Fryderyk Franciszek Chopin: Prelude Op.28 No.4


Und noch eine Herausforderung

Es passiert, dass einem eine Musik über den Weg läuft, und sie irgendetwas in uns trifft. Meistens eine momentane Stimmung. Daher kann einem die gleiche Musik später wieder auf die Nerven gehen.

Ich gebe zu, dass ich meinem Teacher, ausgesprochener Chopin-Liebhaber, ein wenig schmeicheln wollte als ich nach einem spielbaren Stück suchte. Aber nachdem ich mich mal ein wenig durch Chopins Werke durchgehört hatte, kann ich nun eine Vorliebe für Frédéric Chopin nachvollziehen. Besonders fasziniert haben mich seine Preludes Op.28, und davon die #4, das Prelude in E-Moll.

Ich denke Chopin ist so etwas wie ein Musiker-Musiker, also jemand, dessen Musik gerade von Musikern gerne gehört wird; viele ProgRock- und Frickel-Bands gehören in die gleiche Kategorie. Wundersam auch, wie modern Chopin klingt. Ich empfehle an dieser Stelle die Aufnahmen von Robert Stahlbrand in der Piano Society, frei verfügbare Aufnahmen in MP3. Mal in die No.3 oder No.6 reinhören, wunderschöne Sätze. Chopins Akkordfolgen und auch Stimmführung könnte genauso gut einem Musiker des 20. oder 21. Jahrhundert eingefallen sein. Dazu war er ein ausgezeichneter Pianist, manche seiner Werke gehören in den Level 8+, also Oberkante von schwer. Wie Mozart galt auch Chopin schon früh als Wunderkind, seine Eltern waren aber keine professionellen Musiker, andererseits recht wohlhabend. Chopin hat seine Karriere aus eigener Kraft gestaltet und ausgebaut, was ich sehr symphatisch finde. Leider ist er schon ziemlich jung mit nur 39 Jahren an den Folgen von Tuberkolose gestorben. Um so schillernder ist seine Biografie, die in Wikipedia ganz ausführlich notiert ist.

Die Preludien des Op.28 tragen ihren Namen nicht ganz zurecht, denn i.d.R. gehen ja Preludien den folgenden Sätzen voraus. Hier stehen die Preludien aber alleine, aber sie sind so tragfähig, dass es nichts mehr weiter braucht.

Die böse linke Hand

Eine Parallele zu Bachs Preludium Nummer 1 bietet sich an: unheimlich viele Akkorde. Und auch parallel zu Bach ist es zu Beginn hilfreich, sich die Noten aufzuschreiben, wenn man sie nicht laufend lesen kann. Wohlan, hier sind (nicht Takt-orientiert) die Noten der Akkorde, zu lesen von links-oben abwärts nach rechts-unten:

1 G B E 21 C E A   40 C E A
2 F# A E   22 B D# A     41 B E B
3 F# A D#      (break)   42 C E A
4 F A D#   23 G B E     43 B E B
5 F A D   24 F# A E     44 B D# B
6 E G# D   25 F A D#     45 B D# A
7 E G D   26 F A D#     46 C G  
8 E G C#   27 F G# D#     47 C A#  
9 E G C   28 F G# D     48 C E A
10 E F# C   29 E G# D     49 B E A
11 D# F# C   30 E G D     50 B E G#
12 D F# C   31 E G C#     51 B E G
13 D F C   32 C# E A#     52 A# C G
14 D F B   33 C E A            
15 C E B   34 B B              
16 C E A   35 A C F# A          
17 B E A   36 G B D# F#          
18 B D# A   37 A                
19 C E A   38 E F# C            
20 B D# A   39 B E B            

Es sind also nicht tatsächlich 357 Akkorde, zum Glück.

Die ablaufende Akkord-Linie der linken Hand wird etwas übersichtlicher, wenn man sich eine 'Delta'-Version erzeugt, die in der linken Hand nur die Bewegungen anzeigt, die in den Akkorden entstehen. Am Linienanfang steht zur Orientierung immer der komplette Akkord. Allerdings erweist sich diese Version a) als schlecht lesbar, b) als peinlich, weil es so aussieht als könnte man gar keine Noten lesen.

Der Punkt b) deutet noch auf eine andere Lerngelegenheit hin, die das Stück auch bietet: wie wär's denn, wenn man dieses Stück auch als Noten-Leseübung verwendet? Man muss ja in der ersten Hälfte 'nur' darauf achten, welche Noten sich ändern. Das kann man mit der 'Hilight'-Version in GIF auch tun, ich habe dort nur die Noten, die sich verändern, in Rot gesetzt (öffnet sich neuem Fenster, dort ausdrucken). So sollte dann die erste Hälfte des Präludiums schaffbar sein. Ist sie auch. Aber dann ...

Zur Tat

Bis zum Takt 8 ist die rechte Hand kaum gefordert und man kann sich ganz auf die Akkorde in der linken Hand konzentrieren. Die erste Hürde taucht in Takt 9 auf; spätestens hier sollte man zuerst diese Folge in der rechten Hand automatisiert haben, bevor man beide Hände zusammen bringt. Takte 10 und 11 führen in die bisherige Linie zurück. Auch der Takt 12 ist durch konzentriertes Üben der Linie in der rechten Hand noch ganz gut zu schaffen. Bezüglich Fingersatz habe ich ich nix notiert, würde aber mit auf den Weg geben, möglichst alle Finger der Rechten effektiv einzusetzen um die weiten Intervalle zu erreichen.

Die Takte 13 bis 15 lassen uns wieder durchatmen. Dann holt Chopin den Hammer aus dem Keller. Für uns Anfänger jedenfalls.

Takte 16, 17 und 18 erschüttern uns schon durch das Notenbild. Die Schwierigkeiten stecken aber noch nicht einmal in der oberen Stimme, zwar geht es hier auch wieder um weite Intervalle, die einen für sich persönlich optimierten Fingersatz erfordern, es gilt der Hinweis des vorletzten Absatzes. Die Hauptaufgabe ist die Bewältigung der Akkorde, denn die haben es in sich. Und zwar insbesondere im 17. Takt. Hier eine vorsichtige Hilfe:

  • Der beginnende Pianist wird feststellen, dass das Umsetzen von den beiden tiefen Bs zu den höheren As bei Achteln nicht ganz einfach ist. Wie bei anderen Übungssequenzen schafft ein Aufbrechen der Aufgabenstellung Erleichterung:
    • Zuerst nur das Umsetzen der beiden Bs zu den höheren As üben, also nur diese 2 + 2 Noten; dabei als Übungsziel im Auge behalten, dass man nicht mehr als notwendig "navigiert"; automatisiertes Umsetzen schaffen, ohne Suchen der oberen Noten.
    • Erst wenn das klappt, das C oder das F# mit dazu nehmen, aber noch nicht alle vier oberen Akkordnoten; drei Noten, C und F# vielleicht auch alternierend.
    • Erst als letzten Schritt auf alle vier Noten gehen; diesen Bewegungsablauf zu internalisieren wird Zeit brauchen, viiiiieeel Zeit eventuell.
  • Nun die rechte Hand. Wieder weite Intervalle, alle Finger nutzen und vor weiten Intervallen jeweils auf Finger 1 oder 5 landen, sonst sind Oktaven nicht zu erreichen.
  • Beim Üben der oberen Stimme auf die Rhythmik aufpassen; es sind fast nur Viertel, aber auch dann plötzlich ein Satz Triolen und eine Achtelnote; Mitklopfen mit dem Fuß kann nicht schaden.
  • Erst wieder als allerletzten Schritt rechte und linke Hand sychronisieren.

Diese drei Takte sind die große Herausforderung des Stückes. Der Takt 18 dagegen schon wieder fast Urlaub.

Bis Takt 23 ist es wieder übersichtlich. Zwei der drei Abschluss-Akkorde sind etwas krümelig, es endet auf einem breiten E-Moll, aber in der Grundstellung. Und: für diese drei Akkorde haben wir Zeit, viel Zeit. Und können vor dem inbrünstigen Zusammensinken auf die Klaviatur die Finger ausreichend in Stellung bringen.

Schaffbar?

Für den Anfänger? Für den blutigen Anfänger wohl nicht, für den fortgeschrittenen Anfänger aber schon. Viel Zeit und Übe-Konzentration vorausgesetzt. Aber dann sicher einer der Highlights im Repertoire. Bei mir hat dieses Stück eine Infektion mit dem gefürchteten Chopin-Virus bewirkt, die in der Regel nur durch eine Bach-Therapie zu lindern ist. Bevor die Debussy-Angina einsetzt. Mahlzeit!

PDF
Original-Noten
PDF-Noten
'Delta'-Version
GIF
'Hilight'-Version
Finale
Finale-Noten
'Delta'-Version
MIDI
MIDI-Version
MP3
Paul Cantrell
Links
F. Chopin (Wikipedia)
Piano Society
Classic Cat
Paul Cantrell
 
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