ziele ("Ich will lernen, die A Moll-Tonleiter zu
spielen") unterteilen. Sich Ziele zu setzen ist der erste Schritt, etwas
zu erreichen. Als ich anfing zu spielen, setzte ich meine Ziele fast
immer zu vage. Z.B. würde ich mir sagen "Ich will ein guter Gitarrist
sein". Später entdeckte ich, dass "gut" sein nur eine Meinungssache
ist.
Einige von uns werden als "gut" oder "nicht" gut angesehen,
nur wegen der
Art von Musik die wir spielen. Einige Nicht-Metalmusiker haben mich Jazz
oder Blues spielen gehört und sagten Sachen wie "Ich wusste das vorher
gar nicht, aber Du spielst wirklich gut!" Manchmal wird ein Spieler als
besser angesehen, weil er in einer bekannten und erfolgreichen Band
spielt. Vor einiger Zeit habe ich ein Metalkonzert besucht, und jemand
sprach mich an und sagte mir, dass ich "der allerbeste Spieler" wäre.
Einige Tage später ging ich zu einem John McLaughlin-Gig, und nachdem
ich mir sein Spiel angehört hatte, und auch seiner Technik Beachtung
schenkte, wurde mir klar, dass ich noch einen langen Weg zu gehen habe,
bevor ich zu "den Besten" gezählt werden kann. Über die
Jahre habe ich
meine Ziele modifiziert ... von "ein guter Gitarrist" zu werden zu
"Ein
erfahrener, knowledgable und open minded Spieler" zu werden.
Picking
Um gitarristische Ziele zu erreichen, solltest Du Dich mit Picking-Techniken
beschäftigen - eine Kunst die oft nicht die Beachtung bekommt, die sie
verdient. Als ich noch jünger war, beeindruckte mich schnelle Linke Hand-Technik,
und ich erkannte nicht die Wichtigkeit der rechten, der Picking-Hand - ein oft
vorkommender Fehler in der Welt der Spieltechnik. Was ich nicht erkannte war,
dass, je schneller man spielt, desto weniger beeinflusst die linke Hand den
Sound und die Qualität des Spiels. Ab einer bestimmten Geschwindigkeit
wird die linken Hand ganz einfach zu einem Werkzeug, mit dem man die Noten wählt,
während die rechte nun die Verantwortung für Ton und Sauberkeit bekommt.
Es ist Sauberkeit, die enorm dazu beiträgt dass andere verstehen, was man
auf seinem Instrument und mit seinem Spiel ausdrücken will. Die nächsten
Licks sind Übungen, die ich zur Arbeit an meiner Picking Technik verwende.
 |
 |
Figur 1 ist ein übliches Muster, welches man in vielen Soli
findet ... und kann auch als gute Pickingübung verwendet werden. Ich habe
die Übung in E-Moll ausgeschrieben, aber ich kann nur empfehlen, dieses
Muster auf andere Tonarten und Skalen anzuwenden. Ein tolles Beispiel für
Speedpicking nach einem ähnlichen Muster und mit wunderbar kontrolliertem
Picking kann man auf Al DiMeola's "Mediterranean Sundance", von seinem
Jazz Fusion Klassiker "Elegant Gypsy" (Columbia) finden.
Manchmal komme ich mit Läufen entlang einer Saite sehr gut
klar, doch entdecke ich Probleme bei Licks, die Saitenwechsel beinhalten. Übungen
wie Lick 2 haben mir enorm geholfen, was das Erreichen von Sauberkeit und Kontrolle
beim Spiel zwischen wechselnden Saiten angeht. Um diese Übung voll auszunutzen,
sollte man zwei verschiedene Variationen üben: einmal angefangen mit einem
Abwärtsschlag (down-stroke) und dann angefangen mit einem Aufwärtsschlag
(up-stroke). Übt dies täglich mit einem Metronom und erarbeitet Euch
sauberes Spiel mit gehobenem Tempo.
 |
 |
Die folgende Figur 3 ist eine Einführung zu diesen wirren
kleinen Dingern die man "Arpeggios" nennt. Ein Arpeggio ist ein Akkord,
bei dem man die Noten eine nach der anderen spielt (anstatt gleichzeitig wie
gewohnt). In den letzten Jahren wurden Arpeggios in der Rockmusik bis zum Erbrechen
verwendet, deswegen versuche ich mich damit zurückzuhalten. Wenn man sie
zu oft oder ausgiebig benutzt, sind Arpeggios ungefähr so interessant wie
ein Album voll von Trommelwirbeln. In kleinen Portionen angewendet können
sie jedoch sehr viel zu einem Solo beitragen. Mit Übung 3 kann man sehr
gut an der Sweep-Technik arbeiten. Ausserdem kann man sich an das Konzept "Die
gleichen Noten in 3 Oktaven" gewöhnen. Früher blieb ich oft "stecken"
und spielte nur innerhalb der gleichen vier Bünde ... Arpeggios halfen
mir, aus dieser "Falle" auszubrechen. Arpeggios kann man auch verwenden,
um über Akkordwechsel zu spielen. Die Arpeggios in Figur 3 laufen durch
E-Moll-, D-Dur- und C-Dur-Akkorde. Ich verwende ein Fender Medium Pick, welches
ich zwischen Daumen und Zeigefinger halte. Normalerweise halte ich die Hand
freischwebend über den Saiten, manchmal jedoch "verankere" ich
sie, indem ich meinen kleinen Finger auf das Pickguard auflege. Die Methode
mit der freischwebenden Hand erlaubt meinem Handgelenk mehr Flexibilität
und macht es einfacher, Saiten zu dämpfen.
 |
 |
Theorie
Musiktheorie ist ein grosses, manchmal entmutigend oder überwältigend
grosses Thema. Irgendwann beschäftigte ich mich mal mit Slonimsky's
"Thesaurus Of Scales And Melodic Patterns", eine Auflistung jeder
möglichen Notenkombination in der westlichen Musik. Mir wurde schnell
klar - ich versteh' nur Bahnhof! Ich ging zu meinem damaligen Lehrer, Ray
Shattenkirk, und der sagte mir "Niemand hat sich je all diese Zeug
genommen und in eine Komponisation gepackt. Dies ist nur eine
Möglichkeit, musikalische Ideen zu sammeln und zu organisieren. Und das
ist der Sinn von Musiktheorie - lass Dich davon nicht entmutigen!"
Musiktheorie ist nur ein Werkzeug - etwas was Dir helfen soll, wenn Deine Kreativität
einen "Anschieber" braucht. Der Ansatz, Theorie bei der Entwicklung
eines Stückes zu verwenden, und nicht ein Stück auf Musiktheorie aufzubauen,
ist enorm hilfreich. Solltest Du jedoch Probleme haben, selbst die grundlegendsten
theoretischen Ideen zu verstehen, versuche sie zu lernen, indem Du Dich mit
Musik befasst, die Du gut kennst. Zum Beispiel habe ich eine Freundin, die singt,
und eine Menge Songs kennt. Vor kurzem fragte sie mich, was eine I-IV-V-Progression
ist. Ich fragte sie, ob sie den Song "Louie, Louie" kennt. Den kannte
sie, also sang ich die Akkorde, und zwar so: "Eins - Eins - Eins - Vier
- Vier - Fünf - Fünf - Fünf - Vier - Vier". Sie kannte die
Progression des Songs, und verstand nun nicht nur, wofür die Symbole I-IV-V
stehen, sondern wusste auch gleich, wie sie klingen! In meinen zukünftigen
Kolumnen würde ich gerne versuchen, einige sehr elementare Songs zu verwenden,
um einige recht komplizierte theoretische Konzepte zu erklären. Wenn Du
selbst Unterricht nimmst, und von Dingen wie Skalen und Modes total verwirrt
bist, bitte Deinen Lehrer Dir verschiedene musikalische Beispiele zu geben.
Um Theorie zu lernen, muss man verstehen, wie man sie anwendet, und wie die
Anwendung klingt. Niemand kann eine Sprache nur dadurch lernen, indem er alle
Worte im passenden Wörterbuch auswendig lernt!
Harmonisierte Skalen
Viele Songs im Hard Rock und Metal bauen auf nichts anderes als Powerchords
auf - in einer Band mit zwei Gitarristen sind diese fast unmöglich zu vermeiden.
Eine gute Idee, um etwas "Würze" zu diesem Powerchord-Rezept
hinzuzufügen ist die Verwendung von harmonisierten Skalen via zwei Gitarren.
Die Idee ist recht simpel: Erfindet ein Riff basierend auf einer bestimmten
Skala, dann lasse den zweiten Gitarristen das Riff genauso spielen, jedoch beginnend
auf einer anderen Note der selben Skala.
Seht Euch mal Lick 4 an. Es handelt sich um einen kleinen Ausschnitt aus dem
Testament Song "Practise What You Preach" (Megaforce/Atlantic) von
unserem letzten Album mit dem selben Titel. Dieser Part ist zu hören gleich
nach dem Solo, gleich bevor der Gesang wieder einsteigt. Leser, die sich ein
wenig mit Theorie auskennen werden erkennen, dass diese Melodie auf auf der
Melodisch-Moll Skala beruht.
| |
|
 |
| Figur 6 besteht aus einer arpeggierten Dim7-Skala: |
|
 |
Das Muster in Lick 6 kann man in den Testament Songs "Perilous Nation"
und "Confusion Fusion" hören, beide zu finden auf "Practise
What You Preach". Moll-Terzen können nützlich sein, wenn Du etwas
Trauriges und gleichzeitig Farbenreiches spielen willst. Natürlich sind
Terzen nicht die einzigen coolen Intervalle für Harmonien ... auch Quarten
und Quinten klingen hier gut. Letzteres kann man öfter bei der Band Yes
hören. Für mehr interessante Harmonie-Ideen höre man mal bei
Joe Satriani's Platten rein und achte auf seine Overdubs ... er scheint jedes
mögliche Intervall zu verwenden.
(...)
Coda
So, das war's von Alex ... man beachte bitte, dass all dies im Jahre 1990 geschrieben
wurde. Ich hoffe, das Gastspiel hat Euch gefallen, und nächstes Mal klugscheisser
ich dann wieder selbst 
Thanks to Alex for the permission!
Lob, Fragen, Kritik oder Anregungen? Schreibt an talkinghands@web.de
...
|