Walter Kraushaar Collection


WAS IST TEMPERIERTE STIMMUNG?

SINGEN IN DER SAUNA?

Als Windows 95 auf den Markt kam, ging ein Geschrei durch die Presse: Das System habe Fehler. Monatlich werden Tausende von Autos in die Vertragswerstätten zurückgerufen, weil der Airbag auslöst, wenn man den Scheibenwischer und den Zigarettenanzünder gleichzeitig betätigt, und alle hatten ihre helle Freude, als ein Journalist sein MB Spielzeug vor einem Elch zum Kippen brachte, auch wenn Otto Normalverbraucher eher eine ganze Schulklasse niedermähen würde, bevor er ein solches Lenk - Bremsmanöver wagte. Schon gar nicht, wenn er Vorfahrt hat...

Kurz gesagt: Dinge, die nicht vollkommen sind, finden in unserer Gesellschaft meist keinen Zuspruch. Wer würde dabei auf den Gedanken kommen, daß es noch immer Dinge auf diesem Planeten gibt, für die es keine perfekte Lösung gibt? Eines von diesen Dingen ist unsere "wohltemperierte Stimmung". Damit ist unser bekanntes Tonsystem gemeint, das sich in der gesamten westlichen Hemisphäre seit 300 Jahren verbreitet hat.

Pythagoras von Samos fand schon 550 v. Chr. anhand schwingender Saiten heraus, daß die einzelnen Töne einer Tonleiter im ganzzahligen Verhältnis zur gesamten Saitenlänge stehen.

Das klingt komplizierter, als es ist. Anhand der reinen Intervalle wird das leicht deutlich:

Die Oktav des Grundtons einer Saite bekomme ich, wenn ich sie halbiere (Verhältnis 1 / 2). Die Quinte erhalte ich, indem ich die Saite im Drittel verkürze (Verhältnis 2 / 3). Die Quarte, in dem ich sie im Viertel teile (3 / 4) ...u.s.w. Wenn man dieses Pytagoräische System, was innerhalb einer Oktave unbestritten ist, jedoch mathematisch angeht, tritt ein Problem auf: Wir bekommen unsere Intervalle nicht mehr schlüssig in einem Tonsystem unter, wenn dieses System mehrere Oktaven umfassen soll.

Ein Beispiel: Wenn ich 12 Quinten übereinander spiele, müßte ich zu einem Ton gelangen, der 7 Oktaven über dem Grundton liegt. Mathematisch hieße das: (2 / 3)12 = 0,0077073 ist gleich (1 / 2)7 = 0,0078125. Auch die Pytagoräische Terz kommt rechnerisch nicht zu einer Gleichung. Die Differenzen sind deutlich und hörbar. Weil aber Musiker früher immer auch Mathematiker und Naturwissenschaftler waren, stritten sich Jahrtausende lang die, die der Mathematik den Vorzug gaben mit denen, die ihre Ohren gebrauchten. Grob vereinfacht und wenig recherchiert sage ich jetzt mal: Mit Adolf Werckmeister setzte sich ab 1686, unterstützt durch Johann Sebastian Bach (Das wohltemperierte Klavier) in Europa die "wohlklingende Temperatur" durch. Diese besagt nichts anderes, als daß man nur noch einen reinen Intervall zuläßt: Die Oktav. Alle anderen Intervalle werden seit dem mathematisch vermittelt. Dadurch mußte die Reinheit der Quinten jedoch vernachlässigt werden. Auch alle anderen Intervalle mußten leichte Ungenauigkeiten hinnehmen.

Auf dem Hintergrund kann man verstehen, warum es den Beruf des Klavierstimmers gibt. Beim Klavier trifft der Hammer einer Taste (außer bei den Bässen) drei Saiten. Diese Leute haben es raus, einem Ton, der durch drei sehr leicht ungleich gestimmte Saiten erzeugt wird, genau so viel "Nebel" zu geben, daß die Schwächen unseres temperierten Tonsystems gar nicht, oder kaum mehr auffallen.

Da haben es die Gitarristen schon schwerer : Sechs Saiten, temperierte Bundierung, Dehnung der Saite, Steifheit der Saite und wenig Möglichkeiten auszugleichen, da die Position des Bundes und die Saitenspannung erst mal den Ton macht. Mancher Gitarrist wird schon festgestellt haben, daß trotz "perfekt" gestimmtem Instrument manche Harmoniewechsel hart, ja fast unsauber klingen. Feine Ohren werden sich ewig an diesem Tonsystem stoßen, das ein Kompromiß ist, für das aber bisher noch keine bessere Lösung gefunden wurde. Damit muß man als Musiker einfach leben lernen.

Jawoll.. leben lernen. Ganz hilflos sind wir nämlich nicht. Manchmal tut man sich einen Gefallen, das Stimmgerät einfach weg zu legen und bei einem besonders reibendem Harmoniewechsel das Ohr entscheiden zu lassen. Diese Plastikdosen mit Zeigern und LED’s sind eine unersetzbare Hilfe, wenn es schnell gehen soll, oder wenn man in tune mit den anderen sein will, ohne überflüssigen Krach zu machen. Letztlich sollte man jedoch nicht vergessen, daß wir Musik mit den Ohren machen. Der Glaube an die Allmacht dieser Hörgeräte wirft oft andere Probleme auf: Nehmen wir z.B. den Harmoniewechsel F-Dur / A-Dur. Hier haben wir auf G und H Saite erst eine kleine, dann eine große Terz. Das klingt meist übel; da kann uns unser kleiner taiwanesischer "Flequenzanzeigel" leider auch nicht weiter helfen! Wenn dieser Wechsel aber wichtig für den Song ist und nervt, kann man entweder versuchen, einen Kompromiß in der Stimmung zu finden, oder die Terz auslassen, oder es in einer anderen Lage auf dem Griffbrett versuchen. Dies kann man bei einem guten Gitarrenlehrer lernen, genauso, wie man einen "harten" Akkord im Spiel nachintoniert. Zum Schluß will ich noch erwähnen, daß es auch viele Instrumente gibt, die aufgrund ihrer Einstellung eine saubere Intonation bei allem Können nicht zulassen. Da können Instrumentenbauer Abhilfe schaffen.

Daß das nie 100-prozentig hinhaut, muß jedoch ein Geheimnis zwischen Musiker und Gitarrenbauer bleiben, denn wenn da die Presse die Nase dran bekommt....

© Walter Kraushaar, 2001

 
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