Ohrfutter


Neben der groben Unterteilung Musik für Haustiere, Musik für Nichtmusiker und Musik für Musiker (wobei mit dieser Gruppe alle die gemeint sind, die versuchen ein Instrument zu spielen) lässt sich letztere Kategorie weiter differenzieren. Stevie Ray Vaughan, Josef Satriani und Konsorten werden wohl zum großen Teil von Gitarristen gehört. Daneben gibt es aber auch noch Bands, die gleich mehrere Interessengruppen bedienen. Niacin seien hier ein leuchtendes Beispiel genannt, Sheehan für die Basser, Novello und Chambers an der B3 und am Kit unschlagbar. Ich komme noch darauf zurück.

Lassen wir die feinsinnige Unterscheidung in Keyboarder und Pianisten beiseite, habe ich für die Schwarzweiß-Fraktion, auch Zebra-Fans tituliert, meine eigene Hitliste. Die wollte ich mal so kurz notieren, vielleicht für den Einen oder Anderen als  Anregung oder Hör-Tipp. Nicht immer nur wegen der Musik selbst, sondern auch aus der Sichtweise, was man von diesen Musikern lernen kann. Als da wären ...

Jordan Rudess, ausgebildeter Konzertpianist, der sich irgendwann an den Synthesizer verlaufen hat, Tastenmann von Dream Theater, hat für mich mit Rhythm Of Time eines der farbigsten, soundkomplexesten Alben gemacht, die mir in den letzten Jahren untergekommen sind. Ich selbst bin kein Freund von Sound-Spielereien und klirrenden Klangfassaden. Aber wenn solche Attitüden mit profundem Beherrschen des Instrumentes und ungewöhnlichen Kompositionen zusammentreffen, ist das Ganze dann auch für eher konservative Hörer zu verdauen. Nicht nur das, man findet auch beim 30. Hören noch neue Frickeleien und Ideen. Zappa-esk.

Niacin, oben bereits erwähnt, gefallen mir mit den beiden Alben Time Crunch und Organik an besten (hier Links zu Magna Carta mit Hörbeispielen). John Novello ist für mich neben Keith Emerson einer der besten und profiliertesten B3-Spieler. Wenn man Beispiele haben möchte, wie Voicings und Lines auf einer B3 sein müssen, damit sie autentisch klingen, ist Novello eine perfekte Quelle. Als gesamte Band, mit Billy Sheehan und Dennis Chambers, liefert Niacin ein herrliches Konglomerat auf Rock, Jazz und klassischen Einflüssen, ohne störenden Gesang, nur glänzende Instrumentalarbeit.

Rick Wakeman hat für meinen Geschmack nicht viel produziert, was wirklich neu war. Eine Ausnahme aus den 70er Jahren ist The Six Wifes Of Henry VIII (Amazon-Link). Zwar wirkt diese Musik für heutige Zeiten etwas altbacken. Interessant bleibt aber, wie Wakeman alle möglichen Tasteninstrumente, vom Mellotron bis zur Sakralorgel, kombiniert. Lernen kann man von ihm auf jeden Fall, wie unterschiedliche Voicings verwendet werden müssen, ein Lehrstück für Artikulation.

Keith Emerson darf hier natürlich nicht fehlen, seine Verdienste um Tasteninstrumente in der Rock-Musik sind unschätzbar. Emo's größte Stärke, seine Herkunft aus der klassischen Musik wie Wakeman und Rudess auch, hat er bei Emerson, Lake & Palmer ausgiebig genutzt. Was würde ich von ihm empfehlen? Vermutlich Trilogy und Brainsalad Surgery, aber auch die Filmmusik zu Inferno ist ein Reinhören wert. Noch einen Tucken besser: die Konzertmitschnitte.

Wendy Carlos, vor den 80er Jahren Walter Carlos, Synthesizer-Pionierin und Dinosaurier zugleich. Ihre Moog-Interpretationen der Bach'schen Werke haben vielleicht mehr Leuten die Tür zur klassischen Musik geöffnet als man denkt. Daher natürlich die Empfehlung Switched On Bach, aber auch Switched On Brandenburger. Das Musique Concrete-Projekt Sonic Seasonings gehört seit meinen Jugendtagen nicht zu meinen Lieblingswerken, kommt aber wegen seiner klanglichen Faszination immer wieder auf den Tisch. In Secrets Of Synthesis erzählt etwas über analoge Synthesizer und auch über die Entstehung der verschiedenen Werke. Eine schillernde Figur, nicht immer unumstritten. Aber hörenswert.

David Gray, eher Songwriter als Pianist, aber mit einem unglaublichen Gespür für Feel und Atmosphäre, für den das Piano nur Werkzeug ist. Aber das in dem Sinne verblüffend, wie man mit ein paar einfachen oder auch ungewöhnlichen Akkorden tolle Songs schreiben kann. Ich empfehle mal Lost Songs, White Ladder und natürlich Life In Slow Motion. Von David Gray kann man lernen, dass der Song nicht aus der Komplexität, sonders aus der Intuition und Inspiration kommt. Mit nur ein paar Akkorden auf dem Klavier, oder der Gitarre.

Bruce Hornsby ... der Mann hat einen eigenen, unverwechselbaren Stil. Mal enorm energetisch, mal melancholisch, mal Rock, mal Jazz, mal Swing, oder auch geradezu klassisch. Kann ich eigentlich alles bis einschließlich Spirit Trail empfehlen, danach ist er für meinen Geschmack etwas in's Experimentieren gekommen. Da steckt aber die Plattenfirma dahinter. Hornsby ist keiner der Piano-Heroen wie Wakeman oder Rudess. Aber seine Spielfreude springt einen quasi an.

Randy Newman gehört in die gleiche Klasse wie David Gray: nicht das Instrument steht im Vordergrund, sondern der Song. Eher schmal instrumentiert, aber immer mit einen untrüglichen Gespür für die richtige Note am richtigen Platz. Ich würde mich auf die etwas älteren Aufnahmen wie Little Criminals, Lonely At The Top oder Born Again stürzen (ich hab' jetzt keinen Bock mehr auf URLs suchen, schaut mal bei Amazon). Letztere ist für mich seine beste.

Weather Report, großes Fusion-Kino. Auch hier wieder lieber die älteren Werke, aber Schlechtes hat der große alte Mann an den elektrischen Tasten nicht gemacht. Sweetnighter, Weather Report, Black Market, Heavy Weather, Mysterious Traveller, kann man sich kaum vertun, wenn man etwas über Fusion-Piano lernen möchte.

Es gibt ja so vieles, was einen mal auf andere Ideen bringen kann. Schon mal etwas von Triumvirat gehört? Deutschlands Antwort auf EL&P in den Siebzigern, mit Jürgen Fritz an den Tasten. Peter Herbolzheimer, nicht Tastenmann, aber hatte in seinen Bands immer nur wirklich gute Fusion- oder Funk-Keyboarder. Zu Bach, Mussorgski und Bartok brauche ich ja hier nichts zu sagen.

Ich halte es nicht nur für wichtig zu üben und zu spielen, sondern auch den großen oder nicht so großen Pianisten oder auch Keyboardern hinterherzuhören, Spielweisen auf sich einwirken zu lassen, versuchen zu analysieren oder zu imitieren. Auch das gehört zum Lernen dazu.

So, wollte ich nur mal so gesagt haben...

 

 
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