The Talking Hands Collection


1000 Masterworks

Top Gun Anthem von Steve Stevens & Harold Faltermeyer

Tja, wie wär´s, wenn ich mal wieder aus meiner persönlichen Geschichte erzähle. HEY!!! Gegähnt wird hier nicht! Ich komm dann auch (irgendwann) zum Thema, versprochen!

Also, als ich noch so ein gaaaaaanz kleiner Piefke war, so ca. erste oder zweite Klasse, da fand ich Billy Idol ganz ganz toll. Ich bezweifle aber, dass es wegen der Musik war, sondern eher weil Billy in seinen Clips (die damals auch teilweise mal in den raren Musiksendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gezeigt wurden ... Kabel gab´s noch gar nicht) so cool aussah ... und die Nummer mit der Spucke durch´s Gesicht laufen lassen ....

Naja, egal, trotzdem fand ich Flesh For Fantasy eine ziemlich coole Nummer, besonders das Intro des Remixes mit megaharten Powerchords fand ich echt supi (nicht dass ich gewusst hätte, was Powerchords sind). Besonders auffallend die zierliche Dame mit der schrägen Gitarre im Videoclip. Es dauerte ein wenig bis ich herausfand, dass die zierliche Dame eigentlich ein Mann, nämlich Billy´s Seelenbruder Steve Stevens war. Tja, und irgendwie bleib der Gute somit ein Einfluss, bis heute.

Mitte der 80er war er dann auch ziemlich hip und dauernd bei irgendwelchen Leuten als Gast zu finden. So war er u.a. auch für die (IMHO) genialen Solopassagen auf Michael Jackson´s Dirty Diana zu hören, oder auch bei Mike Monroe's kurzlebiger Kombo Atomic Playboys. Seine Markenzeichen waren neben den Spielzeugsounds aus dem in der Gitarre eingebauten Kinderspielzeug ein toller Cleansound mit viel Chorus, eine Menge Artificial Harmonics und wilde Whammy Bar-Orgien. Ausserdem verfügt Steve über maschinengewehrgenaue Präzision, was das Rhythmusspiel angeht. Neben den Charterfolgen mit Idol kann Steve einen Grammy für seine Zusammenarbeit mit Harold Faltermeyer für ein Instrumentalstück für den Erfolgsfilm 'Top Gun' verbuchen. Die Nummer nennt sich Top Gun Anthem und bringt, so finde ich, durch seine tolle Melodie und die Klavierinterludes die majestätische Stimmung der Flugszenen gut herüber. Neben einer hymnenartigen Ohrwurmmelodie mit Rockman-Sound findet man in dem Song aber auch ein raffiniertes, ungemein mitreissendes Solo, bei dem Steve mal so richtig den spieltechnischen Hammer herausholt. Bis heute ist mir das Ding als eines meiner absoluten Lieblingssoli in Erinnerung geblieben, und war ganz sicher einer der Gründe für mich, die Gitarre in die Hand zu nehmen (Jetzt wisst Ihr wenigstens, wem Ihr die Schuld geben könnt!)

Und irgendwann habe ich es endlich geschafft, mir das Ding endlich herauszuhören und nachzuspielen. Und deshalb möchte ich Euch nicht verschonen, hier einen Walkthrough durch selbiges zu durchlaufen und mal zu gucken, was der Gute da so macht.

Erst einmal gefällt mir der Sound sehr, ein sehr typischer 80er Gitarrensound mit nicht übertriebenem Effekteinsatz, von ein wenig Echo und Reverb mal abgesehen. Ausserdem findet man hier tolles Phrasing und Notenwahl, sowie sehr clevere rhythmische Spielereien, die das Ganze in eine musikalische Achterbahnfahrt verwandeln. Deswegen (und wegen der tollen, sich steigernden Dramatik) eine Empfehlung nicht nur für Shred-Fans. Die CD kann man teilweise auch auf Flohmärkten und auf dem Grabbeltisch finden, also einfach mal umsehen!

Also, woll'n wer ma, wa?

Das MIDI-File ...
Takt 1 & 2: Den Auftag bildet ein lange gehaltener Ton, gefolgt von kurzen Slides zur höheren Oktave ... in Takt 2 dann wieder ein gehaltener Ton, gefolgt von einer kurzen Divebomb.
Takt 3 & 4: Nun ein schöner langsamer Lauf entlang der Skala (obwohl Steve hier zuweilen die Tonart verlässt bzw. ungewohnte Intervalle betont, würde ich mal sagen, dass es hier um die Tonart F-Dur geht), gefolgt von vielen Artificial Harmonics im nächsten Takt.
Takt 5 & 6: Hier wieder ist die Phrasierung wichtig. Es folgt nämlich ein schneller Lauf, bei dem die erste Hälfte mit dem Handballen abgedämpft wird (a la Al Di Meola), dann eine kurze chromatische Passage und ein kleiner Slide. In Takt 6 dann Dreiklangarpeggien, sowie Bends.
Takt 7 & 8: Es folgen wieder Bendings, und zwar zieht Steve zum D#, welches ja in F-Dur nicht enthalten ist ... fällt aber nicht auf, denn im Intro des Songs spielte Steve die Melodie in zwei Tonarten, nämlich in C-Dur und D#-Moll, also ein gewöhnlicher Wechsel in diesem Song. In Takt 8 dann ein sequence-run ....
Takt 9 & 10: ...der in ein raffiniertes Repeating Pattern führt, welches man auch toll als Fingerübung verwenden kann. In Takt 10 dann ein weiteres Repeating Pattern, bei dem die jeweils zweite Note (von vier Noten) durch ein Bending von der ersten erzeugt wird.
Takt 11 & 12: ...wobei Steve das dann im nächsten Takt ohne Bending macht, also beide Noten einzeln greift. Raffiniert der Wechsel von 16tel Noten zu Achteltriolen, der hier gar nicht unpassend wirkt (was nämlich schon sein könnte). Im nächsten Takt wieder ein Repeating Pattern in höherer Lage, wieder mit Bendings und kleinen Grace Notes, was doch der Dramatik dienlich ist.

Takt 13 & 14: Hier geht´s wieder mit Arps los ... ich würde sagen, dass es hier hauptsächlich um G-Moll geht. Dabei ist Steve dann wieder fast unbemerkt zu 16teln gewechselt.

Takt 15: Nun noch ein wenig Bending und ein Übergangslauf (wieder in Triolen!), um dann zum Höhepunkt des Solos zu kommen ... dem Tapping ...
Takt 16: Hier habe ich dann auch die Darstellung verändert, bzw. herangezommt, denn es geht um 32tel Noten. Interessant die Tappingfigur, ist sie doch mit ihrer Leersaite sehr Van Halen-typisch.
Takt 17 & 18: Und so geht das auch erstmal weiter, wobei Steve erst die linke Hand, dann die Rechte verschiebt ... also eine Van Halen mässige Verschiebung.
 
Letzter Takt: Zum Abschluss dann verschiebt Steve noch ein paar mal den Tapping-Finger, und baut so noch ein wenig mehr Spannung auf.

 

So, das war´s, kurz und schmerzlos. Ich empfehle, sich die Nummer auf jeden Fall mal zu Gemüte zu führen, und drauf zu achten, was das Ding denn nun so gut macht ... nämlich neben einer tollen Spieltechnik auch ein schöner Sound, sehr schöne rhythmische Spielereien und eine Menge raffinierte Phrasierungen und schöne Verzierungen.

Bis zum nächstenmal Mail wie immer an talkinghands@web.de

 
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