Clavia Nord Stage 88 - Review


Nachdem ich mit einem Yamaha P70 angefangen hatte, wollte ich mir etwas Gutes gönnen und auch etwas mehr als üblich für ein anderes EPiano anlegen. Die Auswahl fällt schwer, das Abwägen der unterschiedlichen Eigenschaften, die vielen Testberichte und Meinungen machen den Entschluss nicht einfach. Die Wahl fiel dann auf das Clavia Nord Stage 88.

Mechanik, Design, Aufbau, Verpackung

Ich muss gestehen, dass das nicht alltägliche Aussehen des Clavias mich angemacht hat. Die vielen guten Testergebnisse, z.B. in Keyboards, taten ihr Übriges. Also flugs bestellt und wenige Tage später steht der DHL-Mann etwas genervt vor der Tür.

Obwohl nicht wirklich schwer, doch ein unhandliches Paket. Zum Vorschein kommen das Nord Stage, USB-Kabel, Manual etc. Das Nord Stage ist überraschend kompakt gebaut, jedoch komplett in Holz und Metall gekleidet, lediglich die von Fatar als OEM-Produkt gekaufte Tastatur ist aus Kunstoff. Alles stabil und sauber verarbeitet, nur ein paar der Taster weisen bei genauem Hinsehen kleine Risse auf (durch vermutlich zu schnelle Abkühlung beim Spritz-Prozess). Aber nix wirklich Schlimmes. Ist ein stabiles Teil, auch alleine zu handhaben und eben mit Klavier-, Orgel- und EPiano-Sounds alles Nötige drin. Dazu die Extern-Section für die Steuerung externer MIDI-Module oder Sequencer. Eben ein echtes Stage-Piano. Die Bezeichnung Tank drängt sich auf. Prima.

Nett am Nord Stage ist, dass man 128MB Flash-ROM hat und sich die so mit Instrumenten belegen kann wie man es braucht. In gewissen Grenzen. Zwei eingebaute Effekt-Sektionen (Chorus, Flanger, Phaser, Tremolo etc. etc.), Amp-Simulationen, General-EQ, Compressor, und der unvermeidliche Leslie sind auch drin. Das Nord Stage ist die Rundum-sorglos-Variante von Stage Piano.

Für die Aufteilung des Panels und der daraus folgenden übersichtlichen Bedienung muss man Clavia Achtng zollen. Ruckzuck hat man das Nord Stage im Griff. Kein Absteigen in tiefe Menüs und versteckte Funktionen. Nicht, dass das Nord Stage nicht einiges an Möglichkeiten drauf hätte. Aber es ist alles in wenigen Ebenen erreichbar.

Eine kleine Sythesizer-Ecke hat man dem Nord Stage auch gegönnt. Nur ein Oszillator, aber um mal eine Lead-Sound zu machen, oder unter das Klavier einen Streicher-ähnlichen Pad zu legen, dafür reicht es allemal aus. Dafür ist dann Analog und FM auch noch drin. Ich habe mich mit der Synth Section nicht im Detail beschäftigt, aber dass man mit so wenigen Reglern und Tasten so viele Sounds machen kann, hat mich verblüfft.

Die Extern-Section erlaubt die Steuerung externer MIDI-Geräte in den wesentlichen Funktionen. Diese Section ist wie Orgel, Klavier oder Effekt-Settings in den Setups gespeichert, beim Anwählen eines Setups bekommt das externe Gerät automatisch die richtigen MIDI-Kommandos, bis in CC-Tiefe hinab. Dass Layer, Splits und Mischungen davon möglich sind, sollte klar sein. Das Nord Stage wirkt sehr durchdacht, konsequent designed und übersichtlich gegliedert. Nur ganz billig ist es eben nicht.

Tastatur

Diese, wie schon geschrieben, von Fatar bezogene OEM-Variante in Kunststoff ist ein wenig ein Mittelding zwischen Klavier- und Orgel-Tastatur, jedoch mehr Klavier. Ich würde sie auch als ein Mittelding zwischen gewichteter und halb-gewichteter Tastatur bezeichnen. Man kommt aber als Klavierspieler sehr gut mit ihr zurecht, sie spielt sich recht flüssig und stabil. Auffällig ist lediglich, wenn man sie mit einigen wenigen anderen Tastaturen vergleicht, dass die Oberfläche ein wenig klebrig ist. Auf der Bühne wird das kaum eine Rolle spielen, und zuhause merkt man es auch nur an seltenen Stellen.

Insgesamt gibt es an der Tastatur nichts zu meckern, nur das pure Klavier-Feeling sollte man nicht zu ausgeprägt erwarten.

Sound

Die speziellen Eigenarten und Funktionen des Nord Stage sollte man auf den angegebenen Seiten nachlesen. Die Orgel-Sektion kam für mich nie zum Einsatz, da ich noch zu sehr mit dem Klavier beschäftigt war.

Vier Flügel-Samples hat das Nord Stage impetto: einen close-miked Yamaha in 32MB und 65MB sowie einen Steinway in close und in ambient. Der Yamaha klingt eher rund und weich, der Steinway brillianter. Aber alle klingen sehr gut, der große Yamaha-Set überzeugt insbesondere in den Details der dynamischen Auflösung. Spielt man zuhause über Kopfhörer, wird der ambient Steinway schnell zum Freund, er klingt räumlicher und zugleich mit angenehmem Attack. Übrigens passen wegen des Speicher-Limits nicht alle Sets zugleich in das Nord Stage, man muss sich entscheiden welche Flügel man haben möchte und dafür auf Uprights oder EPianos verzichten. Ach ja, Uprights gibt es auch zwei, einen Schweden und ein Yamaha.

Die Abteilung EPianos mit verschiedenen Fender Rhodes, einem Wurlitzer und einem Yamaha CP80 sind ein weiteres Hightlight des Nord Stage. Ja, so müssen die verschiedenen Versionen wohl in der Realität geklungen haben, verdammt nah am Original, wenn man noch Motown und die vielen Rhodes spielenden Rock-Heroen im Ohr hat. Ergänzt durch Rotor, Amp-Simulationen, EQs und Effekten ist da alles drin und alles dran. Schraubt man mal mit einem Rhodes herum, stößt man oft auf Sounds, die man schon irgendwo zwischen 1970 und 1990 gehört hat.

Ebenso CP80 und Wurlitzer glänzen durch gute Qualität, auch hier ist die vielfältige Kombinierbarkeit mit Effeten und Amp-Simulationen eine breite Palette an Klangfarben. Wer hier nichts Passendes findet, ist selbst schuld. Auffällig im Vergleich zu anderen Stage Pianos ist, dass das Nord Stage immer recht warm und heimelig klingt, nicht Matsch oder Verwischen, sondern eben Wärme. Es sei denn, man reißt die Amp-Simulation auf, dann kann das Nord Stage auch ganz schön giftig werden.

Gesamtsicht

Wer mit dem Clavia Nord Stage 88 ein akustisches Klavier im Hause ersetzen möchte, wird wahrscheinlich nicht 100% zufrieden sein. Wer aber als praktizierende Bühnensau hervorragende Klavier- und EPiano-Sounds sucht, noch eine sehr realistische B3/Vox/Farfisa-Emulation dazu, mit allen notwendigen und wünschenswerten Effekten in einem Gehäuse dazu, der wird im Nord Stage die fast ultimative Lösung finden.

Stabil wie ein Panzer, trotzdem noch portabel, mit allen notwendigen Schnittstellen (außer symmetrischen XLR-Ausgängen) ausgerüstet, eine unglaublich umfangreiche Effekt-Abteilung an Board, was will man von einem Stage Piano mehr? Und das Design mag für manchen Zeitgenossen etwas ungewöhlich sein: man kann es nach einiger Zeit sogar mögen.

Links
Clavia Homepage
Produktseite Thomann
Produktseite MP
 
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