Autodidakten-Schicksal


Wie nun weiter?

Eigentlich hatte gerade ich ja immer gepredigt, man solle sich gerade am Anfang einen Lehrer nehmen. Trotzdem wollte ich es erst einmal alleine versuchen. Wenn man sich Keith Jarrett oder Bruce Hornsby so ansieht ... kannnnnn doch nicht so schwer sein. Erste Forschungen wiesen auf das Selbststudienbuch aus dem Alfred-Verlag hin. Gute Kritiken, klang vielversprechend. Also bestellt, die ersten Seiten erarbeitet.

C-Dur-Akkord, F-Dur und G7, aha, so geht das. Die Notenbeispiele erzeugen auch nicht auf Anhieb Würgereize. Aber ach, mit jeder Seite, jeder Lektion nimmt die Anzahl Fragezeichen auf meiner Stirn zu. Dies und das funzt nicht wirklich, durch einige der doch angeblich einfachen Übungen komme ich nicht sauber durch, im Grunde kommen sowieso immer mehr Fragen in den Sinn, die das Buch nicht beantworten kann. Auch nicht die CD zum Buch, so nett so eine Zugabe auch erscheinen mag. Jedenfalls nicht, wenn man die Sache halbwegs ernsthaft angehen will. Nichts gegen das Buch, es ist gut und übersichtlich geschrieben. Aber es kann viele individuelle Fragen nicht beantworten.

Es führt kein Weg dran vorbei. Zurück an den Ort, wo ich schon einmal 18 Monate von Holger am Bass durch das Realbook gescheucht wurde. Und schon einmal erkennen musste, dass Autodidaktik doch oft auch Halbwissen erzeugt. So gelangte ich zu der vertrauten Adresse zurück. Mein Lehrer hieß nun Richard Holzapfel, kosten tut das Ganze auch etwas, aber von nun an ging's bergauf. Wenigstens sah es so aus. Was bleibt demnach vom Thema Selbststudium? Selbststudium ist eine prima Sache, wenn es um das Erarbeiten von theoretischen oder faktischen Dingen geht. Musiktheorie, Komposition, das kann man gut alleine machen. Aber das Spielen eines Instrumentes mit all seinen Möglichkeiten Fehler zu machen, ungünstige Bewegungsabläufe zu verinnerlichen, unnötige Grenzen zu errichten und nicht aus dem Quark zu kommen, da ist ein (guter) Lehrer eine große Hilfe, wenn nicht ein Schlüssel zu wenigstens subjektivem Erfolg. Daneben bauen auch gerade Bücher (und auch reine Noten) unbeabsichtigt Hürden auf: was für Jörg als Fingersatz passt, muss für Rainer nicht optimal sein, Chirurgen-Hände versus Wurstfinger. Wie man übt, Methoden, Technik, Verfahren, also generelle Anleitung im weitesten Sinne, das habe ich bisher noch in keinem Buch wirklich hinreichend gefunden.

Da gibt es noch Marktlücken. Chuan C. Chang hat das zwar schon im richtigen Ansatz beschrieben, die Erfahrung und den realen Blick des Lehrers auf die Finger an der Klaviatur kann das immer noch nicht ersetzen. Und Erlernen korrekter Rhythmik schon lange nicht. Bliebe noch die Frage, was denn ein guter Lehrer und ein weniger guter ist. Zwar geht Chang in seinem Artikel darauf sinnvoller Weise ein. Jedoch werde ich mir Kommentare hier nicht verkneifen können. Ars longa vita brevis. Die Summer blinder Flecken kann groß sein.

Der Weg ist das Ziel?

Wie beginnt das Klavierspielen-Lernen? Mit genau dem, was manche Leute vielleicht fürchten mögen. Und wo manche auch verweigern. Täusche ich mich da, oder sind das eher die Leute, die dann als Keyboarder bezeichnet werden, und mehr mit technischer Schrauberei und Soundspielereien als mit tatsächlichen Spielen beschäftigt sind? Kann mich täuschen, aber wenn in einem Fachblatt wie Keyboards ein Workshop angeboten wird, der Fingersätze in den Grundlagen behandelt, macht mich das stutzig. Ich schweife ab, oder auch nicht.

Doch, da kommen zuerst Fingerhaltung und Armhaltung, technische Grundlagen wie Anschlag, Spreizung, nahe und später weite Arpeggios, eben die gesamte Breitseite an Grundlagen. Fingeruntersatz und -übersatz, Übungen zum Automatisieren von Intervall-Griffen, Quinte, Oktave, Sexte, die Standards. So mag denn der unbedarfte Schüler die Frage stellen, ob die ganze Quälerei so notwendig ist, man will doch einfach nur Klavierspielen. Konzertpianist werde ich eh nicht mehr. Wenn ich mal den Level 5 erreiche, wäre da schon eine ganze Menge gewonnen.

Nach einem guten Jahr wandelt sich das Bild. Nach den ersten einfachen Stücken möchte man auch anspruchsvollere Dinge spielen. Und oha, ohne die damals manchmal nervenden Übungen sind etwas 'bessere' Stücke kaum zu bewältigen. Nicht Chopin, Bach oder Debussy sind hier gemeint, Pop- und Rock-Musik erfordern, wenn es über den Hänschen-Klein-Level hinaus geht, die selbe Technik. Da muss nicht ein Keith Jarrett oder Keith Emerson um die Ecke kommen, da bringen einen schon McCartney und Randy Newman in Schwulitäten.

Die Hürden

Da sind in erster Linie als Gefahren zu nennen: der innere Schweinehund, die Unmöglichkeit eigene Erfahrung wahrzunehmen sowie die Ungeduld.

Der innere Schweinehund

Ich kenne kaum einen Musiker, dem Üben leicht fällt. Üben ist immer so etwas wie ein Furunkel am Hintern, nicht zu umgehen, selten erfreulich, aber man weiß doch um die Unverzichtbarkeit. Für jedes Erlernen eines Instrumentes ist ein gerütteltes Maß an Selbstdisziplin unverzichtbar. Wer das nicht hat, sollte es sein lassen, er verschwendet Geld und Zeit. Zugleich hat das mit der Vorstellung zu tun, Disziplin sei etwas Negatives, es riecht so nach Bunneswehr und Komissköppen, erinnert an Kaiser Wilhelm und preußische Vergangenheit. Locker, leicht und flockig soll alles sein, so wie in der Joghurt-Werbung. Dahinter steht entweder eine tiefverwurzelte Faulheit, oder ein Missverständnis.

Disziplin ist kein Knüppel, keine Quälerei, Disziplin ist eine gute Freundin. Sie erleichert uns das Leben, indem wir nicht mit Aufgaben und Anforderungen kämpfen müssen, sondern wir können mit diesen Aufgaben als selbstverständlich umgehen und sie angehen. Ohne mit uns selbst zu diskutieren, ohne zu hadern, ohne lange aufzuschieben und letzten Endes dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Disziplin zu üben vermindert den Hader mit Übungen, sie macht uns das Leben leichter, nicht wie oft behauptet schwerer. Und bringt den inneren Schweinehund zum Schweigen.

Eigene Erfahrungen behalten und gelten lassen

Das ist mir schon Dutzende Male selbst passiert: dieses oder jenes Stück war am Anfang nicht hinzubekommen. Blöde Triolen rechts, Viertel links; punktierte Noten; weite Wechsel. Gab es aber einen Abend, wo ich mal so richtig Zeit hatte, und die Sequenz wieder und wieder und wieder durchgespielt habe, ging es plötzlich das erste Mal, und dann auch öfter. Schön, aber wie kommt es, dass ich drei Wochen später bei einem anderen Problem früh zum Aufgeben neige? Ich habe doch erst vor kurzer Zeit diese Erfahrungskurve durchlaufen, dass nur Beharrlichkeit zum Ziel führt?

Erfahrene Erkenntnisse zum verfügbaren Repertoire zu machen, fällt schwer. Abhängig von mentaler und emotionaler Tagesform, Tageszeit, Ruhe oder Unruhe im Haus ist die Befähigung zum konzentrierten Üben und Lernen in der Schwankungsbreite 5% bis 120% möglich. Und: zurückbesinnen, was man früher in vergleichbaren Situationen gemacht hat, solche Erfahrungen wieder klar zurückrufen kann helfen, schwierige, demotivierende und unangenehme Momente besser zu bewältigen.

Die Ungeduld

Mit Handy, UMTS und Internet an jedem Ort zu jeder Zeit kommunizieren; heute bei Amazon oder Thomann bestellt, morgen im Briefkasten; wir werden ja schon nöckelig, wenn wir unsere Kreditkarten-Konten online haben möchten und erst per Post eine Login-PIN zugeschickt wird. Live today, pay tomorrow. Alles so easy und ohne Anstrengung, und vor allen Dingen schnell. Also ein E-Piano und eine Lehr-DVD kaufen und eine Woche später klimpern wir wie Bernstein? Der Gedanke könnte kommen. Um so mehr, wenn man nur mit den modernen Zeiten aufgewachsen ist. Je jünger, desto ungeduldiger.

Das Instrument fordert Geduld, vor allem Geduld mit uns selbst. Geduld mit unserem Gehirn, das eben langsamer lernt als Amazon liefert. Wenn man z.B. Klavier lernt, kann man eine neue Erfahrung machen, nämlich dass wir viel Geduld brauchen, wenn wir mit uns selbst beschäftigt sind. Vielleicht ist deshalb Geduld so wenig möglich, weil es um uns selbst und unsere eigene Beschränkung geht. Eingestehen, dass wir Zeit brauchen und keine elektronischen Krücken und Helferlein den Prozess beschleunigen können. Am Klavier sind wir auf uns selbst gestellt, jeder für sich und Gott gegen alle. Warum gönnen wir uns dann nicht die Zeit und die Geduld, die wir eh brauchen, es geht gar nicht anders als mit Geduld.

Am Ende war es Mühe

Genau. Und je oller, je doller, auch noch ungeduldiger als notwendig. Man muss doch nicht mehr irgendeiner fixen Idee hinterher laufen. Scheint so. Die Realität ist anders.

Links

Klavierschule
Holger Voigt
Richard Holzapfel
Musikschule Querweg
Chuan C. Chang
Keyboards Magazin
 
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