Lehrer und andere Katastrophen


Über Lehre im Besonderen

Obwohl man Rick Wakeman kaum mangelnde Fähigkeiten an den Tasten unterstellen kann: wäre er auch ein guter Klavierlehrer? Wahrscheinlich nicht. Vermutlich könnte er die Probleme eines 12-jährigen Klavierschülers überhaupt nicht verstehen, oder die eines 50-jährigen Klavierschülers. Wobei die wohl ganz unterschiedlich sind.

Noch dazu bekäme jeder klassische Klavierlehrer bei Anblick von Rick's Fingerhaltung eine Existenzkrise. Was aber nur wieder ein Beweis ist, dass es nicht den einen glücklich-machenden Weg gibt, sondern auch individuelle. Darüber, was einen guten Instrumenten-Lehrer ausmacht, habe ich über die Jahre eine recht genaue Vorstellung entwickelt. Sicher ist das alte Bild der vertrockneten Jungfer, die einem mit dem Rohrstöckchen auf die Finger prügelt, wenn man Fehler macht, überholt. Wesentlich wichtiger erscheint mir aber das vorherige Bild: ist ein am Instrument glänzender Lehrer auch automatisch ein guter Lehrer? Somit wäre die Frage schon fast beantwortet. Trotzdem ausformuliert: Der Lehrer sollte auf die Person und die Orientierung seines Schülers eingehen können, nicht sein Programm gnadenlos durchziehen.

Klasse oder Masse?

Das heißt zum Beispiel, dass er einen Rock-Jünger nicht einzig mit Beethoven und Mozart quält, sondern auch moderne Stücke zulässt, als auch Spieltechnik jenseits der in Eisen gegossenen Vorgaben toleriert, wenn sie für diese Musik sinnvoll ist*. Auf den Schüler achten heißt ebenso, Fähigkeiten und Beschränkungen durch Physiologie und Habitus zu erkennen, und daran zu arbeiten. Den Schüler ernst nehmen, nicht verwalten. Den Schüler motivieren können, nicht fernsteuern. Es kann im Klavier-Unterricht nicht allein darum gehen, dass der Schüler Stücke bewältigt. Ein guter Klavierlehrer muss in erster Linie den Schüler befähigen autark und effektiv zu üben, neue Stücke zu erlernen und Beschränkungen zu überwinden. Dazu muss er dem Schüler Methoden und Verfahren vermitteln, dies auch alleine zu erreichen.

Einige früher verwendete Methoden sind heute definitiv überholt, auch die Musik-Pädagogik hat Fortschritte gemacht. Gib deinen Leuten keine Fische, lehre sie angeln! Nun kann im Grunde jeder Lehrer Techniken vermitteln und Übungen anordnen, daher finde ich einen weiteren Aspekt im Unterrichten sehr wichtig. Koordination und Technik sind erlernbar, können durch entsprechendes Üben angeeignet und gefestigt werden. Viele Schwierigkeiten treten aber nicht in den körperlichen Bereichen auf den Plan, sondern passieren im Kopf. So kann es sein, dass man die Konzentration auf die "falschen" Hände legt, nicht weiß, wie man Rechts-Links-Abstimmung hin bekommt und ähnliche Probleme.

Sag' mir, wie Du tickst

All dies sind Fragen, die nicht Handhaltung und Sitzposition, sondern Denkweisen und Denkorientierungen betreffen. Der Lehrer sollte, wenn man ein Stück unerklärlicher Weise nicht auf die Rille bekommt, zu Analysen in diesen Bereichen fähig und willens sein. Er sollte auch eigene Erfahrung in Auftritten und Konzerten haben, die dann entstehenden Fragen klären können, aus dem eigenen Nähkästchen plaudern können. Viele Lehrer sind, liest man Berichte von anderen Klavierschülern, anscheinend Schreibtischtäter.

Gibt es Checklisten?

Ich fürchte die gibt es eben nicht. Begibt man sich in die Hände eines Lehrers, muss man testen. Wenigstens hat man gegenüber der Schule noch die Möglichkeit sich selbst in Ünglück zu stürzen. Was man aber tun sollte, zum Erstgespräch oder allerspätestens zur ersten Stunde, ist sich eine Liste mit Fragen zurecht zu legen, die die Richtung klarer machen können.

  • Unterrichtet er/sie nach einer bestimmten Methode?
  • Welches Material wird verwendet (jemand, der nur Czerny oder Burgmüller oder
    Peters verwendet, kann schnell nerven)?
  • Wie ist die Einflussmöglichkeit des Schülers? Darf sich der Schüler selbst Material aussuchen?
  • Testfragen, deren Antwort man eigentlich weiß, sind auch hilfreich: welches Instrument
    für Zuhause wird empfohlen? Ist die Antwort Yamaha, Kawai, Korg oder so, hat der Lehrer
    sich nicht schon vor zwanzig Jahren aus der Realität verabschiedet.
  • Die Chemie muss stimmen! Er/Sie muss symphatisch wirken, es geht nicht um den
    Führerschein, sondern um Musik. Die Beziehung muss möglichst langfristig tragfähig sein.
  • Musikschulen haben den Vorteil, dass eine mindestens gewisse Organisation vorhanden
    ist, dafür ist wieder das Instrument eines privaten Lehrers vermutlich in besserem Zustand.

Ein gewisser Hang zur Esoterik kann bei einem Lehrer sehr hilfreich sein, und einen selbst zu anderen Sichtweisen und Vorgehen anregen. Im Grunde ist die Aufgabe eines Lehrers widersprüchlich: er muss den Schüler dahin bringen, dass er irgendwann auf den Lehrer nicht mehr angewiesen ist. Das wieder scheint wirtschaftlich unsinnig zu sein, aber gerade das macht den guten Lehrer aus. Und deshalb sind gute Lehrer vielleicht so rar. Aber es gibt sie, man muss sie nur finden.

*) John Lennon's Imagine ist mit klassischen Fingersätzen nicht geläufig spielbar. Testfall für die Toleranz des Lehrers.

 

Links
Rick Wakeman-Solo
Wakeman (Wikipedia)
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