The Theory Collection


Harmonisierung von nicht-Dur-Leitern.

Leiter-Harmonisierung, die Zweite

Nun, ganz bestimmt ist das Thema Harmonisierung [Nicht Hormonisierung! d.S.] noch ganz präsent und dicht im Zugriff, ... oder? Und wenn nicht, kann man das Thema ja noch einmal nachlesen. Und die Methoden und Regeln brauchen wir jedem Fall. Also wenn man eben dieses Prinzip der Harmonisierung intus hat, könnte man ja, wie schon im obigen Artikel erwähnt, auf die sinnige Idee kommen:

Harmonisierung von Nicht-Dur-Leitern

Und genau darum geht es, und wieder um das gleiche Thema wie bei der Auswalzung von Harmonisierten Leitern und Modes: Kadenzen, Riffs, Linien. Bleiben Sie ruhig, ... ich hole Hilfe ...

In medias res: Harmonisieren einer Leiter heisst, auf allen Noten einer Tonleiter durch Terzschichtung jeweils einen Akkord aufzubauen, der nur Noten der zugrundeliegenden Leiter enthält (für diesen Satz könnte ich mich selber knutschen). Macht man das für eine Dur-, besser und genauer eine Ionische Leiter, ergab sich ja folgendes Bild:

I

ii

iii

IV

V

vi

vii

VIII/I

C

D

E

F

G

A

B

C

C major

D minor

E minor

F major

G major

A minor

B dim

C major

Wenn wir nun diese Harmonisierung mal nicht für C-Dur, sondern für A-Moll hinter uns bringen, ist das Ergebnis so:

i

ii

III

iv

v

VI

VII

viii/i

A

B

C

D

E

F

G

A
A minor B dim C major D minor E minor F major G major A minor

Überrascht uns dieses Ergebnis? Natürlich nicht, denn als parallele Moll-Leiter von C-Dur hat A-Moll die gleichen Noten, und damit kommen auch pro Note die gleichen Akkorde heraus. Was aber schon interessant ist: obwohl die gleichen Akkorde verwendet werden, wird die Sequenz dieser Akkorde anders empfunden. So viel dazu, wie weit wir unserer Wahrnehmung trauen können.

Harmonisierte C-Dur-Leiter:
Harmonisierte A-Moll-Leiter:

So what?

Bis hierhin war es einfach und übersichtlich. Zumindestens, was Harmonisierung von Natürlich-Moll angeht. Die nächste Frage aber, in Rückblick auf unsere Kadenz-Experimente in den Modes+Akkorden: kann man denn Kadenzen auch auf anderen Leitern als Dur und Natürlich-Moll aufbauen? Natürlich kann man das, und unsere Voll-Kadenz für die Leiter Natürlich-Moll bekommt so ein ganz anderes Gesicht als die Voll-Kadenz über die Dur-Leiter. Quarten-orientierte Voll-Kadenz über A-Moll. Und noch mal im Vergleich die Dur- und die Moll-Version ...

Voll-Kadenz C-Dur:
Voll-Kadenz A-Moll:

Da rückt uns doch Still Got The Blues noch ein wenig näher. Genau so hat's Gary Moore nämlich gemacht. Das Stück ist eine Voll-Kadenz über Moll (D-Moll, wenn ich mich recht erinnere). Und auch hier geht die Story des letzten Kapitels weiter, nämlich dass man Teile der Voll-Kadenz ausschneiden kann, und dass man nur Teile der Voll-Kadenz verwendet, u.s.w. u.s.f. ...

Ja wo sam'mer denn nu'?

Jetzt sind wir ein wenig vom eigentlichen Thema abgekommen, oder auch nicht. Auf jeden Fall wird nun sichtbar, dass am Ende alle Themen irgendwie zusammenkommen, Harmonielehre, Rhythmik, Songwriting, Artikulation. Aber schaffen wir uns weitere Experimentier-Felder für unsere musikalischen Angelegenheiten: Harmonisierung jenseits von Ionisch und Äolisch. Harmonisierung als Labor für neue musikalische Ideen.

Dass wir nun nicht anzufangen brauchen, die Modes für Dur zu bearbeiten, ist uns wohl klar (warum nämlich ...?). Aber es gibt ja noch andere Leitern, die nicht direkt mit der Dur-Leiter und den dazugehörigen Modi verbunden sind, also zum Beispiel ...

Harmonisch Moll

Was ist Harmonisch Moll? Die HM-Leiter ist aus NM (Natürlich Moll) abgeleitet, und hat eine andere Bildungsregel. Und die ist für HM so, dass gegenüber NM die VII. Stufe um einen Halbton erhöht ist. Bezieht man sich wieder auf A-Moll als Basis, sähe A-HM so aus:


Was bedeutet denn nun diese eigentlich geringfügige Änderung (kleine Septime wird grosse Septime, nun drei Halbton-Schritte und ein Eineinhalb-Tonschritt) für die Harmonisierung? Tun wir einfach so, als wüssten wir von nichts und machen unser Spiel: diatonisches Stapeln von Terzen.

Note Stufe Intervalle Akkord
A

i
1 - b3 - 3 minor
B

ii
1 - b3 - b3 dim
C

III
1 - 3 - 3 augm
D

iv
1 - b3 - 3 min
E

V
1 - 3 - b3 major
F

VI
1 - 3 - b3 major
G#

vii
1 - b3 - b3 dim

Na, das ist ja witzig, wie hier nur diese Anhebung des Leittones, der Septime, ein doch etwas merkwürdiges Bild an Stufen-Akkorden ergibt. Und noch schlimmer: wenn Ihr es tatsächlich gemacht habt, werdet Ihr festgestellt haben, dass es in einigen Stufen gar nicht eindeutig ist, sondern mehrere Akkorde möglich sind.

Und welche nimmt man dann? Da orientiert man sich an entweder an der NM-Leiter, oder an der Differenz zwischen NM und HM. Linkes Bild ist aber die 'offizielle' Version der harmonisierten HM-Leiter.

Na, da wird's ja schon ganz schön exotisch ...

 Stufen-Akkorde Harmonisch Moll:

Und noch exotischer ...

Und dann gibt es da ja auch noch ganz krumme, oder ganz gerade Leitern, z.B. Ganzton-Leitern. Die bestehen nur aus Intervallen mit Ganztönen. Zum Bleistift:

A-Ganzton-Leiter: A B C# D# F G A

Macht doch mal dafür eine Harmonisierung! Und Ihr werdet überrascht sein, oder auch nicht. Aber so hört sich das dann an:

Stufen-Akkorde A-Ganztonleiter:

Getz is'ses soweit! Getz dreht'er ab!

Ich wollte nur zeigen, dass

  • man (fast) alle Leitern harmonisieren kann, (welche kann man nämlich nicht harmonisieren? Na, ...? Und bei
    welchen lohnt es sich nicht?)
  • sich aus und für diese Stufen Kadenzen bilden lassen
  • und dass sich aus Voll-Kandenzen Teil-Kadenzen ausschneiden lassen, die wiederum sehr prägnante oder harmonische Ansätze für Songs bilden.

Das Angebot an Leitern für solche Zwecke ist gross, und nicht immer exotisch. Hier noch ein paar Ingredienzien für Tonleiter-Studien:

Harmonisch Dur:  Intervalle: 1 2 3 4 5 b6 7
Melodisch Moll: Intervalle: 1 2 b3 4 5 6 7
Melodisch Dur: Intervalle: 1 2 3 4 5 b6 b7
Doppelt-Harmonisch Dur: Intervalle: 1 b2 3 4 5 b6 b7
Doppelt-Harmonisch Moll: Intervalle: 1 2 b3 #4 5 b6 7

Genug des grausamen Spiels ...


Im einfachsten Fall der Kadenz-Bildung sind es dann so Abfälle wie I - IV - V für C-Dur als ABBA-Plagiate (nicht die Songform, sondern die IKEA-Band), oder einfach komplette Voll-Kadenzen a'la Still Got The Blues, oder exotische Kombinationen. Unter diesem Gesichtspunkt macht es also schon Sinn, sich durch eine Tabelle mit Kadenzen durchzuwühlen und mal genauer hinzuhören, und sich vor allen Dingen mit den entsprechenden Stufen-Akkorde einzulassen. Die Arbeit mit diesen Kadenzen und einer ungewohnten Leiter ist in jedem Fall fruchtbar.

Die andere Sache ist die Umkehrung der Zusammenhänge zwischen Leiter und Kadenzen bzw. Akkord-Folgen. So kann man bei Servieren einer Akkord-Folge durch Keyboarder/Gitarrist versuchen zu analysieren, ob es nur eine Akkord-Folge ist, oder ob eine tatsächliche Kadenz vorliegt. Und wenn letzteres der Fall ist, kommen eine Menge zusätzliche Informationen hinzu, z.B. über die mögliche Ableitung und Anwendung von Modi.


Doch, ich gebe zu, das war schon hart. Aber für mich ist die Erkenntnis abgefallen, dass scheinbar nüchternste Theorie in Praxis umsetzbar ist. Ich hatte mich lange gegen eine Beschäftigung mit den Modi gewehrt, muss nun aber feststellen, dass es mir einen neuen Kick gegeben hat, und ich glaube, das das auch für andere 'ernsthafte' Musikusse von Vorteil ist. Ein Beispiel: der Riff Of The Week 19/99: Akkord-Folge und Modes für den Bass.

In diesem Sinne ...

 
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