Zwei links, zwei rechts


RTFM (Read the fucking manual)

Klar stand das dabei. Da stand "Zuerst die linke und die rechte Hand getrennt üben." Aber mehr stand da eben auch nicht. Da muss man doch ein büschen ausführlicher werden. Da muss man wohl etwas mehr sagen als einfach nur "Erst links, dann rechts". Was ich hiermit nachholen möchte. Einhändiges Einüben versus beidhändiges Spielen. Meine Kampfstätte par excellance. Also, neues Stück vor der Nase, wie gehe ich vor?

Für Nicht-Blattspieler ist eine Aufnahme des Stückes von großer Hilfe. Und welcher Anfänger ist schon Notist? Und sei es nur als hoppelige MIDI-Datei, man hat eine erste Vorstellung vom Stück. Es macht Sinn, sich mit den Noten des Stückes erst einmal mental zu beschäftigen: wie ist das Stück aufgebaut, wo sind Wiederholungen, wie ist die Struktur? Hören und Noten verfolgen, ohne Instrument. In der Regel haben Stücke, die zum Üben benutzt werden, einfache und schwierige Abschnitte, diese gilt es zu identifizieren. Folgende Unterscheidungen sind beispielsweise möglich: Melodie links, Akkorde rechts oder umgekehrt, oder z.B.: Basslinie links, Akkorde mit eingebetteter Melodie rechts. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Wichtig ist es herauszufinden, welches subjektiv die schwierigen Bestandteile und/oder Takte/Taktabschnitte sind. Und welcher Teil das Stück trägt, das kann die Melodie allein sein, aber auch die Akkord-Folge. Oder eben beides.

Ist eine klare Melodie zu erkennen, würde ich mich auf diese konzentrieren. Beansprucht mich die Akkordfolge jedoch mehr, ist diese erster Fokus. Nehmen wir hier als Beispiel ein Stück mit Akkorden im Bass, Melodie in der rechten Hand an. Hier würde ich mir nun Takt für Takt, wenn notwendig sogar Note für Note, die rechte Hand erarbeiten. Jeder Takt darf losgelöst vom Ganzen betrachtet werden, wichtig ist das Finden eines passenden, effektiven Fingersatzes (ich betrachte die Zahlen über den Noten als Denkansatz, nicht als Vorschrift) und das Gewöhnen an den Ablauf, das Erlernen der Melodie. Habe ich entweder eine ausreichende Anzahl Takte so sicher, dass ich sie schneller als gefordert spielen kann, oder ich merke, dass die rechte Hand ermüdet, schalte ich um und arbeite an der linken Hand für die Akkorde. Ermüdet diese oder habe ich die rechte Hand aufgeholt, schalte ich wieder um.

Es geht somit nicht darum, nur komplett die linke oder die rechte Hand zu üben, sondern im Wechselspiel. Verbunden mit dem Üben ist das Verinnerlichen und Automatisieren des Spiels, nicht das mechanische Abspulen. Genauso wichtig ist es, bei rhythmisch vertrackten Stücken zwar korrekte Rhythmik langsam zu erarbeiten, danach aber möglichst schnell auf die Zielgeschwindigkeit zu kommen. Und dabei nie entspanntes Spiel und stressfreies Spiel vergessen. Es zwar möglich, aber nicht sinnvoll oder notwendig, letztendlich die komplette eine Hand, dann die komplette andere Hand zu erarbeiten, im Gegenteil, die Zusammenhänge gehen dann leichter verloren.

Wird es nervig, oder komme ich nicht so recht weiter, oder komme ich über eine Hürde nicht hinweg, pausiere ich. Entweder für heute ganz, oder ich mache mit Stücken weiter, die schon sitzen oder weiter fortgeschritten sind. Bevor ich später wieder an das neue Stück gehe, spiele ich erst Vertrautes, oder ich suche mir vor dem Üben neue Aspekte des Stückes. Kann auch heißen, dass ich die kritischen Takte 12-16 erst einmal überspringe und mit den einfacheren Takten 16-32 weitermache. Ich lerne leichter mit einem kleinen Erfolgserlebnis kurz zuvor im Rücken. Erst nach Erarbeiten aller Teilstücke füge ich am Ende alles zum beidhändigen Spiel zusammen. Klappt es nicht, gehe ich entweder abschnittsweise oder sogar komplett wieder zum einhändigen Spiel zurück. Zusammengefasst:

  • Einhändiges Üben heißt nicht nur die eine und dann die andere Hand vollständig zu üben, sondern im Wechsel, um Ermüdungen zu vermeiden und den Zusammenhang zwischen den Teilen nicht zu zerstören.
  • Da meistens die Belastung der Hände unterschiedlich ist, dem auch in der Wechsel-Strategie Rechnung tragen; die weniger angestrengte Hand mehr einsetzen.
  • Das Stück braucht am Anfang nicht als Ganzes betrachtet zu werden, sondern darf in beliebige Teilstücke zerlegt werden; diese Teile werden erst ganz zum Schluss zusammengefügt.
  • Zerlegen heißt Zerteilen bis in einzelne Taktschläge.
  • Es gibt keinen universellen Fingersatz, den zu erarbeiten ist Inhalt des Erlernen des Stückes. Jedes Stück hat seinen persönlöichen Fingersatz.
  • Zwar langsam beginnen, aber mit wachsender Sicherheit sich der Zielgeschwindigkeit annähern.
  • Sich nicht in den Frust üben, lieber pausieren oder, wenn's nicht funzt:
  • Betrachtungsweise, Herangehen oder Aufteilung ändern. Neue Aspekte finden, etwas anders machen, Vorgehen auf den Prüfstand stellen.
  • Es ist kein Versagen, wenn man als Anfänger für ein neues, nicht-triviales Stück von 32 Takten zwei Wochen für ein halbwegs flüssiges Spiel braucht. Es ist normal.
  • Entspannt spielen. Wenn die Körpermuskulatur (Rücken, Schultern, Beine) verkrampft ist, können Arme und Hände nicht frei agieren, sie werden ebenso blockiert.
Da fällt mir bestimmt noch mehr zu ein.

 

 
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