Schrauber!!!!


Zugegeben, ich habe mich als Bassist oft über Gitarristen lustig gemacht, die im Wochenturnus neue Pickups in ihre Hölzer schraubten, sieben verschiedene Vorstufen-Röhren zu je 28$ ausprobierten, sogar eine Wissenschaft aus Ton-Kondensatoren machten (ich sage nur "Bumble Bee"). Immer auf der Suche nach ihrem optimalen Sound. Aber man sollte mit dem Ablästern vorsichtig sein, es kann einen selbst schnell erwischen. Asche auf mein Haupt.

Hardware

Ich rede vom Thema PC-basierte Sounderzeugung, ein Artikel darüber in der Zeitung Keyboards hatte mich neugierig gemacht. Ein wenig geforscht und dann kam das heraus: Man nehme ein beliebiges Keyboard mit MIDI-Ausgang, route mit einem MIDI-Kabel dieses Signal über ein beliebiges MIDI-Interface in einen Windows-PC oder -Notebook. Am besten unter XP. Dieser sollte ein Audio-Interface haben, hat wohl jeder. So, das war die Hardware. Ach ja, vielleicht noch ein paar Lautsprecher und einen Verstärker, den man an den PC hängt.

Software

Nun fehlt nur noch wenig Software, bisher kaum nennenswerte Kosten, bis auf das zusätzliche MIDI-Interface und eventuell ein MIDI-Kabel, falls nicht vorhanden. 35€ in Summe sollten reichen. Die Software gibt es nämlich gratis (aber nicht umsonst). Da existiert so ein Programm namens VSThost, das lädt man sich herunter und legt es zum Beispiel auf seinem PC in "C:\Program Files\VSThost" ab. Eine Anleitung findet sich auf selbiger Seite. Was fehlt uns noch? Instrumente als VST-Plugins. Einfach mal in Google nach kostenlosen VST-Instrumenten suchen, man findet Tausende. KVR Audio ist eine gute Quelle. FreeSound Editor grenzt an's Ultimative. Auch Effekte wie Reverb oder Echo, EQs und Compressoren, alles sogenannte VST-Plugins.

Links
Keyboards Magazin
MIDI-Interface
VSThost Site
ASIO4ALL
Heise Online
Cantabile
VSTi Plugins
KVR Audio
FreeSoundEditor
Google-Suche
Ambience
4Front Piano
Acoustic keyZ
Pianoteq
Smartelectronix

Man lege nun im VSThost-Verzeichnis ein zusätzliches Verzeichnis z.B. "plugins/" an, packe die gefundenen Instrumente und eventuelle Effekte dort hinein. Pianos in E und A, Synthesizer, sogar Mellotron und Wurlitzer. Man starte das Programm VSThost, setze in den Devices im Menü MIDI-Input und Audio-Output passend, stelle unter "File" ein, wo die installierten Plugins zu finden sind, sage VSThost im Menü "File" noch, dass er die Plugins scannen soll und kann nun diese Plugins in VSThost laden, auch wieder über die Icons oder über "Plugin". Man kann auch Effekte laden, andere Module und diese alle in VSThost verketten, Sound-Quelle ein E-Piano, weiter in einen Reverb-Effekt und noch durch einen Compressor. Ein bisschen die Dokumentation lesen, ist nicht sehr kompliziert. Jedenfalls nicht besonders kompliziert. Und wozu das alles?

Was hat man nun? Einen PC, der wie ein sehr variables Sound-Modul arbeitet. Er empfängt MIDI-Daten vom Keyboard, VSThost mit den VST-Plugins machen aus MIDI Instrumenten-Audio wie im Grunde es im E-Piano oder Synth auch passiert. Das Ergebnis verlässt den PC über die Audio-Karte, i.d.R. in einen Verstärker. Die Tonerzeugung kann synthetisch, oder durch Abspielen von Samples im Plugin erfolgen, je nach Plugin, und eigentlich seit Verfügbarkeit von Wavetable-Daughterboards nicht Neues. Wer möchte, kann sich auch professionell erstellte Plugins kaufen, die einen gesampelten Steinway-Flügel oder Boesendorfer bieten. Jordan Rudess verwendet neuerdings eine solche Konfiguration, meine ich gelesen zu haben.

VSThost ist so etwas wie eine LEGO-Grundplatte, auf der Bausteine verschiedener Funktion hintereinander gesteckt werden. Fest steht, dass am Anfang MIDI in einen Audio-Erzeuger hinein geht und am Ende Audio heraus kommt. Dazwischen liegen, wie eine Perlenkette und durch VSThost verbunden, die VST-Plugins (Virtual Studio Technology, eine Erfindung von Steinberger für digitale Recording-Studios und Workstations). Tatsächlich ist und kann VSThost noch mehr. Man kann das Instrument-Plugin weglassen und nur Effekte laden, VSThost stellt nämlich mehrere Signalwegarten für die Plugins als Ein- und Ausgang bereit, MIDI oder Audio hinein, Audio oder MIDI heraus. Lädt man nur Effekt-Plugins, so schickt VSThost eben Audio in das erste Plugin, und auch in folgende. Das wäre dann für die Gitarristen VSThost als Multi-Effektgerät, statt als Sound-Modul.

Man kann auch mit zusätzlichen Plugins den MIDI-Strom aufspalten und in verschiedene Module leiten, damit verschiedene Instrumente übereinanderlegen, layern also. Die Möglichkeiten sind sehr vielfältig. Je mehr man sucht, desto mehr findet man. So be warned. Die Einstellungen der Plugins und wie welche Plugins kombiniert sind, kann man als Presets abspeichern. Mit einem Laptop und einem leichten MIDI-Keyboard (mit einem USB-Keyboard spart man sogar das MIDI-Interface) hat man eine hochportable, gar nicht übel klingende Anlage zusammen. Für wenig Mäuse. Mit den entsprechenden Investitionen wird daraus auch eine Live-fähige Sache, wenn man PCs traut. Möchte man die Latenz-Zeiten (Verzögerung zwischen Anschlag und tatsächlicher Wiedergabe aus dem PC) noch minimieren, beschäftige man sich zusätzlich mit dem Thema ASIO, und man hat wieder genug Gründe, vom anständigen Üben und Musizieren abgehalten zu werden.

Mir so passiert. Wer trotzdem noch mehr lesen möchte, für den gibt es noch einen Artikel bei Heise Online.

Alternative: Cantabile

Eine echte Alternative zu VSThost, wenn auch mit hier weniger und dort mehr Möglichkeiten, ist Cantabile von Topten Software. Ebenso ist diese Light-Version kostenlos, jedoch bietet Cantabile ein besseres User-Interface. Begrenzt ist diese Version in dem Sinne, dass nur zwei Racks mit je einem Instrument und einem Effekt verwendbar sind, mehr gibt es erst in der kostenpflichtigen Version.

Dafür bietet Cantabile aber eine sehr übersichtliche Steuerung der Plugins, Metronom, MIDI-Player und -Recorder und vieles mehr. Cantabile ist etwas komplexer zu bedienen, aber verfügt auch über mehr Übersichtlichkeit als VSThost.

Die Funktionsweise von Cantabile ist im Prinzip die gleiche wie die von VSThost, ein Umstieg ist also simpel und erfordert nur Umgewöhnung an das andere User-Interface. Die VSTi-Plugins sind die gleichen wie bei VSThost, so dass die beiden Programme auch die gleichen Plugins verwenden können.

Daher bin ich seit einiger Zeit auf Cantabile umgestiegen. Das Programm ist sehr stabil und mehr als empfehlenswert. Der integrierte MIDI-Player und -Recorder, das Metronom und Vieles mehr machen Cantabile zu einem wirklichen Allround-Tool.

Empfehlenswerte Plugins

Da fällt mir als Erstes Ambience ein, ein Plugin, das über einen Reverb deutlich hinausgeht und eher Raumgefühl liefert als einfach nur Hall. Die Demo-Version ist bis auf einen einzelnen Nag Screen komplett lauffähig und kommt mit sehr vielen Presets.

Als Piano sind für erste Versuche 4Front Piano und Acoustic keyZ brauchbar. Beide sind nicht mit Pianoteq oder NI Steinway vergleichbar, aber zum Spielen reicht es.

Die Site Freesoundeditor hatein recht umfangreiches Angebot auch an kostenlosen Plugins, dort sollte man für erste Schritte fündig werden.

Smartelectronix hat eine Sammlung teils freier, eher ungewöhlicher Plugins. Ambience von Magnus ist eins der besten Reverbs, die mir untergekommen sind.

SCHRAUBER!!!!!!!!!!!!!!

 
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