Über die Intuition


Noch mehr Bedarf an Altsäcken an den Tasten? Klar, einer geht immer noch, hier Keith Emerson. Ok, 1974 war er auch noch eher ein Jüngling, wo er immer mit einer Flasche Cognac auf der Bühne erschien.

Keyth Emerson : Piano Solo

Na ja, ist etwas länger her, man wird älter. Aber wenn man ihn so spielen sieht, könnte man meinen Klavierspielen sei in etwa so schwierig wie Brötchen schmieren. Wo war ich noch gerade?

Ach ja, erste Schritte am Piano. Oder auf dem Piano? Schritte auf einem E-Piano? Ich schweife ab. Was kam denn dann zuerst, wie hat der Unterricht angefangen? Was waren meine ersten Probleme? Und welchen Stellenwert haben denn Fingerhaltung, Handhaltung und Sitzposition heute? Und wieso Intuition? Mit der Freigabe esoterisch angehauchter Lebensbetrachtung für den Alltagsbetrieb kam die Idee auf, das die Intuition der Quell richtiger Orientierung sei. Was intuitiv getan wurde, war gut getan. So betrachtete ich die Dreiviertel der Seite, die in meinem ersten Klavierbuch über Fingerhaltung (und nur darüber) geschrieben waren, nahm es auf und schloss daraus, dass der Rest intuitiv zu entscheiden sei. So kam es, dass ich mir intuitiv die ersten Problemzonen schuf. Gut, dass ich mich auch intuitiv für Klavierunterricht entschieden hatte.

Was trieb nun mein Klavierlehrer mit mir zuerst? Erstmal meinte er, ich sollte doch den Klavierhocker höher stellen, ich säße zu tief. Stimmt, höher geht das einfacher. Wäre ich selbst nicht drauf gekommen. Hm, war wohl nicht intuitiv so für mich zu merken. Wir sprachen dann nicht nur über Fingerhaltung, sondern über Muskeln und Sehnen, über den Bewegungsablauf beim Anschlag, über Sitz- und Armhaltung. Warum die ruhige Hand so wichtig ist, den Anschlag aus dem Finger, nicht der Hand. Über lautes und leises Spielen, über den Unterschied zwischen Klavierspielen und Musik machen, und über Musik überhaupt. Schaut man sich da oben Keith an, kommt das alles wieder, die Finger spielen, nicht die Hand. Überhaupt ist das Video oben eine kleine Lehrstunde für Klavier-Newbies. Es beweist, dass die Predigten des Lehrers kein Dummquatsch und nur Quälerei sind.

Worauf wollte ich hinaus? Einmal darauf, dass die Intuition beim Erlernen eines Instrumentes verdammt in die falsche Richtung führen kann. Oft ist das Nicht-Intuitive die bessere Wahl, nur ist diese Information erst dann erreichbar, wenn sie vor Augen geführt und eingeübt wird. Ad Zwo: Bücherverbrennung hat manchmal seinen Sinn, wenn so getan wird, als müsste man nur die Finger so und so halten und alles im Lot. Hallo? Ich denke, wenn man Autodidaktik unterstützen will, sind andere Bücher notwendig, mit anderer Herangehensweise, keine leicht zu kauenden und schluckenden Big Macs des Klavierspiels. Zum Dritten: Klavierspielen ist eine Beschäftigung, die den gesamten Körper fordert, aber wo steht das mal ausführlich? An die Klavier-Pädagogen: Der Bedarf an besserer Klavierliteratur ist da, kann sie mal eben jemand schreiben?

In diesem Sinne ... bis zum ersten Stück unter meinen Händen.

 

 
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