The Reality Collection


You say it's your first audition ...

[Mit Dank für Ergänzungen und weitere Punkte an Matthias, bO²gie und Doc. 11/2001]
[Weitere Ergänzungen und Überarbeitungen vom Juni 2002, nicht ohne Grund ...]

Ich dachte mir, ich schneide das Thema doch mal an. Ist nicht so ganz ohne, und wenn's das erste Mal ist, wird es sowieso noch knibbeliger. Manche Dinge sind jetzt in zwei Kapiteln, aber da finden sich dann die Quer-Links.

Ach ja, was ist eigentlich eine Audition?

Ganz einfach: Es ist die Vorstellung eines Musikers in einer Band oder für eine Band. Dabei ist es egal, ob Ihr nach der Bewältigung des Einstiegs an einem Instrument in der Suche nach einer Band auf einen Zettel in einem Laden geantwortet habt, oder ob Michael Jackson eine(n) Gitarrist(in) für seine nächste Welttour sucht. Auf das Gesuch nach einem Musiker folgt (in der Regel) eben eine Audition, ein Probespiel, Probevorspiel, Probemitspiel. Korrigieren muss ich jetzt noch: wenn M.J. einen Gitarristen sucht, geht zuerst ein cattle call raus, ein Ruf an die Herde, und erst dann kommen die Auditions.

Genaugenommen ist daran ja gar nichts so Schwieriges. Aber, man kann da doch einiges falsch oder richtig machen. Und wenn man zum ersten Mal vor dieser Situation steht, ist man vielleicht doch ein wenig unsicher. Hier also ein paar Tips und Ratschläge für Eure erste oder nächste Audition.

Wie findet man eine Band?

Das ist einfach. Viele Musikgeschäfte haben eine Pinwand für suchende Bands und Musiker. Regionale Anzeigenblätter wie "das Heft", "Reviermarkt", "Der Heisse Draht" oder wie immer sie heissen mögen, sind eine Alternative. Bleiben noch Fachzeitschriften, aber das ist schon eher etwas für die Erfahreneren.

Was man beachten sollte:
Wenn Ihr selbst eine Anzeige macht, seid realistisch und ehrlich. Wenn Ihr ein bloody beginner seid, schreibt das auch. Keine Superlativen, keine Stänkereien, keine absoluten Einschränkungen.
Wenn Ihr auf Anzeigen antwortet, seht euch die Anzeigen genau an. Handgekritzelte, unleserliche Zettelchen können ein Zeichen von Mangel an Ernsthaftigkeit sein. Wenn Leute mit 16, 17, 18 gerne was wie Dream Theater oder Michael Schenker Group spielen wollen, haben die ein Problem mit der Wirklichkeit. Legt einfach die gleichen Massstäbe an, als wolltet Ihr einen Gebrauchtwagen kaufen. Auf dem Teppich bleiben, auf beiden Seiten.
Legt Euch stilistisch nicht völlig fest. Wenn Ihr Metallica-Fans seid, braucht Ihr nicht in einer Top40-Band zu spielen. Andererseits lasst Euch die Möglichkeit zu neuen Erfahrungen offen. Schon so mancher hat seine Meinung schnell geändert und festgestellt, dass er gar nicht das spielen möchte, was er sonst gerne hört.
  Seid klar und deutlich, was Ihr sucht. Wenn Ihr Lead-Gitarre spielen wollt und in der Position eines Rhythmus-Schrabblers landet, gehen Erwartungen auf beiden Seiten in's Leere.


Der erste Kontakt (Widerstand ist zwecklos)

Habt Ihr was Interessantes gefunden und Kontakt aufgenommen, solltet Ihr auf einem ersten informellen Treffen bestehen. Damit habt Ihr eine ungefährliche Möglichkeit, in neutraler Umgebung (z.B. Kneipe oder Eis-Cafe) die Leute abzuschecken. Lasst Euch nicht auf ein direktes Spiel, volle Probe oder Jamming ein. Testet erst einmal, was das für Leute sind, ob die Chemie stimmt und ob die Ziele die gleichen sind. Erspart Euch den Frust und lasst eine gewisse Vorsicht walten.

Was man beachten sollte:
Achtet darauf, dass Euer Arbeits- und Denkstil mit dem Eurer möglichen zukünftigen Bandkollegen übereinstimmt. Wenn Ihr eher diszipliniert und zuverlässigt seid, kann eine Truppe von Chaoten zum Alptraum werden. Wenn Ihr punkig und flippig seid, werdet Ihr mit Arbeitstieren kaum zurechtkommen. Wird auch vom Bassisten Songwriting erwartet? Darf der Bassist Material beitragen oder soll er beim Drummer stehen, spielen und die Schnauze halten?
Wenn Euer Gegenüber ernstzunehmend ist, wird man Euch erst mal etwas über die Band, ihre Historie, die gemeinsamen Ziele und Planungen, den angestrebten Stil oder solche Dinge erzählen. Achtet auch auf eventuelle hierarchische Dinge, ob es einen unangefochtenen Boss gibt oder eher eine Basisgruppe ist. Wenn die Band schon länger besteht, sollte eine Demo-CD oder eine Demo-Cassette selbstverständlich sein. Werden die Songs nur auf gut Glück gespielt und überhaupt nicht dokumentiert, wird's schwierig.
Ist die Band überhaupt komplett informiert? Nicht dass Ihr bei der ersten Kollision im Proberaum vor verblüfften Gesichter steht (Ey, wer is'sen das?)
Hilfreich ist auch ein Medium mit Material von Euch. Kann Material aus einer früheren Band sein oder Dinge, die Ihr zuhause einfach auf Cassette gespielt habt.
Haltet die Ohren offen, falls Ihr einen Vorgänger habt. Wie wird von ihm gesprochen? (Kann Hinweis auf die Beziehungsatmosphäre sein) Wird ein 1:1-Ersatz gesucht? War er ein brillianter Musiker oder eher ein Stümper? Erwartet man, dass Ihr genau das spielt, was er gespielt hat oder sucht man ein individuelles, beitragendes Bandmitglied? Wie ist die Erwartungshaltung der Band?
Lasst Euch nicht von Aspekten täuschen, die nichts mit der eigentlichen Sache zu tun haben. Eine große Anzeige in Gitarre&Bass - GruSuMu muss nicht heißen, dass das eine ernsthafte Band ist, oder die Sache clean ist (gerade selbst so erlebt). Man landet stattdessen in Chaos und Dilletantismus.

Natürlich ist es die optimale Sache, wenn Ihr z.B. eine CD mit Material der Band bekommt. Das schafft einen wesentlichen Punkt, daher:

 
Wenn Ihr die Musik das erste Mal hört, und nicht wirklich dabei seid, ruft Euren Ansprechpartner an und bedankt Euch höflich, sendet das Material zurück und gut ist.
Wenn Ihr an irgendeiner Stelle im Vorfeld das Gefühl habt, es ist etwas nicht koscher oder unplausibel, folgt dieser Intuition unbarmherzig.
Lasst Euch nicht auf Überredung ein, und tut nichts, von dem Ihr nicht 100pro überzeugt seid, dass das so richtig ist.

Es ist soweit: Aaaaaaudition!

Wenn Ihr euch mit den Leuten wohlfühlt, die angestrebte Stilrichtung stimmt und auch sonst alles paletti erscheint, dann sollte man es angehen. Wie man das macht, kann sehr unterschiedlich sein. Meistens vereinbart man ein erstes gemeinsames Zusammenspiel, und gerade da wird's ernst und man kann so ziemlich alles falsch machen.

Es sei denn, man achtet auf ein paar eigentlich ganz plausible Dinge. Ich gehe hier natürlich von einer 'ernsthaften' Band aus, und von 'ernsthaften' Bewerbern. Und das gilt sowohl für eine Tanzmucker-Band als auch für eine Prodigy-Kopie, denn ein paar Prinzipien sind für jede Band unverzichtbar. Das was auf der Bühne passiert, hat meistens wenig mit den Dingen hinter der Bühne zu tun.

Was man beachten sollte:
Vermeidet Auditions, bei denen einfach nur so gejammt wird. Vereinbart vorher, was zusammen gespielt wird. Falls die Band bereits eigenes, bestehendes Material hat, verlangt eine Cassette/CD und eine Liste, was in Eurer Audition gespielt wird. Falls bekannte Sachen gespielt werden sollen, kümmert Euch rechtzeitig um die Stücke auf CD und die Noten, damit Ihr genug Zeit zum Proben habt. Gibt's das nicht, wissen die Jungs (und Mädchens) nicht was sie wollen.
Seid pünktlich und gut vorbereitet. Seid positiv und freundlich, offen und übt einen Teil Zurückhaltung. Gut vorbereitet heisst: frische Saiten, Stimmgerät, Kabel, Ersatzbatterien dabei, möglichst in einem Koffer (gibt es in Baumärkten als Werkzeugkoffer für zwei oder drei Zehner). Zum Material gehören auch Papier und Schreiber.
Gut vorbereitet heisst auch: Equipment-Frage vorher klären. Ist eine PA vorhanden? Wenn ja, könnt Ihr sie benuzten? Braucht Ihr eine DI-Box für den Anschluss Eures Basses an ein Mischpult? Oder müsst Ihr selbst eine komplette Anlage mitbringen? Wenn letzteres, dann eine halbe Stunde früher dasein und alles dabeihaben, so dass Ihr nur noch eine Steckdose braucht (Verteiler, Ersatzsicherungen, einfaches Werkzeug). Aber bloss keine Equipment-Schlachten oder Sound-Experimente, lieber so wenig Risiko wie möglich. Die Leute müssen Euch hören, nicht Euer Multieffekt-Gerät.
Beweist Professionalität. Und die zeigt sich eben in guter Vorbereitung und Organisation. Sei es das Instrument, der Kram drumrum, die Anlage und das bevorstehende Songmaterial. Wenn Eure Vorstellung daran scheitert, dass Ihr keinen Vierfach-Verteiler dabei habt ...
Beweist Individualität. Bemüht Euch von Anfang an, das Material in Eurem Stil zu spielen. Bei Material der Band kann es hilfreich sein, wenn man selbst Vorschläge erarbeitet, und nicht die Basslines nachspielt, die ein eventueller Vorgänger gespielt hat. Bei einer Beatles-Coverband aber gerade nicht.
Beweist Ersthaftigkeit. Euer gesamtes Auftreten, vom Habitus bis zum Koffer mit Kabeln, Schraubenziehern und Taschentüchern signalisiert, ob Ihr die Sache ernst nehmt oder ob Ihr nur so eine Freizeit-Beschäftigung sucht. Und nichts ist ernster als der Job eines Clowns.
Holt Euch am Ende der Audition sofort Feedback. Achtet darauf, dass eine Endezeit vereinbart ist und dass nach Abbau noch mindestens fünfzehn Minuten für einen Plausch übrigbleiben. Falls der Feedback nicht eindeutig positiv ist oder herumgedruckst wird (so a'la wir können's ja mal probieren): lasst es.

Und: wenn Ihr so oder so ähnlich vorgeht, wird man Euch eben nicht für einen doofen Anfänger halten und Ihr habt einen gewissen Achtungs-Vorschuss. Dann operiert Ihr aus einer ganz anderen Position heraus.

Und als kleinen Blick dafür, wie das bei den Profis aussieht und ausgeht, eine kleine, aber wahre Geschichte:

Der oben erwähnte, vielfach operierte Entertainer und Performer suchte für die nächste Tour einen Gitarristen. Nach dem cattle call kamen also recht illustre Namen zusammen, unter anderem auch eine nicht sooooo unbekannte Gitarristin. Sie war sehr erpicht darauf, diese Tournee mit zu nehmen, dementsprechend motiviert, bereitete sich optimal auf die gegebene Songliste vor und stand dann bei der Audition. Lief ganz gut, bis zu einem Stück, das in der Mitte ein recht komplexes Gitarren-Solo hatte, das sie spielen sollte. Sie spielte zum Backtrack ihr Solo, der Backtrack endete und wurde ausgeblendet.

Sie erwartete ein Feedback, jedoch herrschte im Auditorium des Label-Managements Schweigen, gepaart mit einer gewissen Unruhe und gelegentlichem Getuschel. Aber sie war ein Profi und hakte nach, wie das denn jetzt gewesen sei. Nach einigen stillen Sekunden kam dann die Antwort:

Das Solo, das sie gespielt hatte, war in der Studio-Version auf zwei Gitarren-Spuren gespielt worden.

Sie bekam den Job. Die Gitarristin hiess Jennifer Batten.

So, ich glaube, das war das Wichtigste. Kann nicht mehr viel schiefgehen. Oder doch ... ?

Fassen wir zusammen ...

auf eine kleine Matrix.

Be prepared!
Be open!

Equipment: Komplett soll's sein, inklusive Werkzeug und notwendige Ersatzteile. Nur die Steckdose darf fehlen. Keine Wackel-Kabel, keine leeren Batterien im Tuner, keine Plastiktüte für den Transport. Aber auch keinen Fullstack für die Probe im elterlichen Keller, und vier Instrumente.

Anreise: Ort und Zeit genau klären, Anfahrt sichern, mindestens 15 Minuten zusätzlich einplanen. Proberaum oder Privatwohnung?

Material: Was wird wann und wie gespielt? Leadsheets, CD oder Cassette mit dem Song-Material? Das Material muss sitzen, also nicht Samstags eine Session für Montags kalkulieren. Üben und Warmspielen nicht vergessen.

Band: Wer sind die Leute? Was ist ihre Motivation und ihr Ziel? Wie ist die Band hierarchisch aufgebaut? Wer ist Ansprechpartner?

Attitude: das ist das große Stichwort. Nicht so viel reden, mehr zuhören, und genau zuhören. Realistisch eigenes Können darstellen, nicht protzen und stänkern, aber auch nicht kneifen oder buckeln. Freudlichkeit, Offenheit und Kooperationsfähigkeit sind wichtiger als technische Finessen am Instrument.

Style: Keine Solo-Slap-Orgien vier Sekunden nach dem Aufbau, nicht die Sau rauslassen, kein Düdeln und Fuckeln, Umschauen und Vorausdenken. Fragen ist besser als 'Sich-So-Denken'.

Reliability: Berechenbar sein, sich zuverlässig zeigen. Interesse bekunden, aber denkt daran: eventuell seid Ihr neu in der Band und die Zukunft ist erst noch zu schreiben.

 
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