KAWAI MP8 II - Review


Dann holen wir unser MP8II mal bei unserem Händler ab ... bin ja schon reichlich gespannt.

Mechanik, Design, Aufbau, Verpackung

Der Transport eines verpackten MP8 in einem Mini wird wahrscheinlich eher schwierig. Was die Japaner machen, machen sie richtig, mit dieser Verpackung würde das MP8 wahrscheinlich auch eine Reise zum Mars unbeschadet überstehen. Nach dem Öffenen des riesigen Kartons kommt denn auch ein Bolide von EPiano zum Vorschein. Ich empfehle für das Handling zwei Personen, die nicht zu mager gefrühstückt haben sollten. So relativiert sich auch die Bezeichnung "Stage Piano" auf die Definition "Stage Piano, wenn man zwei gut gebaute Roadies hat".

Die Mechanik des MP8 macht dementsprechend einen überzeugenden Eindruck: viel Metall, die Seitenteile aus Holz, alles wirkt sehr wertig und stimmig. Der alte Scherenständer, auf dem das MP8 erst einmal Platz nehmen muss, ächzt unter dem doch beachtlichen Lebendgewicht, da muss schnell etwas Stabileres her, in meinem Fall das K&M 18880, welches 50kg abkann. Da das MP8 ein anderes EPiano ersetzt, muss nur das Netzkabel ausgewechselt werden und das MP8 begrüßt seinen neuen Besitzer mit der eher dezent gestalteten Bedieneroberfläche.

Design ist Geschmackssache, ich denke, dass Kawai einen ganz akzeptablen Mittelweg erwischt hat, nicht zu modern, nicht altbacken. Mit dem Design können wohl die meisten Leute leben. Da man die Beleuchtung der Tasten hell oder gedimmt schalten kann, passt das für die Bühne als auch für's Wohn-/Musik-Zimmer. Über die Bedienerfreundlich der Einstellungen für Sounds, Setups, System und Master-Funktionen kann man auch vortrefflich streiten; das hätte man sicher schlechter machen können, ob besser ist die Frage, denn die Möglichkeiten des MP8 sind enorm.

Das stabile und schwere F20-Doppel-Pedal ist bemerkenswert. Andere Hersteller auch teurerer EPianos liefern nur ein billiges Sustain-Pedal mit. Aber gibt es ein Pedal, das nicht beim Spielen entschwindet? Da hilft nur Festkleben oder Festschrauben. Oder zusätzliche Moosgummi-Pads auf die Füßchen pappen. Beim K&M-Ständer 18880 kann man übrigens eine schwarz lasierte Holzleiste an die unteren Traversen anschrauben und das Pedal von der Flucht abhalten.

Fazit: ein Trumm von EPiano, aber stabil und wertig, mit Bedienung und Design kann man gut zurecht kommen. Kritikpunkte: die Bedienungsanleitung. Viele eher komplexe Themen werden nur angerissen, einige Beschreibungen sind sehr dürftig. Eine Liste der Werks-Setups fehlt, die gesamte Struktur des Manuals könnte griffiger gemacht werden. Den Notenständer hätte man sich sparen können, zu niedrig, zu klein.

Tastatur

Als Erstes zum Dreh- und Angelpunkt jedes EPianos: wie fühlt sich die Tastatur an, wie benimmt sie sich, wie ist sie im Vergleich zum akustischen Piano? Hier kann man dem MP8 nur attestieren: grenzenlos geil. Die Holztastatur hat ihren Preis, nämlich Gewicht und Kosten. Aber zusammen mit der Hammermechanik und der Gewichtung kommt die Tastatur des MP8 einem akustischen Piano schon sehr nahe, näher als alle anderen EPianos, die ich mal im Zugriff hatte. Da kann man wiegen und repetieren, da fühlt man leichte Trägheit der Hämmerchen in den Fingern, da kehren die Tasten etwas verzögert in ihre Ruhepositionen zurück. Tatsächlich überzeugt diese vollwerige Konstruktion. Es ist nicht so deutlich ein Druckpunkt zu spüren wie bei einem alten Upright, aber für ein Stage Piano ist das sehr gelungen. Keine hochstehenden Tasten, nichts klappert oder wackelt. Die Oberfläche der Tasten ist ein weiteres Highlight; beim Yamaha als auch beim Clavia hatte ich manchmal das Gefühl, dass die Haut beim vertikalen Rutschen auf den Tasten festklebt. Nicht so beim MP8. Eine optimale Lösung zwischen Griffigkeit und Beweglichkeit. Großes Lob für die Konstrukteure, das kann man wohl kaum noch besser machen, diese Tastatur.

Im Spielgefühl ist die Tastatur nicht weich, sondern im Vergleich zu meinem CN31 eher etwas straffer, aber nicht schwer, weicher als z.B. Yamaha, straffer als ein Clavia Nord Stage88. Aber definiert und mit nicht zu langem Tastenweg. Für mich das Nonplusultra einer EPiano-Tastatur. Ausprobieren beim lokalen Händler ist gefährlich, hat schon fast einen Suchtfaktor. So hatte es mich nämlich auch erwischt.

Sound

Jetzt wird es noch schwieriger. Weil reine Geschmackssache. Und noch ein Stolperstein ist es, die vielen Sounds des MP8 mal zusammenzufassen. Darum streife ich das Thema eher. Auch weil mein MP8 die Wohnung vielleicht nie verlassen wird und als Ersatz für ein Akustikpiano herhalten muss.

Für mich als 'Kammermusiker' am wichtigsten sind daher latürnich die Piano-Sounds. Zuerst einmal hat man zwei Sets an Grands zur Verfügung, jeweils in vier Variationen. Und die sind alle ohne Fehl und Tadel. Dazu Uprights, Honky Tonks, eher sphärische Sounds, New Age und was man sich so ausdenken kann. EPianos nicht zu vergessen, mal Rhodes, mal Wurli, mal CP80. Alles da, alles wirklich gut klingend. Sogar mit den Gitarren-Sounds kann man etwas anfangen. Da kann man in Sounds schwelgen. Und da das MP8 auch noch alle Sounds nach GM2 anordnen kann, ein prima MIDI-Expander. Da habe ich mir doch erst mal wieder Band In A Box installiert. Nimmt man vom BIAB nur die Bass- und Drums-Spur, kann man echt nett jammen. Oder natürlich auch einfach üben, was gerade für Standards eine prima Sache ist. So ist das MP8 eben nicht nur Stage Piano, sondern auch zuhause eine ideales Instrument zum Lernen und Üben.

Gerade die Qualität der Piano-Sounds ist hervorragend. Durch die vielen Seiteneffekte (Damper, String resonance) gewinnt der Klang viel an Natürlichkeit, Lebendigkeit und Raum. Abgesehen von den Mellow-Versionen haben die MP8II-Sounds einen gewissen Touch an Bissigkeit, nicht im unangenehmen Sinne, sondern sie funkeln etwas, bringen sich nach vorn. Dies dient wahrscheinlich im Bandkontext der Durchsetzungsfähigkeit, so sollte das bei einem Stage Piano auch sein. Extreme sind Rock Piano und auch Jazz Piano, über solche Sounds würden sich Elton John und Bruce Hornsby bestimmt freuen. Wer es milder, klassischer mag, hat auch kein Problem, denn die Mellow-Varianten oder auch der EQ zaubern genauso klassische Pianos. Mal ein Chopin-Preludium auf dem Jazz Piano spielen, das ist eine neue Erfahrung. Insgesamt gefallen mir die Piano-Versionen des Sets #2 etwas besser, sie scheinen mir etwas dezenter und ausgedünnter, aber das ist Geschmackssache. Mein Reich ist das Musik-Zimmer oder auch das Wohnzimmer, das ist nicht die Bühne. Vom Ohr her kann ich mir das MP8 aber auch als einen präsenten Teil eines Gesamtsounds vorstellen.

Fazit für Sound: sehr gut. Sehr variabel, breites Angebot an akustischen und elektrischen Sounds, dazu Pads und EPianos der klassischen und modernen Welt. Selbst die Drumsets sind akzeptabel.

Gesamtsicht

Absolutes Highlight des MP8II ist die Tastatur. Ich denke nicht, dass die noch zu toppen ist, kann aber sein, dass ein findiger Klavierbauer noch auf die eine oder andere Feinheit käme. Piano-Sounds vom Feinsten, sehr brilliant und klar, in breiter Auswahl. EPianos in mehr als akzeptabler Qualität, die Orgeln dagegen deutlich besser. Synths, Pads und Gitarren als Sahnehäubchen und nette Zugabe. Auch die Funktion als Masterkeyboard wurde wohldurchdacht und vollständig berücksichtigt. Durch die vielen Funktionen und Möglichkeiten ist die Bedienung nicht selbsterklärend, aber man kann nach und nach in die Themen einsteigen. Auch der Klavier-Lernende wurde nicht vergessen, Metronom und Sequencer-Steuerung machen sich da ganz gut. Alles zusammen wertig und stabil verpackt. Da ist der Straßenpreis von ca. 2200€ schon bald ein Schnäppchen.

Ein Vergleich

Nun habe ich mich ja damals in die Tastatur des MP8 verliebt, und im Zuge der Begeisterung musste das Clavia Nord Stage88 seinen Platz räumen. Versuch eines Vergleiches.

Mit seinen kompakten Abmessungen und etwas über 20kg Gewicht passt das Clavia unter den Arm, das geht mit dem MP8 nicht. So ist das Clavia vielleicht günstiger für den Transport und das Handling. Bei der Tastatur ist das MP8 der haushohe Gewinner, da kann die Fatar-Tastatur nicht mithalten; sie ist Mittelding zwischen mehreren Welten, nämlich Klavier, Orgel und etwas Synth. Aber weder Fleisch noch Fisch. Hier liegt die große Stärke des MP8. Klavier-Sounds der beiden sind nicht ganz so weit auseinander. Auch das Clavia hat, wenn auch nur drei, gute Samplesets von Flügeln an Board, und auch die klingen gut. Wenn auch in einem etwas anderen Klang-Universum. Und auch wenn Damper und Resonance fehlen. Der Steinway aus dem Clavia wird mir etwas fehlen, aber wohl nicht lange; gerade der GP2-Set gefällt mir ausgezeichnet. Mit dem Halbpedal, der vollständigeren Extern-Steuerung, dem vollen GM2-Set, den dynamischen Anschlagskurven und noch vielen weiteren Gimmicks lässt das MP8 dann das Clavia weit hinter sich. Bis auf einen einzelnen Punkt: die EPianos, da ist das Clavia unschlagbar. Zur Orgel kann ich wenig sagen, habe ich nicht benutzt.

Das Clavia ist ein Super-Instrument für die Bühne, das MP8 ist die Maximal-Lösung für den Haus- und Studiomusikus. Aber sollte ich mal wieder etwas für den Proberaum oder weiter brauchen, reicht auch meine Kurzweil KME-Presetschleuder und ein Döpfer dazu. Oder ein Yamaha P70 und ein Behringer MIDI-Controller, sind sowieso im Hause.

Zum Schluss

Den Wechsel zum MP8 bereut? Schon nach zwei Tagen kann ich nur sagen: NIEMALS. Das ist das Spielgefühl, das ich gesucht habe. Die Klavier-Sounds sind vom Feinsten, die zusätzlichen Sounds können ganz prächtig vom ernsthaften und konzentrierten Üben abhalten. Das macht wirklich Spaß. Natürlich ist die Bedienung nicht ganz so simpel wie beim Clavia, aber wenn man nur Klavier spielen will am Ende genauso einfach.

Das MP8 wäre von Anfang an für mich die richtige Wahl gewesen, aber man hat halt so seine Lernkurven. So habe ich jetzt das für mich beste EPiano für meine Zwecke gefunden. Mögen wir noch viel Zeit miteinander verbringen.

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