Bassisten
Tja, dieses possierlichen kleinen Gesellen sind in der Tat
immer seltener in freier Wildbahn anzutreffen - und wer einen
hat, gibt ihn so schnell nicht wieder her, aber es besteht
Hoffnung, es gibt noch fortpflanzungsfähige Exemplare..
Anfangs gab es die ja überhaupt gar nicht - die ersten
elektrischen Bassisten waren das Produkt eines unerbittlichen
natürlichen Ausleseprozesses, oder einer Mutation, bzw.
man mußte sie regelrecht züchten. Ich kann mich
noch gut erinnern, wie Anno ´69 bzw. überhaupt
in dieser Zeit die erste Probe nach einer verbalen Bandgründung
aussah - da standen sich in irgendeinem feuchten Keller meist
zwischen vier und sechs Gestalten gegenüber:
1. Ein Keyboarder (hießen auch Tastenmann, selten anzutreffen.
Keyboards waren entweder teuer und leicht, sahen auf ihren
dünnen Beinchen lächerlich aus und klangen etwa
so wie das Modell "EKO Tiger", gut zu hören
auf psychedelisch angehauchten Punkhits wie "Beatnik
Fly" von Johnny & the Hurricanes - oder sie waren
noch viel teurer und schwerer und im Grunde völlig untransportierbar).
2. Ein Sänger. Sänger hatten es offenbar meist
im Kreuz, schafften sich deshalb maximal ein Mikrophon an
und kamen beim Auftritt immer erst, wenn alles aufgebaut war.
Hinterher hatten sie dann meist Public-Relations-Pflichten
zu erfüllen und kamen, wenn alle Instrumente von den
übrigen Bandmitgliedern wieder verstaut waren, dann noch
mit einigen Mädels im Arm in der Pizzeria vorbei, um
noch ein wenig für Stimmung bei den Kollegen zu sorgen.
3. Ein Schlagzeuger. Der fehlte eigentlich nie, hatte jahrelang
auf Persil-Eimer und Zeitungsstapel eingedroschen und war
im Grunde nur daran interessiert, sein vierzigminütiges
Schlagzeugsolo im Programm unterzubringen, am besten mehrmals..
Schlagzeuger galten im übrigen als "bekloppt"
- wohl eine nicht ganz unberechtigte Einschätzung, die
sich auch immer wieder bewahrheiten sollte. Ein Rolle mag
dabei spielen, jahrelang diesem bestialisch lauten Trommelfeuer
an explosionsartigen Geräuschen in Schädelnähe
ausgesetzt zu sein (manchmal gingen ja auch Schläge daneben,
das gehört aber eher in den Bereich der Urologie), was
schon im Laufe der Zeit Wirkung gezeitigt haben dürfte.
Im übrigen scheinen in evolutionärer Hinsicht ja
beim Schlagzeuger die Instinkte des Reptilienhirnbereichs
im wahrsten Sinne des Wortes durchzuschlagen, des stammesgeschichtlich
ältesten, von wo Basisinstinkte wie Nahrungsaufnahme,
Fortpflanzung, Konkurrenzverhalten u.ä. gesteuert werden.
Ich meine, machen wir uns nichts vor: Schlagzeuger sind Menschen,
die zwei Knüppel in der Hand halten und damit auf Felle
(!) einschlagen bzw. auch noch mit den Füßen wild
um sich treten. Bei den ersten Trommeln überhaupt in
grauer Vorzeit handelte es sich ja aller Wahrscheinlichkeit
um Schädelknochen mit abgelöster Decke, über
die der gegerbte Skalp eines erschlagenen Nachbarn gespannt
wurde, die ersten Sticks bildeten wohl die Schienbeinknochen
des Opfers. Wenn jemand also eine ausgeprägte Neigung
zu solch einer Art Instrumentarium pflegt, sagt das schon
einiges aus, wenngleich heutzutage diese Zusammenhänge
zivilisatorisch verdeckt scheinen.
4. kein Bassist, dafür
5. drei Gitarristen. Unter diesen wurde zunächst das
Alpha-Männchen bestimmt. Es zeichnete sich durch das
lauteste Radio (oder überhaupt den Besitz eines Verstärkers)
aus und die Fähigkeit, ein sogenanntes Solo nachspielen
zu können, egal welches. Solche Alpha-Männchen hießen
dann Solo-Gitarrist und waren ab sofort von allen lästigen
Routinearbeiten wie "Akkorde spielen" befreit und
konnten sich stattdessen vom ersten bis zum letzten Takt dem
Solospiel widmen, nur ab und zu lästigerweise übertönt
bzw. unterbrochen vom Gesang.
Der Beta-Gitarrist wurde ab sofort zum "Rhythmus spielen"
abkommandiert, was er dann auch meist mit schmollender Unterlippe
jahraus-jahrein tat. Höhepunkte jedes Auftrittes waren
immer die Stellen, wo der Rhythmusgitarrist dann auch mal
ein Solo spielen durfte - da er dies nicht gewohnt war und
es daher immer etwas ... sagen wir mal unbeholfen klang, amüsierte
sich das Publikum dabei immer ganz köstlich, der hinter
ihm stehende, breit in Richtung Zuschauer grinsende, seine
Hand hinter dessen Haupt in Form eines V-Zeichens erhebende
Sologitarrist übrigens offenbar auch. Dauerte solch ein
Solo gar zu lang, erhob sich allerdings dann doch mitunter
ein großes Murren im Volke.
Tja, und der dritte Gitarrist im Bunde hatte dann nur die
Wahl, entweder einen Bass zu kaufen oder sich zu trollen.
Im Grunde genommen entsprach dieses doch eher einfacher strukturierte
Instrument auch mehr seinem nicht so durchsetzungsfähigen
Naturell, dem es offenbar an Imponiergabe und den entsprechenden
Mechanismen, Konkurrenten wegzubeißen, mangelte. Seinem
meist schlichten Gemüt kamen auch meist die reduzierte
Anzahl der Saiten (immerhin nur noch vier statt sechs) und
die auch der Größe und Dicke derselben viel leichter
zu treffenden Töne doch sehr entgegen.
Einen Vertreter der letzteren Sorte nenne ich übrigens
seit diesen frühen Zeiten mein eigen und greife immer
wieder gern auf ihn zurück. Obwohl blond und mittlerweile
doch fortgeschrittenen Alters, gibt er keinerlei Anlaß
zur Klage: Äußerlich tadellos, glänzendes
Fell, strahlendes Gebiß, singt wie Sting und spielt
wie er selbst, putzt und pflegt sich wie eh und je, krümelt
nicht, erscheint pünktlich und frohgelaunt zu Proben,
baut sich selbst auf und ab, schmeißt auf Bühnen
keine Bierbecher um und verdeckt nicht die Sicht auf den Gitarristen.
Was ist da immer für eine Freude, wenn wir uns sehen
und er schon weitem mit seinen beiden Basskoffern in der Hand
mit wedelnd-ausgebreiteten Armen auf mich zugerannt kommt
und mich freundlich begrüßt!
Und er hat im Laufe der Zeit durchaus dazugelernt und tut
es noch. Ich erinnere mich noch gut an das Glänzen in
seinen Augen, als ich die Anforderungen nach ein paar Jahren
etwas steigerte und ihm zusätzlich zur E-Saite seine
erste A-Saite kaufte - oder an jenen magischen Augenblick,
wo wir Anno ´79 im Studio Dierks standen - es war wieder
so ein Tag, an dem es aber auch so rein gar nicht fetzen wollte
- und der Studiomann aus dem Aufnahmeraum zu ihm meinte: "Spiel
die Figur doch mal eine Faust höher!". Da taten
sich Welten auf, wie der drollige kleine Kerl so plötzlich
entdeckte, daß es noch sooo viele Töne weiter oben
am Hals zu entdecken gab, jenseits des fünften Bundes!
Später kaufte ich ihm hin und wieder auch eins der großen
bunten Bassisten-Magazine, die im vierfach großen Format
mit den Riesenbuchstaben und den vielen Bildern, da hat er
oft Stunden mit verbracht.
Mittlerweile hat er übrigens ein Weibchen gefunden,
ein Nest gebaut und doch tatsächlich einen kleinen Nachkommen
in die Welt gesetzt, der schon in seinen jungen Jahren mit
Vorliebe nutellafingerbewehrt an Papas 6000,-DM-Bass rupft
und zerrt - insofern wird die Art so schnell nicht aussterben.
Cheers, Harvey
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