Kawai ES6B - Review


Nach den Erfahrungen mit dem Roland ep880 legte ich noch 350€ drauf und ging mit dem Instrument nach Hause, das ich auch zuerst im Fokus gehabt hatte: das neue Kawai ES6B. In Größe und Gewicht in etwa vergleichbar, es passt in den gleichen Gigbag, bietet Kawai mit dieser Überarbeitung des Vorgängers eine schon beachtliche Liste an Features und Funktionen. Aber mit 21kg immer noch tragbar.

Mechanik, Design, Aufbau, Verpackung

Was sofort nach dem Auspacken auffällt, ist die wertige Anmutung des ES6. Das Gehäuse ist natürlich Kunststoff, aber die matt schwarze Oberfläche und die Formgebung machen einen auf Anhieb guten Eindruck. Dass das Ganze dann natürlich auch stabil und optisch angenehm rüber kommt, versteht sich fast. Einzige Einschränkung: für penible Zeitgenossen mit Schweißfingern könnte es nervig werden. Kripo-Beamte hätten ihre helle Freude.

Auf der Rückseite ein passables Feld von Anschlüssen: MIDI, Damper/Soft Switch, bis hin zu einem USB-Anschluss, das ES6 präsentiert sich dem PC als MIDI Audio Device. XLR-symmetrisch gibt es hier nicht, aber das ist verzichtbar. Die Bedienoberfläche ist spartanisch, um nicht zu sagen antiquiert. Eine Reihe beleuchteter Taster und ein 3-Stellen-LED-Feld, das war's. Hier ist Nachbesserung notwendig, gerade im Preis-Bereich 1200€. Dafür gibt es wieder zwei Kopfhörer-Buchsen, eine links, eine rechts, pfiffige Idee. Ansonsten Technik im Überblick: zwei Flügel-Sets in vier Variationen (einschließlich mellow und studio), vier Mal E-Piano, vier Mal Orgel sowie Cembalo, Bass und Vocals. Und zwei synthetische Sounds. In Summe sind das zwanzig Sounds, wobei man das eingebaute Drumset eigentlich noch dazu rechnen muss. 192 Stimmen Polyphonie, bei den Stereo-Samples reduziert sich das auf 96, was immer noch ausreichend ist. Mehrere Effekte, EQ, Anschlagskurven variabel, ebenso Stimmung und Temperament. Und: zwar keine Key Off-Samples, aber vollständige Saiten-Resonanzen. Auch einstellbar. Die Presets, Registrations genannt, speichern alle relevanten Einstellungen einschließlich Stimmung, EQ etc. Nicht zu vergessen Layering, Tastatur-Split (auch 1:1 für Lehrer und Schüler in gleicher Oktav-Lage) und noch Vieles mehr.

Warum nur Kawai ein Pedal mit anständigen Ausmaßen, hohem Gewicht und rutschfestem Boden liefert, Roland, Clavia und Yamaha immer diese Spielzeuge, ist mir unklar. Das F10 ist ein Halbpedal, optional kann man auch das große F30 vom MP8II mit Soft-Pedal anschließen.

Alles dran, alles drin. Neu: ein ziemlicher Haufen von Begleitpatterns Drums/Bass/Gitarre etc., zu denen man prima jammen kann. Die Patterns können in den Akkord-Sets erstellt werden, oder automatisch laufen, man kann auch nur die Drums laufen lassen und alles andere stumm schalten. Nicht umsonst ist das Manual zum ES6 ganz schön dick geworden. Die Begleitfunktionen brauche ich nicht, aber ein nettes Feature ist es schon.

In Funktionalität, Design und Technik aktueller Stand der Dinge und mehr, bis auf das LED-Display, da hätten ein paar Euro mehr HK für etwas Besseres auch gestört. Viereinhalb von fünf Notenköpfen.

Tastatur

Die Tastatur des ES6 wird von Kawai selbst gebaut. Sie ist natürlich gewichtet und hat eine Hammer-Mechanik, ist jedoch eine reine Kunststoff-Version. Man merkt sofort, dass das Vorbild das akustische Piano ist, die Kanten sind leicht verrundet, der Aufschlag eher weich, die Repetition in dieser Geräteklasse hervorragend zu nennen. Die Oberfläche ist angenehm, nicht kleberig oder rutschig. Man fängt an zu spielen und hat das Gefühl, dass es so sein soll. Natürlich drängt sich mir immer der Vergleich mit den Holztasten des MP8 auf, aber da liegt noch etwas Delta drin, die größere Masse und größeren Hämmer des MP8 bewirken noch mal ein anderes Spielgefühl. Aber für eine Plastik-Tastatur, denke ich, hat Kawai hier das Optimum heraus geholt.

Mir scheint , dass Kawai das Problem der Simulation der Tastatur eines Pianos am besten von allen Herstellern gelöst hat. Sie ist in Formgebung eben den Tucken besser als Fatar oder auch Yamaha. Natürlich spielt sich ein echtes Piano noch anders, aber mit diesem Kompromiss kann man leben.

Sound

Ich mag den Kawai-Klang, neben Yamaha und Kurzweil, einfach gerne. Und wenn man vom MP8 kommt, ist man auf dem ES6 fast wieder zuhause. Die Flügel-Sets sind nicht die gleichen wie im MP8, sie klingen teils etwas luftiger, sphärischer, an anderen Stellen wieder dichter und direkter. Aber es fiel mir am Anfang fast schwer, den für mich angenehmsten Klang zu finden, außer die Studio-Versionen, die mir zu brilliant sind. Ich blieb dann am 1-2 hängen. Mag morgen anders sein. Im ersten Moment ärgerlich: in einem Sample-Set scheppert das C-1, aber es ist wirklich im Sample.

Gemein ist allen Klavier-Sounds, dass sie über die ganze Tastatur sehr gleichmäßig klingen, Velocity-Sprünge sind nicht feststellbar, und die vier Anschlagsempfindlichkeiten decken eh einen weiten Bereich ab. Der Klang-Unterschied zwischen einem pp und einem ff ist groß, aber weder ist das pp stumpf und matt, noch das ff gepresst oder scharf. Ich bin sogar im Moment nicht mal sicher, ob die Flügel im MP8 oder im ES6 besser klingen. Der Klang ist inspirierend, er tut einfach gut, selbst über Kopfhörer, auch wenn dort etwas mehr Ambiente ganz nett wäre. Also auch hier getroffen, versenkt.

Die E-Pianos und den Rest sehe ich als nette Zugabe, sie sind schon brauchbar. Wer meint, der Klang eines Klaviers sei schwer zu samplen, muss die Originale der E-Pianos in's Gedächtnis rufen. Daher kann man dem ES6 hier auch nichts anlasten, der Reiz eines Flügels liegt in der Perfektion, bei E-Pianos genau im Gegenteil. Tatsächlich ist das MP8 hier besser, aber das ist auch eine andere Einsatz-Klasse. Auch die Orgeln sind nett, es gibt eigentlich keinen Sound neben dem Klavier, der heraus hauen würde.

Nimmt man den Preis, liefert das ES6 in Sound und Spielgefühl nach meiner Meinung das Beste, was der Markt zur Zeit zu bieten hat. Das kann auch daran liegen, dass Kawai wie Yamaha den Zugriff auf die Entwicklung akustischer Pianos und Flügel hat. Vielleicht sind die beiden deshalb meist meine Favoriten. Roland, Clavia, Korg sind mir irgendwo zu Keyboard-orientiert, obwohl auch das Nord Stage seine Klasse hat.

Gesamtsicht

Wenn man für den gegebenen Preis ein E-Piano haben möchte, ohne Master-Funktionen und ohne Schnörkel, aber mit einem guten Klang und einer guten Tastatur, dann ist das ES6 aus meiner Sicht im Moment das Beste, was der Markt zur Zeit her gibt. Die rudimentäre Bedieneroberfläche und das etwas kryptische Knöpfchen-Drücken sind Kritikpunkte, aber hat man sich seine Favoriten erst einmal als Registrationen abgespeichert, ist die Bedienung übersichtlich und einfach.

Für den Heim- und Übegebrauch hat das ES6 alles Notwendige, und mehr, an Board. Und selbst für den fahrenden Musiker ist es ein gutes Gerät, wegen seiner Stabilität und Praxis-orientierten Feature-Ausstattung. Das ES6B muss sich bei mir immer etwas den A-B-Vergleich mit dem MP8II gefallen lassen, was unfair ist. Bei der Tastatur muss das ES6 hinten anstehen, im Klang und im generellen Spielgefühl ist es schon verdammt nahe am MP8. Meine erste Entscheidung war also mal wieder die richtige ...

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