The Talking Hands Collection


Shred 101 - Steve Morse, Pt. 2 - Der Techniker

Herzlich willkommen zum zweiten Teil meiner kleinen Miniserie über Steve Morse. Nach dem bisschen Geschichte und Kommentaren über stilistische Merkmale vom letzten Mal geht es nun an das Eingemachte, nämlich die Musik. Beginnen würde ich gerne mit ein paar Beispielen, die dem Titel von "Shred 101" gerecht werden, nämlich ein paar Shredlicks. Trotzdem ist mir das beim Beispiel Steve Morse ein wenig zuwider, denn ich finde, dass es bei solchen Beispielen aus seiner Musik weniger um das Darstellen technischer Fähigkeiten geht. Nein, vielmehr sind solche technisch anspruchsvollen Passagen nur ein Teil der Gesamtkomponisation, eine der vielen Klangfarben, die Steve zur Verfügung stehen.

In diesem Fall werden wir uns da mal ein paar davon ansehen, sie ein wenig analysieren, und u.U. kann das eine oder andere auch sehr gut in das eigene Lickarsenal eingebaut werden. Was zu beachten ist, ist daß Steve wirklich eine makellose Wechselschlagtechnik verfügt, Legatoparts kommen meist nur als Verzierung zum Einsatz (Auf eine Ausnahme, nämlich "The Oz", komme ich gleich). Es geht also darum, sauber jede Note im Wechselschlag anzuspielen. Da ich das Thema ja schon in meinen Beiträgen über Üben und Wechselschlag abgehandelt habe, hier nur noch ein paar Stichworte:

  • Auf die Sauberkeit beim Anschlag achten, keine Zwischenanschläge
  • Immer mit Metronom üben, dabei das Thema langsam steigern
  • Möglichst mit clean eingestelltem Amp und ohne Effekte einüben!

Dazu kann man als Übungsmaterial zum Beispiel die chromatischen Übungen aus den oben erwähnten Artikeln verwenden...auch Steve hat oft chromatische Licks dabei.

So, nun mal los, gehen wir Steve also mal über die spieltechnische Seite an den Kragen (in den weiteren Folgen geht es dann auch mal um Akustikgitarre, Arrangements etc.) Lick No. 1 ist gleich ein guter Einstieg. Es handelt sich um ein ziemlich übliches Arpeggiolick, das hier aber in sauberstem Wechselschlag bei recht hohem Tempo vorgetragen wird: das Intro von "User Friendly" vom Album "Coast To Coast":

 
 
 
 
 

Steve hat eigentlich nie Sweeping verwendet, hat aber erwähnt, dass er jenes gerne einmal üben würde ... zu hören gibt es sowas dann z.B. auf der genialen Dregs-Coverversion von Frank Zappa´s "Peaches En Regalia", zu finden auf dem aktuellen Livealbum "California Screaming".

Zurück zu unserem Lick: hier verändert sich in den ersten neun Takten nichts, abgesehen von der höchsten Note. Das darunterliegende Arpeggio bleibt das gleiche. Anschliessend bewegt sich Steve weiter nach oben, und wieder wird die höchste Note verändert. Das ganze spielt sich obendrein in den höchsten Lagen ab. Ich empfehle, sich erst langsam an das ganze Lick heranzuwagen, nämlich sich erst einmal mit dem Arpeggio zu beschäftigen, dann zu beginnen, die höchste Note zu variieren, um dann schliesslich, nach dem Üben der anderen Teile, das gesamte Lick zusammen zu spielen. Wie gesagt: Sauberkeit und geregelter Wechselschlag ist erstes Gebot, die Geschwindigkeit kommt später (frei nach Howard Roberts "Speed is a side product of precision!").

So, das war ja noch etwas eher Übliches. Wie ich ja schon erwähnte, hat Steve eine ausgezeichnete klassische Ausbildung genossen, und davon merkt man was in unserem zweiten Lick: der Melodie von "Calcutta", vom Dixie Dregs-Album "Full Circle" (Takt: 12/8):

 
 
 

Hier sieht man nämlich eine tolle Anwendung einer "Pedalnote", in diesem Falle das E am zwölften Bund der hohen E-Saite. Die anderen Noten variieren. Die schwierigen Punkte hierbei sind die auftauchenden Legatoeinwürfe sowie die Tatsache, dass zum D vom C# aus hoch gezogen werden. Auch interessant ist die Anschlagsweise, hier wird nämlich mit Daumen und Mittelfinger gezupft (letzterer schlägt die Pedalnote an). So ähnlich macht das z.B. auch ... na wer? Nein, lieber Sätzer, nicht Paul Gilbert, sondern Eric Johnson, und zwar im Intro von "Cliffs Of Dover" [Woher soll ich denn das wissen? Und wer ist Eric Johnson? d.S.].

Auf zum nächsten Lick ... jetzt wird es nämlich richtig schwierig, bei der Hauptmelodie des Titelsongs vom 1996er SMB-Album "Stressfest". Zu erklären gibt es hier kaum etwas, worauf es ankommt ist, wirklich auf die saubere Ausführung des Wechselschlages zu achten. Hier also auch wieder langsam anfangen, dann Tempo steigern.

 

So, nun mal zu etwas ungewöhnlicheren Morse-Licks: nämlich denen, bei denen Steve Hammer On´s und Pull Off´s anwendet. Das erste Beispiel ist das Intro von "Rally Cry" vom 1994er SMB Album "Strucural Damage". Dieses Lick erinnert mich ein klein wenig an das Intro von Mr. Big´s "Green Tinted Sixties Mind" (von Paul Gilbert! Ha!). Pull Off´s zur leeren E-Saite etc.

Ausserdem beweist Steve wieder etwas, was oft unter den Tisch fällt: dass das E am fünften Bund der B-Saite sowie die leere E-Saite zwar im Grunde identisch sind (was die Hertz-Zahl angeht), doch aber einen gewissen Unterschied im Klang zeigen. Ausserdem kann man sich spieltechnisch einiges erleichtern, wenn man beide einzusetzen weiss.

Und noch was richtig Gemeines: Ein Ausschnitt aus dem Solo von "The Oz" ("Coast To Coast", 1992 ), welches meiner Meinung nach ein klein wenig nach Satriani klingt. Hier fiedelt der gute Steve mit Hammer On´s und Pull Off´s sowie dem Einsatz einer Leersaite ziemlich vom Leder. Auch eine ganz gute Übung: die Sequenz auseinandernehmen und dann durch eine komplette Tonleiter die Saite rauf und runter. Übrigens ist auch hier wieder ein 12/8 Takt zu finden

 

Hier jetzt ein Klassiker: Das legendäre "Tumeni Notes" (phonetische Aufschrift von "Too Many Notes"), eine Art Parodie auf die Neoklassik-Shredwelle der 80er Jahre. Auch hier geht es wieder um Arpeggios. Tempo liegt bei gemächlichen 218 bpm (Männo, das war doch sarkastisch), auch hier gilt wieder: sauber im Wechselschlag (Just Chords-Fans erinnern sich natürlich daran, dass das Ding auch mal als "Riff Of The Week" abgehandelt wurde).

 
 

Und nun zur Obergemeinheit: Der nächste Teil von "Tumeni Notes" hat echt 'ne Menge Gitarristen zum Wahnsinn getrieben. Hier spielt der gute Steve nämlich ganz klassische Arpeggios, die sich hervorragend zum Sweepen eignen. Leider spielt er sie bei 218 bpm und mit cleaner abgedämpfter Gitarre im Wechselschlag! Ich hab mir die Nummer damals herausgehört und mich gewundert, wieso es immer noch nicht so klang wie auf der Platte. Dann habe ich Steve live gesehen, und mir wurde alles klar: nämlich dass ich wohl besser wieder mit dem Üben anfange.

Zum nächsten Lick, ein perfektes Beispiel für ein paar echte Morse-Trademarks. Es handelt sich um sein letztes Solo aus "Cut To The Chase" (von "Southern Steel", 1991):

 
 

Hier findet man zum einen chromatische Passagen, als auch die bekannte "Morse-Dramtiksteigerung", in den ersten beiden Takten. Eine aufsteigende hohe Note arbeitet auf den Höhepunkt zu. Auch ein wenig String Skipping ist somit zwangsläufig dabei.

Das letzte Lick aus der reinen Technikabteilung stammt wieder einmal vom Dregs-Album "Full Circle". Dieser Lauf aus "Pompous Circumstances" ist eine geniale Übung. Übrigens hat der kongeniale SMB- und Dregs-Bassist Dave LaRue mal angegeben, dass auch er das Ding auf dem Bass übt (Angeber!).

 
 
 
 
 
 
 

Anzumerken sind folgende Dinge:

  • Takt ist wieder einmal 12/8
  • Dieses Lick kann man locker als "Terror Death Lick" bezeichnen und sollte man so angehen: Stück für Stück auseinandernehmen und in Fragmenten üben, erst dann zusammensetzen.
  • Der Aufbau ist durchaus logisch, zwischendurch sind einige typische Sequenzkonstruktionen zu finden, erst zusammengesetzt erhält dieses Lick seinen ganz speziellen Charakter.
  • Und wie immer ....Wechselschlag ... sauber ... langsam anfangen (mal in Schlagworten ausgedrückt)

So, das war es erstmal wieder, soviel zum Thema "Morse der Techniker", beim nächsten Mal wird es dann interessanter, da geht es um Morse als Arrangeur und Komponist, bezogen auf die Gitarre.

Zu diesem Artikel

Die Bilder sind von einem SMB Gig im Toad´s Club in Hartford / CT, geschossen von meiner Freundin. Zu finden u.a. auch auf der offiziellen SM-Website, www.stevemorse.com

Bis denne

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