Titel


Adam Nitti arbeitet als Bass-Lehrer am Atlanta Institute of Music. Ich habe seinen folgenden Text übersetzt und mit Adam's freundlicher Genehmigung hier verwendet. Weitere Infos zu Adam, seinen musikalischen Aktivitäten und weitere Artikel in Englisch auf seiner Homepage (www.adamnitti.com). JC Home

Notenlesen mit Intervall-Schemata

von Adam Nitti


Hallo liebe Bass-Gemeinde,

Geben wir es zu. Wenn man ein richtiger Musiker sein will, muss man in der Lage sein, Noten zu lesen. Es ist oft eine mühselige Sache, aber wir müssen mit der Sprache der Musik vertraut sein, wenn wir in ihr sprechen wollen. Die unter uns, die nicht notenlesen können, sind vielleicht von Auftritten und Sessions ausgeschlossen, in denen sie doch eigentlich gern dabei wären. Wie viele von Euch brechen in Schweiss aus, wenn der Bursche am anderen Ende der Leitung noch zum Schluss Details eines Gigs durchgibt und dann nachhakt: "Du kannst doch notenlesen, oder ...?"

Mir ist aufgefallen, dass die Meisten schon etwas von den Noten in der Standardnotation kennen, aber wir brauchen ein wenig Anschubhilfe, um auf eine vernünftige Lesegeschwindigkeit zu kommen. Hier ist mein Konzept, das nützlich sein kann, wenn man plötzlich vor vollendete Tatsachen gestellt wird und 'lesen' muss. Eins sollte man aber nie vergessen, darum betone ich es auch noch einmal:

DER BESTE WEG NOTENLESEN ZU ÜBEN IST,
SO OFT WIE MÖGLICH NOTEN ZU LESEN.

Klingt offensichtlich, oder? Ihr solltet Euch klarmachen, dass sich die Fähigkeit zum Notenlesen nicht über Nacht entwickeln wird. Es ist ein sehr langwieriger Prozess, und daher müsst Ihr Euch immer wieder den Herausforderungen stellen um letztlich die Sache einfacher zu machen. Wenn ich eine Zeit lang keine Noten lese, roste ich ein Stückchen ein. Viele von Euch werden das auch für sich selbst festgestellt haben, und es ist nicht lustig zu bemerken, dass man aus dem Übung ist.

Nun gut, nachdem nun das klar ist, somit möchte ich Euch eine kleine Abkürzung präsentieren, die Euch vielleicht etwas Vertrauen gibt, das Notenblatt zu bewältigen, das Euch so lange auf der Seele liegt. Sie beschäftigt sich mit Notenlesen auf Basis von etwas, was Euch sehr vertraut sein sollte: Intervall-Schemata.

Die konventionelle Art Noten zu lesen verläuft etwa so:

  1. Ihr seht eine Note auf der Lineatur.
  2. Ihr verknüpft die Note mit einer Tonhöhe und einer Notenlänge.
  3. Ihr lokalisiert die Tonhöhe in einer Position auf dem Instrument
  4. Ihr spielt die Note in der vorgegebenen Länge.
  5. Ihr geht zur nächsten Note über und fangt wieder bei 1. an.

Obwohl das keine besonders wissenschftliche Beschreibung ist, trifft es doch die Herausforderungen beim Notenlesen. Das Bewältigen dieser Schritte 1. bis 5. macht Euch zu einem tollen Noten-Leser, und doch: nach meiner Meinung ist das Bemühen, Noten zu identifizieren, die grösste Herausforderung, wenn das Ganze in Echtzeit (z.B. während eines Gigs) geschehen soll. Jedoch die Kenntnis der Intervall-Bilder kann Euch hier einen wesentlichen Vorteil bringen

Schauen wir uns erst einmal einige Grundintervalle und ihre Bilder an, mit denen Ihr eigentlich vertraut sein müsstet:

Der Name eines jeden Intervalls ergibt sich aus dem Abstand von der tieferen zur höheren Note. Zum Beispiel:
Sekunde (2nd): C(1) D(2)
Terz (3rd): C(1) D(2) E(3)
Quarte (4th): C(1) D(2) E(3) F(4)
Quinte (5th): C(1)D(2) E(3) F(4) G(5)

und so weiter.

Diese Intervall-Abstände stehen in direktem Zusammenhang mit den Intervall-Schemata auf Eurem Bass. Hier ein paar Intervall-Abstände, basierend auf der Dur-Tonleiter (die untere Linie ist jeweils die tiefste Saite auf dem Instrument):

Benutz man diese Intervall-Schemata (oder -Muster), kann man eine Serie von Noten spielen, indem man sie als eine Folge von Intervallen behandelt, anstatt sie einzeln zu identifizieren. Die Melodie wird in Intervall-Begriffen interpretiert, als eine Abstandsfolge innerhalb einer Tonleiter. Auf diese Weise kann man das Lesen der Noten erheblich beschleunigen:

  1. Identifizieren der Tonart für den jeweiligen Abschnitt.
  2. Auswahl eines Griffbrettbildes, eines Fingersatzes, der alle benötigten Noten enthält.
  3. Lesen des Stücks in Form von Intervallen, nämlich mit den Noten, die innerhalb des Griffbildes zur Verfügung stehen (bei Erhöhungen/Erniedrigungen werden die Intervalle entsprechend angepasst).

Versuchen wir nun, diesen Vorgang einmal zu demonstrieren, von Anfang bis Ende. Hier ist eine kleine Linie, die wir benutzen um alles zusammen durchzuexerzieren:

1.) Wahl der Tonart.

Da wir hier drei Kreuze haben, ist es A-Dur oder F#-Moll. [siehe Quintenzirkel, der Sätzer]

2.) Wählen eines Griffbrett-Schemas, das alle Noten der Linie enthält.

Dazu müssen wir als erstes die tiefste und höchste Note betrachten, durch die der Gesamtbereich der Noten eingegrenzt wird. In diesem Fall ist die tiefste gespielte Note ein F# zwei Oktaven unter dem ein-gestrichenen C, also 2. Bund auf der E-Saite. Die höchste Note ist ein F# eine Oktave höher, z.B. 4. Bund auf der D-Saite oder 9. Bund auf der A-Saite.

Nachdem nun A-Dur bzw. F#-Moll das tonale Zentrum darstellt, wäre es das Beste, eine der A-Dur-basierenden Modi zu wählen (A-Ionisch, B-Dorisch, C#-Phrygisch, D-Lydisch, E-Mixolydisch, F#-Äolisch oder G#-Lokrisch). Jede dieser Skalen enthält alle erforderlichen Noten, was ausreichend wäre. Nehmen wir F#-Äolisch für unser Beispiel. Der Fingersatz würde dann wie folgt aussehen, das tiefste F# in der Linie entsprechend auf die E-Saite ausgerichtet:

Glücklicherweise haben wir keine weiteren Versatzzeichen und können somit bequem in unserem grundlegenden Fingersatz bleiben.

3.) Lesen des Stücks in Intervall-Bezügen

Nun spielen wir die Noten als eine Folge von Intervallen, von links nach rechts. Und so sieht es dann aus, in Intervallen bezeichnet:

In Textform wäre die Folge:

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

Start

Terz auf

Terz auf

Terz ab

Sekunde ab

Terz auf

Sekunde auf

Sekunde ab

F#

A

C#

A

G#

B

C#

B

Anmerkung für die Theorie-Freaks: Die Intervallbezeichnungen hier sind allgemein, und nicht als Moll oder Rein bezeichnet. Da sie im Zusammenhang mit der Äolischen Leiter gespielt werden, sind die Qualitäten nicht genannt, denn sie ergeben sich eben aus dieser Leiter. Ansonsten kann diese Methode in Zusammenhang mit allen Tonleitern angewandt werden.

Und nun hier die komplette Linie:

Ihr müsst dabei natürlich berücksichtigen, dass dieses Vorgehen um so schwieriger wird, je mehr Versatzzeichen, Akkorde oder grosse Intervall-Sprünge innerhalb des Stücks zu finden sind. Für meinen Teil halte ich diese Methode vor allen Dingen bei Walking Basslines oder anderen linearen Folgen für sehr brauchbar. Und nochmals, diese Methode soll auch nur den Einstieg erleichtern, und es macht keinen Sinn, alle konventionellen Verfahren durch dieses zu ersetzen.

Viel Spass damit und bis zum nächsten Mal ...


Übersetzt von Rainer Böttchers, 1/1999

 
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