Walter Kraushaar Collection


Werte Abnehmer!

Ich war ein wenig überrascht! Ausgehend davon, daß der Großteil der Musikerschaft internett ist und mit dem Wissen, daß diese Zeitschrift inzwischen 10.000 fach gedruckt wird, ging ich davon aus, die eine oder andere Mail zu bekommen. Ich freute mich bereits auf ruppige Statements und böse Kritiken, doch nichts, als weihnachtliche Harmonie. Wie ungewöhnlich! Selbst Tonabnehmer, von denen man nun wirklich annimmt, daß sie einem alles abnehmen, besitzen eine Resonanzfrequenz.

Zur Zeit gibt es zwei verschiedene Tonabnehmersysteme für Gitarren und Bässe: Elektromagnetische und Piezzokeramische. (Mikrophone unterschlage ich hier mal.)

Zur Historie: Adolf Rickenbacker, der für die Fa. National Blechresonatoren baute, stieß mit der Lautstärke seiner "Salatschüsseln" an physikalische Grenzen. Die Zeit war laut und heftig und die Gitarren immer noch zu leise. Also startete er 1931 die ersten Versuche mit elektromagnetischen Pickups. (Leo Fender hatte seinen Radioshop übrigens gegenüber, und man munkelt, er hätte sich das eine oder andere abgeschaut, aber das ist ja schon lange her und was erdreiste ich mich überhaupt, ich junger Spund...)

Das Prinzip eines elektromagnetischen Tonabnehmers ist recht einfach. Ein Dauermagnet erzeugt ein Magnetfeld, in das eine Kupferspule eingebracht ist. Die darüber schwingende Stahlsaite deformiert das Magnetfeld und erzeugt dadurch eine induktive Spannung in der Spule. So wird’s heute noch gemacht. Der Klang eines elektromagnetischen Tonabnehmers wird von vielen Faktoren beeinflußt: Größe des Magnetfeldes, Stärke des Magnetfeldes, Stärke des Kupferdrahtes, Menge das Kupferdrahtes (Summe der Wicklungen) und Geometrie des Spulenkörpers (flach u. breit, oder hoch und schmal). Ich will jetzt nicht auf jeden erwähnten Faktor eingehen, die Hersteller machen jedoch von den Möglichkeiten, die sich daraus ergeben fleißig Gebrauch und werfen Tonabnehmer in einer Fülle auf den Markt, die nicht mehr überschaubar ist. Jetzt haben Tonabnehmer den Nachteil, daß man sie erst mal kaufen muß, um sie einzubauen. Wenn sie die Erwartungen nicht erfüllen, war das Geld für die Katz. Es ist auch nicht ganz einfach, einen Klang, den man gerne hätte, in Worte zu fassen. Um das Gerede zu verkürzen und Mißverständnisse auszuschließen ist es darum oftmals ganz hilfreich, wenn man mit seinem Instrument zum Gitarrenbauer geht und anhand des vorgespielten Tons erklärt, was einem an den alten Pickups nicht gefällt. Vielleicht klingt jetzt auch plötzlich alles anders. Der Tonabnehmer ist ja nur ein Glied in einer Kette von Faktoren. Auch diese Erkenntnis wäre letztlich ein Gewinn.

Eines ist in keinem Fall erfolgreich: Mit dem Kauf eines Tonabnehmers, der mit einem bekannten Künstler beworben wird, dessen Ton erwerben zu wollen. Würde auch nur ein Musiker glauben, von ‘Arnold-Schwarzenegger-Signature-Chips’ dessen Brustumfang zu bekommen?

Der piezzokeramische Tonabnehmer wurden 1970 erstmalig in der Ovation Balladeer verwendet. Piezzokristalle kennen wir aus Feuerzeugen. Da klatscht ein Gewicht auf den Kristall, der Kristall erzeugt eine Spannung und es springt ein Funke. D.h., Druck erzeugt bei diesem Kristall elektrische Spannung. Legt man einen solchen Piezzo unter die Stegeinlage, so drücken und vibrieren die Saiten durch die Stegeinlage auf dem Kristall. Während Mikrophone bei größeren Lautstärken zu Rückkopplungen neigen, lassen Piezzos wesentlich höhere Lautstärken und mehr Bewegungsfreiheit zu. Leider geben auch die besten und teuersten Systeme den Klang eines Instrumentes nicht 100%-ig wieder. Sie nehmen halt von einem anderen Medium ab, als unser Ohr, weshalb akustische Signale in Studios nach wie vor mit Mikrophonen aufgenommen werden. Und noch ein Problem haftet dieser Tonabnahme an. Wie bereits erwähnt, braucht der Piezzo Druck, um zu funktionieren - gleichmäßig und auf allen Saiten. Das ist aber durchaus nicht die Regel und so sind Piezzokeramische Tonabnehmer empfindlich und störanfällig.

Elektro-akustische Instrumente werden in der Regel steif konstruiert, damit sie auch bei großen Lautstärken nicht resonieren. Da ihr Haupteinsatzgebiet die Bühne oder der Proberaum sein soll, ist dies auch sinnvoll. Man kann und darf einem solchen Instrument darum keine außergewöhnlichen akustischen Qualitäten abverlangen. Wer sich mehr am unverstärkten Ton seiner Neuanschaffung erfreuen will, tut besser daran, sich ein rein akustisches Instrument zu kaufen. Ein dezentes aktives Piezzosystem läßt sich problemlos im Nachhinein einbauen. Es gibt sehr gute Systeme auf dem Markt, die fast keiner Veränderung am Instrument bedürfen. Bei vielen Herstellern edler Westerngitarren sind die Löcher für den Pickup sogar schon ab Werk vorhanden.

Man sollte jedoch bei solchen Umbauten bedenken, daß ein Tonabnehmer nicht aus jeder beliebigen Gitarre ein brauchbares Bühneninstrument macht.. Ein sensibles akustisches Instrument taugt nicht für große Lautstärken, denn seine Ansprache und Resonanz macht es auch anfällig für Rückkopplungen.

HUMBUG

,so lese ich im Duden, steht ugs. für Schwindel, Unsinn und hat kaum etwas mit den folgenden Zeilen zu tun. Es ist eher eine, zugegebenermaßen etwas an den Haaren herbeigezogene Einleitung und ich bin schon froh, daß ich als Überschrift nicht HAMBURG gewählt habe, sonst hätte ich nie die Kurve bekommen...

Ich hatte in der letzten Ausgabe die Funktionsweise von Humbuckern am Rande erwähnt. Dies mal möchte ich etwas über die Verschaltungsmöglichkeiten der zwei Spulen schreiben. Ich habe mir dazu ein Buch von Helmuth Lemme genommen, das 1977 erstmalig erschienen ist. Damals versuchte man - zwei kanalige Verstärker waren gerade erst im Kommen - möglichst viele Klangvarianten aus einer Gitarre zu bekommen. Kaum eine Gitarre, die nicht im Zuge des allgemeinen Forscherdrangs mit kleinen Schaltern übersät wurde, wie das Kontrollfeld von Raumschiff Orion. Das ganze Geschalte erwies sich jedoch als unübersichtlich und schwer zu handeln. Manche Schaltung war eine elektronische Glanzleistung, aber eine akustische Zumutung und so kam man wieder auf die alten 3- und 5-Weg Schalter zurück. Heute kauft sich mancher lieber einen neuen Pickup, wenn der Sound nicht gefällt.

Es war jedoch nicht alles Humbug, was man damals ausprobierte und so sind ein paar Tricks beinahe in Vergessenheit geraten, mit denen man den Klang seines alten Tonabnehmers erheblich verändern kann:

  • Humbucker sind meist mit einer Reihe verstellbarer Polschrauben versehen. Man kann ohne Gefahr für die Spule daran drehen. Ursprünglich sind diese Schrauben dazu gedacht, um die Lautheit der einzelnen Saiten aufeinander abzustimmen. Wenn man die Schrauben jedoch mal alle um ca. 2mm herausdreht, wird man feststellen, daß sich der Pickup deutlich in seiner Wiedergabe der Mitten verändert. Diese Veränderung kann, je nach Typ deutlicher ausfallen, als ein neuer Pickup.
  • Humbucker werden in aller Regel seriell geschaltet, d.h. beide Spulen hängen in einer Reihe. Für jazzige und verzerrt rockige Sounds ist das auch so gefragt, denn so bekommt man Mitten und hohe Ausgangsleistung.
  • Bei den meisten Gitarren wird, wenn man hellere Klänge erreichen will, einfach eine Spule kuzgeschlossen. Dabei geht der humbucking - Effekt verloren und der Tonabnehmer brummt.
  • Man kann einen Humbucker aber auch parallel schalten, wie es bei Strats in den Zwischenpositionen geschieht. Dabei wird der Klang des Humbuckers hell und glasig, ohne zu brummen.
  • Umgekehrt kann man bei einer Strat die Tonabnehmer seriell schalten. Dabei gewinnt man Mitten und Ausgangsleistung.
  • Früher wurden die Spulen auch oft phasenverdreht geschaltet. Es entsteht ein sehr hohler Klang, der wenig Ausgangsleistung besitzt und, zumindest ohne einen anderen Tonabnehmer, schrill und unschön klingt.

Es gibt noch eine Menge kleiner Tricks und Kniffe, um einer Gitarre neue Klangvarianten zu entlocken, ohne gleich große Summen für einen neuen Tonabnehmer über den Tresen zu schieben. Da man inzwischen Potis bekommt, die auch eine Schaltfunktion ausüben können, ist es problemlos möglich, mit neuen Schaltungen zu experimentieren ohne das Instrument mit Löchern zu verschandeln.

Ob die neuen Schaltungsvarianten sinnvoll, oder Humbug sind, kann man nur selbst feststellen - auf jeden Fall spitzt es das Ohr und erweitert den Horizont für das Instrument und neue Klänge.

Bemerkung vom Juni 2001: Wie bereits erwähnt, beschäftigt sich Helmuth Lemme seit mehr, als 25 Jahren mit Tonabnehmern und Schaltungen. Wer mehr erfahren will, kommt mit diesem Link auf seine Seite: Gitarrenelektronik

© Walter Kraushaar, 2001

 
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