Body talk


Lernen, verinnerlichen, behalten

Gelegentlich ist es für mich hilfreich, beim Üben innezuhalten und sich zu fragen, warum mal etwas geht und warum wieder nicht. Sich über das, was beim Lernen und Üben so abläuft, ein paar Gedanken zu machen, und im besten Falle als Ergebnis wenigstens Erleichterung zu finden, warum dieser oder jener Abschnitt oder einzelne Takt partout nicht sauber ablaufen will. Man kennt es ja, wenn man etwas über Lernen und Lernabläufe weiß und sich mit den Hintergründen beschäftigt hat. Dann doziere ich das noch einmal vor mir durch, und in einigen Fällen kann es behilflich sein "out of the rut" zu kommen. Wann immer wir eine neue Tätigkeit erlernen, die Koordination verlangt und komplexe Bewegungsabläufe erfordert (Inline-Skates laufen oder Fahrrad fahren, ein Instrument spielen, artistische Kunststückchen), müssen wir eine grundlegende Technik erlernen und dieses einüben. Zwar sind unsere Muskeln, unsere Sehnen und letztlich die Gliedmaßen diejenigen, die es ausführen. (Anbei eine Sendung von Quarks&Co über das Lernen)

Der steuernde Mechanismus bleibt aber das Gehirn. Finger oder Muskeln haben kein Eigenleben, sind nur Ausführende. Daher ist Kraftentwicklung nicht notwendiges Entwicklungsziel beim Klavierspielen, sondern unseren grauen Zellen beizubringen, das komplexe System von Bewegung, Koordination von Bewegungen bis hin zum Regelkreis Ertasten, Erfühlen und Reagieren zu automatisieren. Macht man sich mal klar, was alles dabei beteiligt ist, braucht man sich keine Sorgen mehr zu machen, dass man in Takt 34 immer noch bei den 64-tel hängen bleibt:

  • Ich möchte eine oder mehrere Noten spielen, dabei ist schon das Gedächtnis, musikalische Wahrnehmung, Gedanke und Motivation am Werk; das Gehirn ist gut beschäftigt.
  • Über das Nervensystem werden Muskeln aktiviert, über die Sklettur und die Sehnen entsteht eine erste Rückmeldung, ob die beabsichtigte Bewegung richtig eingeleitet wurde (oder z.B. Muskeln verkrampft sind, Schmerzen wahrgenommen werden).
  • Wird die Bewegung ausgeführt und der Ton angeschlagen, kommt es zu einer ganzen Kaskade von Rückmeldungen: Tastsinn I (Uups, knapp neben der Taste oder abgerutscht), Tastsinn II (Stärke des Anschlages, Spannungen in den Extremitäten), Gehör I (richtige oder falsche Note), Gehör II (zu früh oder zu spät angeschlagen) und noch viel mehr.
  • Nun war entweder alles im grünen Bereich (was eher die Ausnahme ist) oder es setzt ein Regelkreis ein, den Fehler eventuell noch vor dem endgültigen Anschlag der Taste zu korrigieren.
  • Erschwerend kommt hinzu, dass während dieser Vorgänge schon die nächsten drei, vier Noten oder sogar Takte vorgeplant werden müssen!

Und da wundert sich irgendjemand, dass Klavierspielen so schwierig zu lernen ist? Thema Nummero Zwo: wie lernen wir? Was bedeutet Lernen überhaupt? Darüber sind ganze Bibliotheken gefüllt worden, für unser Spiel ist aber hilfreich zu wissen, dass das Erlernen einer Fähigkeit in mehreren Stufen erfolgt. Erlernen wir ein neues Stück, müssen wir zuerst jede Bewegung ganz bewusst und langsam ausführen. Das Gehirn kennt in dem Sinne keine "ähnlichen" Bewegungen, jedes neue Stück ist immer wieder ein komplett neuer Lernvorgang. Selbst der Konzertpianist kann vielleicht ein Stück vom Blatt herunter spielen, so wie man mechanisiert Zeitung liest. Aber für die Aufführung, die Interpretation, für wirkliches Spielen muss auch er es erlernen. Gut, er hat Erfahrungen und Methoden, es in sehr kurzer Zeit zu tun, vor der Aufführung bleibt ihm die Arbeit ebenso nicht erspart.

Nach dem ersten, bewussten Spielen der Noten liegen diese neuen Fähigkeiten im bewussten Gedächtnis, sie sind daher auch nur bewusst im Zugriff. Heißt auch, dass an dieser Stelle nicht selten Spielen nur im Angesicht der Noten möglich ist. Der Bewegungsablauf ist nicht verinnerlicht, er kann nur motiviert, nicht automatisiert wiederholt werden. Übe ich das Stück nun weiter, über Tage oder sogar Wochen, passiert etwas Wesentliches in unserem Gedächtnis (auch gelegentlich Muskel-Gedächtnis genannt): die erworbene Fähigkeit wandert vom vordergründigen Kurzzeit-Speicher in den Langzeit-Speicher nahe den Bereichen des Limbischen Systems. Und das, was dort abgelegt ist, kann teilweise oder sogar völlig automatisiert werden, siehe Fähigkeiten wie Laufen/Gehen, auch Rad fahren, Schreiben und alles, was wir nicht mehr bewusst steuern müssen. Wie ist das bei Kindern mit dem Laufen-Lernen? Erst mal vorsichtig auf zwei Beinen stehen ohne umzukippen, dann vorsichtig sich festhaltend am Schrank entlang tapsen. Dann wagen loszulassen und frei zu laufen, mit zunehmender Sicherheit dann schneller und zuverlässiger zu gehen. Danach mit 35 den ersten Marathon in Angriff nehmen.

Der Unterscheid zwischen Laufen-Lernen und Klavierspielen-Lernen ist offensichtlich nicht so groß. Und auch das Kleinkind muss das Laufen bewusst angehen, später genauso das Autofahren. Erst nach einigen Jahren fährt man selbstverständlich Auto. Ich bin auf dem Klavier Fahranfänger, mein Lehrer seit 30 Jahren mit dem Brummi auf Achse. So mal verglichen. Macht man sich diesen stark vereinfachten Vorgang und seine Folgen klar, werden auch auftretende Frusterlebnisse beim Erlernen des Pianofortes vielleicht relativiert, es hat noch weitergehende Konsequenzen:

  • Der Austausch zwischen Vordergrund- und Hintergrund-Speicher setzt den Aufbau neuer Verbindungen im Gehirn voraus; das geht bei Kiddies ruck-zuck, beim Altsack dauert es manchmal elendig lange.
  • Je häufiger etwas getan wird, desto schneller wandert es in den weniger bewussten Gedächtnis-Teil; wenn es beim 1395. Mal nicht klappt, vielleicht beim 1955. Mal?
  • Das Erlernen klappt auch besser, wenn man die Wahrnehmung auf das Spiel und den Regelkreis zwischen Instrument und uns fokussiert; den Bewegungen der Muskeln und Finger konzentriert folgen, möglicht wenig gedanklich gesteuert agieren, stattdessen sein Spiel und die Bewegungsabläufe aus seinem Inneren erfahren, Kontemplation zulassen.
  • Üben, üben, üben, üben.

Mag der vorletzte Satz esoterisch klingen, ist Musik doch auch etwas Esoterisches, etwas, was auf die seelische Ebene abzielt, auf Emotionen und Erinnerungen daran. Dann muss das Spiel eines Instrumentes, jeden Instrumentes, dieser Suche dienen. Musik entsteht nicht im kalten Konstruieren der vorderen Stirnlappen, sondern im limbischen System, wo Gefühle regieren. Wie sollte unser Spiel demnach von woanders her kommen?

Zu diesen Themen findet sich mehr bei Clavia.

 

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