Jahrestag


Heute vor einem Jahr ...

Jedenfalls so ungefähr. Es war irgendwo so im März 2006, als ich mit dem Klavier angefangen habe. Wie weit kommt man in so einer Zeit als Erwachsener an einem neuen Instrument? Was sind die schwierigsten Anteile und was verändert sich in einem solchen Zeitraum? Wenn ich mir ansehe, was ich zur Zeit mache, was ich schon mehr oder weniger flüssig spielen kann, was ich Neues dazu gelernt habe, bin ich ein wenig verblüfft. Das hätte ich mir vor einem Jahr nicht vorstellen können.

Ok, ich übe mindestens eine halbe Stunde pro Tag, am Wochenende dann mehr, ich beschäftige mich mit Randthemen, lese nun gerne Keyboards, ich bastle mal gerne (angeblich eine Domain der Keyboarder, aber Grenzen sind immer fließend) an meinem Rack herum. Von einem profunden Klavierspieler bin ich noch Äonen entfernt, aber es war ja nicht das Ziel der Crack an den 88 Tasten zu werden. Tatsächlich ist die Technik die größte Hürde, was ja auch zu erwarten war. Selbst nach einem Jahr und regelmäßigem Üben sind Finger- und Geläufigkeitsübungen noch immer Gelegenheiten für tiefen Frust. Insbesondere die Ringfinger wollen nicht so wie beabsichtigt.

Ich denke schon, dass es viel am fortgeschrittenen Alter liegt, dass das Erlernen neuer Bewegungsabläufe alles andere als leicht fällt. Ein weiterer Grund ist aus meiner Sicht die zunehmende Verkopftheit. Man versucht immer wieder Fehler oder Schwierigkeiten mit der Vernunft zu bewältigen, anstatt sich auf musikalisches Empfinden zu konzentrieren. Oft artet es in einen Kampf mit sich selbst aus, anstatt es einfach laufen zu lassen, aus dem Gefühl heraus zu spielen. Kinder haben es da einfacher, sie unterliegen nicht dieser selbst auferlegten Kontrolle wie Erwachsene, legen nicht solche Maßstäbe hinsichtlich Disziplin und Beherrschung an. Als Erwachsener ist man doch eher gewohnt die Dinge im Griff zu haben. Und dann stellt man fest, es geht eben nicht so glatt. Mit 50 Lenzen Inliner-Laufen lernen oder sich mal auf ein Skateboard stellen, da fühlt man sich doch unendlich doof und albern, wenn die Kiddies an einem vorbei rauschen als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Es ist manchmal ein harter Kampf. Nur ist der Feind unsichtbar. Obwohl man eigentlich weiß, wo er sitzt.

Andererseits ist ein neues Instrument, idealerweise gepaart mit Unterricht, auch ein Quell für neue musikalische Erfahrungen. War schon damals beim Jazz-Unterricht so, da kannte ich zwar Coltrane, Blakey und andere Jazzer, aber die Hintergründe waren mehr unbekannt. Heute bin ich kein Jazzer, aber ich kann mehr mit dieser Musik anfangen. Nun habe ich wieder neue Musiker kennengelernt, die inspirieren und Neues bieten. Zum Beispiel den Komponisten Felix Janosa, seine Kompositionen, obwohl oft klein und schlank, schätze ich sehr. Sein Buch Touch Of Rhythm enthält wunderbare Übungsstücke zwischen Pop und Jazz. Bartok hat ja sehr schöne Sachen gemacht, wusste ich bisher überhaupt nicht. Chopin ist gar nicht so abgedreht wie ich dachte. Mehr als früher finden die CDs von Bruce Hornsby oder Jordan Rudess den Weg in den Player. Und meine EL&P-DVDs sehe ich heute mit ganz anderen Augen. Meine Wahrnehmung von Musik hat sich wieder ein wenig verändert. Als Bassist hörte ich am stärksten den Bass, nun beginne ich die Tasteninstrumente bewusster zu hören. Wahrnehmung ist etwas, was sich verändert, mit jedem vergehenden Lebensjahr.

Insofern ist die Bilanz positiv. Ich kann schon etwas auf dem Klavier improvisieren, es bilden sich erste Songideen heraus, die mir in den letzten Jahren mit der Band so gefehlt haben. Bandtauglich bin ich noch lange nicht, aber vielleicht kann ich in ein paar Jahren ja eine Rentner-Band aufmachen. Dazu muss ich aber erst Jazz auf dem Piano können, denn im Gegensatz zum Rock ist man für den Jazz nie zu alt. Höchstens noch nicht alt genug. Zum Glück gilt das auch für den Blues. In diesem Sinne ...

 

 
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