Johann Sebastian Bach: Preludium Nr. 1 in C-Dur


Eine Herausforderung, schon wieder

Das soll ich spielen? Ich als blutiger Anfänger? Nun gut, das Stück ist nicht nur einfach. Aber ich behaupte, dass ein Anfänger so nach einem halben bis dreiviertel Jahr sich an das Stück nicht nur herantrauen kann, sondern sogar sollte. Auch wenn der Blick auf die Noten doch eher sofortigen Rückzug anrät. Denn das Stück hat einige Aspekte zu bieten, die nicht ohne Reiz und Nutzen sind. Ganz zu schweigen davon, dass es ein wundervolles Stück barocker Klassik ist. Und es ist wieder etwas, was man dann Oma zu Weihnachten vorspielt, denn das Stück kennt sogar Oma sicherlich. Und denkt daran, wie Oma dann den Nachbarn stolz erzählt ...

"Mein Enkel spielt sogar schon Bach! Und soooooo schön, das müssten Sie mal hören!" Lange Vorrede, kurzer Sinn: es geht genauer um das Präludium Nr. 1 in C-Dur aus dem Wohltemperierten Clavier (WTC), Band 1, BWV 846, von meinem alten Spezi Johann Sebastian. Es ist sicher nicht das leichteste Stück, das Bach je geschrieben hat, aber ein sehr schönes. Der Aufbau dieses Präludiums ist recht logisch und weniger kompliziert als es zuerst den Anschein hat, aber hier rechts erst einmal der Input dazu.

Dieses Werk ist für den Anfänger machbar, wenn man a) sich die Zeit nimmt und es über einen längeren Zeitraum einstudiert, b) die Herangehensweise seinem Level anpasst. Das Präludium hatte ich mir selbst ausgesucht und zur Brust genommen, war jedoch am Anfang skeptisch, ob ich das könnte. Inzwischen geht es ganz gut, also können meine Schritte nicht ganz falsch gewesen sein. Das Schöne daran: jeder Takt ist ein Akkord, und nur ein Akkord. Jeder Takt, bis auf die letzten drei, wird in gleicher Art gespielt, so wechseln die Noten, der prinzipielle Ablauf bleibt aber gleich. Linke und rechte Hand kommen je abwechselnd zum Zuge, so ist es eine Sonderform des Übens mit getrennten Händen. Zufall? Wohl nicht.

Denn das WTC ist nicht, wie man vermuten könnte, von Bach in einem Rutsch geschrieben worden, sondern er hat es über viele Jahre aus bestehenden und neuen Werken zusammengesetzt. Dieses Präludium könnte zuerst eine Klavierübung gewesen sein, wie die Inventionen, und ist erst dann im WTC gelandet. Und war es zuerst als eine Übung gedacht, so erklärt sich auch die Struktur. Also, ich für meinen Teil habe es so gemacht:

Noten
Da man als Newbie das kaum vom Blatt herunterspielen kann, habe ich einen Zwischenschritt eingelegt und mir zuerst die Notennamen unter die Notensysteme geschrieben. Übt auch ein bisschen Notenlesen. So fiel es leichter die Noten zu verfolgen und auf die Klaviatur umzusetzen. Dieses Darunterschreiben hat es mir erst ermöglicht, das Stück bei meinem Level überhaupt zu spielen.

Fingersatz
Zwei Finger der linken und drei Finger der rechten Hand reichen. Links sind es meistens 1+2 oder 1+3, rechts 1+3+4 oder 1+3+5. Ist aber für die persönlichen Vorlieben beliebig anpassbar. In Takt 20/21 gibt ein kleines Umsetzproblem, aber nichts Schlimmes; man muss nämlich quasi mit der linken Hand die 1 der rechten Hand übernehmen. Ansonsten ist der Fingersatz eh straight forward.

Vorgehen
So, jetzt zum Kern. Vom Blatt spielen können wir nicht, also muss es auswendig gelernt werden. Wie lernen wir es? Indem wir es immer und immer wieder spielen und es so in unser Langzeitgedächtnis bringen. Das Auswendiglernen eines längeren Stückes ist mit den Geschichten in der Schule vergleichbar, ich nenne da nur Festgemauert in der Erden und Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich Damos, den Dolch im Gewande. Wie haben wir diese Gedichte gelernt? Zeile für Zeile, Strophe für Strophe, im Zimmer auf und ab laufend, vor uns her lamentierend. Hier das Gleiche. Ersten Takt, zweiten Takt, dritten Takt spielen, dann ersten und zweiten, dann ersten bis dritten Takt spielen. Und so Takt für Takt, Akkord für Akkord auswendig lernen.

Es kann ein Zwischenschritt sein, zuerst die Akkorde vollflächig zu spielen, nicht als Akkordbrechungen. Akkorde bleiben ganz gut im Gedächtnis haften. Wie es beliebt. Es wird auch nicht nach vier Versuchen klappen, man muss dran bleiben, sich immer wieder einen Takt dazu erarbeiten. Nach einiger Zeit hört man die Noten, die jetzt kommen müssen, im Kopf im Voraus. Ab diesem Punkt fällt die Umsetzung leichter, weil man die zugehörigen Tasten schon eingegrenzt hat. Bitte Zeit nehmen und Zeit lassen, dann klappt das.

Interpretation
Wofür ich meinem Klavierlehrer immer sehr dankbar war, war der Hinweis auf die Interpretation, die Artikulation. Jede Musik, wenn stoisch und gleichförmig gespielt, ist sterbenslangweilig. Erst die Dynamik, sei es in Tempo oder Anschlag, bringt das Leben in die Musik. In dieser Hinsicht ist das Präludium ein Angstgegner, denn die Gleichförmigkeit der Struktur scheint wenig Möglichkeit zur Dynamik zu geben. Aufgrund der Intrumenten-Situation zu Bachs Zeiten sind im Urtext auch keine Dynamik-Angaben zu finden, denn das Klavier war erst im Entwicklungs-Stadium. Das Cembalo herrschte vor, ohne Dynamik.

Entwarnung: man spiele die reinen Dur- und Moll-Akkorde in Mezzoforte (also eher mittel-laut), die anderen Akkorde eher verhalten (p bis pp).

Zuletzt
Man braucht das Sustain-Pedal nicht unbedingt, man kann auch einfach die beiden tiefen Noten über den ganzen Takt stehen lassen. Macht es sogar einfacher weil man die linke Hand dann für die oberen Noten komplett aus dem Fokus nimmt. Es klingt noch etwas fließender, wenn man die höchste Note eines Akkordes in den nächsten Takt hinüber klingen lässt, macht Keith Jarrett so. Aber soll es mit Pedal sein, was mehr Volumen gibt, dann eben Pedal dazu, geht hier sehr einfach: Pedal auf die erste Note, bei der schon gedrückten ersten Note des nachfolgenden Taktes kurz loslassen und wieder treten. Also auch eine Pedal-Übung. Danke, Johann. Warst ein Großer. Sollte jemand das Stück gerne auf CD haben wollen, empfehle ich wärmstens Keith Jarrett's Aufnahmen.

 

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Finale-Noten

Links

J.S. Bach (Wikipedia)
Keith Jarrett@Amazon
 
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