Roland ep880 - Review


Wenn man unterwegs ist und auf sein E-Piano nicht verzichten möchte, ist ein Kawai MP8 ein Problem. Mit knapp unter 40kg Lebendgewicht und Ausmaßen wie eine Hammond-Orgel kann ich das Gerät weder alleine handhaben, noch bekomme ich es alleine in's Auto. Also muss etwas Leichteres her, mit weniger Gewicht und kompakterer Bauform. Eigentlich hatte ich mich schon entschieden, doch das Roland (erschienen Anfang 2007) wurde mir zu einem sehr guten Preis angeboten. Und machte keinen schlechten Eindruck. Am Anfang.

Mechanik, Design, Aufbau, Verpackung

Mit ca. 20kg Gewicht liegt das ep880 noch so in einem Bereich, dass man es alleine transportieren kann, es passt in einen normalen PKW auf die Rückbank. Mit einem gut gepolstertem Gigbag ist die Hauptanforderung dann erfüllt. Zum Gewicht ist einfach zu sagen, dass es eine gewichtete Hammer-Tastatur ist, und die hat eben ihren Masse. Sonst muss man eine kleine M5-Workstation nehmen, die bleibt so etwas über 10kg.

Hinsichtlich Gehäuse, Wertigkeit und Stabilität gibt es überhaupt nichts zu meckern. Das ep880 verträgt viele Transporte und kann sicherlich so manchen Knuff auf der Bühne ab. Geliefert wird es mit externem Netzteil, dem üblichen Roland Sustain-Pedal und einem Notenständer, der aber nun wirklich mal groß genug und stabil ist, dass man ihn nutzen kann. Das ep880 ist in der Technik spartanisch. Keine Preset-Speicherung, wenig Beeinflussing von Touch und Velocity. Einschalten und Spielen, nicht Basteln. Auch im Anschluss-Bereich nur das Notwendigste, MIDI, Pedal, keine MIDI-Steuer-Funktionen. Wenigstens die Anschlags-Stärke ist justierbar und es gibt ein Halb-Pedal.

Mit ein Faktor in der Kaufentscheidung war das Sound-System. Über die eingebauten Lautsprecher kommt doch schon ein erstaunlicher Bass-Druck, und das bis in horrende Lautstärken. Das habe ich bei anderen E-Pianos so noch nicht gehört, da ist wirklich Kraft und Saft drin und das ep880 kann im Außen-Einsatz bei Chor oder sonstigen Klein-Veranstaltungen gut mit halten. Preis für die digitale Aufpeppung: ein im stillen Raum deutlich vernehmbares Rauschen aus den Lautsprechern. Aber nur in denen, nicht im Kopfhörer. Für das Wohnzimmer nicht sehr angenehm, in der Aula der Schule aber zu vernachlässigen.

Tastatur

Im ep880 verbaut Roland eine OEM-Version aus dem Hause Fatar. Die Tastatur hat eine griffige, aber nicht klebrige Oberfläche, kaum feststellbares seitliches Spiel, ist eher straff. Die Gewichtung ist gut getroffen, man spielt flüssig und die Tastentiefe ist auch in Ordnung. So weit alles im grünen Bereich.

Trotzdem ein Kritikpunkt: das Auftreffen auf dem Tastenboden ist, im Vergleich zu Yamaha, Kawai und anderen Vertretern dieser Klasse, recht hart. Bei Forte-Spiel merkt man das in den Händen, da fehlt eindeutig eine bessere Dämpfung. Das gibt der Tastatur etwas Störrisches und nach längerem Spiel Anstrengendes. Vielleicht subjektiv empfunden, aber mir fiel das auf.

Stört einen der harte Anschlag nicht, geht die Tastatur mit gut bis sehr gut durch. Eben Fatar reinsten Wassers.

Sound

In der 800++€-Klasse spielt das ep880 mit den üblichen Varianten: zwei Flügel-Sets in zwei Varianten, zwei E-Pianos, etwas Orgel und etwas Cembalo-Artiges, alles eben zweimal. Zusätzlich noch einige wenige Layer-Sounds, wie etwa Flügel + Streicher. Zusätzlich kann man über einen Brillianz-Taster selbige noch hinzufügen oder entfernen. Damit entkommt Roland im ep880 der früheren Kritik, eben zu moderne Sounds zu liefern, die sich zwar in der Band prima durchsetzten, im Solo-Spiel aber eher zu klinisch wirken. Mit den zwei Flügel-Sets und der Brillianz-Wahl steht die Bandbreite gedeckt für Barock oder Klassik bis kristallin für Rock und Jazz zur Verfügung.

Die E-Pianos empfinde ich eher als Dreigabe, sie klingen sehr statisch, erinnern an die Originale (Rhodes, CP-80), aber viel mehr ist da nicht. Da sind die Orgeln in dieser Preisklasse schon besser getroffen. Mir geht es um die Piano-Funktion, daher Konzentration auf diesen Abschnitt.

Tatsächlich hat Roland versucht, von seinem Messerschnitt-Image weg zu kommen, und das ist im Grunde auch ganz gut gelungen. Im Klang selbst gibt es keine Kritik, das ist in dieser Preisklasse ordentlich. Das ep880 eignet sich auch für den Solo-Betrieb, es sind eine Menge Varianten einstellbar. Auffällig im positiven Sinne ist die feinsinnige Reaktion auf den Anschlag, ohne dass Pegelsprünge wahrnehmbar sind. Selbst im pp und ppp-Bereich reagiert der Klang sensibel auf Anschlagsstärke, dafür ist nach oben nicht so viel Luft, was aber nicht weiter stört, weil in der Klassik soviel ff und fff nicht notwendig ist.

Im Feature-Abschnitt wollte Roland in dieser Preisklasse etwas Neues bieten: Saiten-Resonanz. Merkwürdiger Weise aber nur bei getretenem Sustain-Pedal. Bei gehaltenen Tasten im Bass und Spielen von höheren Noten ist keine Saiten-Resonanz zu hören. Das mag marginal erscheinen, tatsächlich ist dieses Verhalten beim Spielen merkwürdig, denn man hält das Sustain ja nicht permanent getreten. Die Saiten-Resonanzen brechen ab, wenn man das Pedal los läst. Und das klingt seltsam. Selbst wenn man nur selten am akustischen Piano gesessen hat.

Dann fiel mir aber mit der Zeit noch etwas Anderes auf: spielt man im piano und darunter, sind Bass und Diskant im Pegel deutlich auseinander. Die linke Hand musste so zu sagen immer etwas mit angezogener Handbremse fahren, weil der Diskant dann im Vergleich zu leise war. Da dies bei allen Sounds so auftritt, wohl mehr ein Software-Problem. Insgesamt würde ich für die Piano-Sounds auch ganz propere Noten vergeben, positiv zu vermerken die sensible Gesamt-Ansprache, aber negativ eben die Bass/Diskant-Differenz.

Gesamtsicht

Das Roland ep880 ist ordentlich gebaut, stabil, die Sounds gehen im Piano-Bereich absolut in Ordnung. Positiv zu vermerken: das kräftige Sound-System und die ordentliche Tastatur, die doch ganz guten Flügel-Sounds in dieser Preisklasse. Sicherlich kein schlechtes Einsteiger-Instrument.

Auf die Negativ-Liste ist zuerst die Velocity-Differenz Bass/Diskant aufzunehmen, dann das Rauschen der Lautsprecher und das inkonsistente Verhalten in den Saiten-Resonanzen. Da nichts einzustellen oder zu tunen ist, ist daran auch wenig zu ändern.

Da hat Yamaha im P7x/P8x-Range mehr zu bieten, der Klang ist konsistenter, die Tastatur fühlt sich etwas Klavier-typischer an. Auch Kawai und Kurzweil tummeln sich in diesem Segment, Kurzweil verbaut ebenso Fatar (mal gecheckt: beim Kurzweil ist der Tastaturboden besser gedämpft). Das ep880 ist in sich nicht stimmig, einerseits ist es spartanisch, andererseits soll es Saiten-Resonanzen können. Und die weiteren Macken ließen das ep880 zum Händler zurück kehren. Schade, das Konzept war gut, aber die Umsetzung genügte den Ansprüchen eben nicht.

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